Christopher Vogt
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Über die Ergebnisse der verschiedenen Bildungsstudien der vergangenen Jahre haben wir quasi in jeder Sitzung diskutiert. Das Leistungsniveau nimmt im Durchschnitt leider seit Jahren ab. Das sehen wir aktuell in erschreckender Form bei den Mathematikergebnissen beim Mittleren Schulabschluss in Schleswig-Holstein. Der Landesschnitt bei der zentralen schriftlichen MSA-Mathematikprüfung – die Noten der mündlichen Prüfungen werden ja nicht landesweit erhoben – beträgt in diesem Jahr 4,22. Das ist aus unserer Sicht inakzeptabel. Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler haben eine 4, 5 oder 6 geschrieben. Fast jeder Zweite hat eine 5 oder 6 geschrieben. Das sind über 4.300 Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein. Es haben mit 8,2 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler eine 6 geschrieben als die Note 1 oder 2 zusammengenommen. Ich räume ein, dass auch ich als Schüler gelegentlich schlechte Mathenoten hatte, aber die aktuelle Entwicklung ist aus meiner Sicht wirklich verheerend. (Beifall FDP, SPD und SSW) Man sollte nicht drum herumreden: Das ist ein echtes Desaster. Das muss endlich nennenswerte Reaktionen der Landesregierung nach sich ziehen. Es geht ja nicht irgendwie um ein paar ärgerliche Noten, sondern es geht um die beruflichen Chancen der jungen Menschen in unserem Bundesland. Klar ist aus unserer Sicht: Der Mathematikunterricht muss in Schleswig-Holstein endlich deutlich gestärkt werden. Es kann nicht so weitergehen wie bisher. Mich beunruhigt erneut die Erklärung des Bildungsministeriums: Das Ministerium verweist im Wesentlichen auf die Folgewirkungen der Pandemie, eine heterogenere Schülerschaft durch die Migration und insgesamt mehr emotionale Probleme und psychosoziale Auffälligkeiten. Das ist mit Sicherheit alles zutreffend, und immerhin wurde nicht – wie zuvor bei den Abiturnoten – wieder auf eine besonders strenge Benotung in Schleswig-Holstein verwiesen. Diese Entwicklungen sind weder neu noch die ganze Wahrheit: Die Realität ist doch, dass die Integration und vor allem die Inklusion an unseren Schulen oftmals nicht funktioniert. Die Schulen werden damit viel zu sehr alleingelassen. In Schleswig-Holstein fällt einfach zu viel Unterricht aus, was sich nach den Plänen der Landesregierung sogar noch weiter verschlimmern soll. In unserer Kleinen Anfrage zu diesem Thema wollten wir wissen, wie viel Mathematikunterricht an unseren Schulen ausfällt. Wie viele Stunden werden gestrichen, fallen ersatzlos aus oder werden fachfremd erteilt? Die Antwort der Landesregierung lautete: Diese Daten werden statistisch nicht erhoben. Offenkundig ist: Wir haben – gerade auch im Fach Mathematik – ein zunehmendes Fachkräfteproblem, auf das die Landesregierung endlich stärker und pragmatischer reagieren muss. Man darf nicht den Kopf in den Sand stecken: Das Startchancen-Programm des Bundes kann und wird ein Baustein sein, um die Leistungen im Fach Mathematik zu verbessern. Es muss in Schleswig-Holstein konsequent umgesetzt werden. Zudem sollte es auch verstärkt um neue didaktische Ansätze gehen, die zur aktuellen Schülergeneration besser passen als ältere Konzepte. Als Opposition wollen wir ausdrücklich nicht nur immer wieder auf die größer werdenden Probleme hinweisen, sondern auch konkrete Lösungen vorschlagen in der Hoffnung, dass wir die Landesregierung zumindest ein Stück weit antreiben können. Ich habe dazu heute mit großem Interesse die Pressemitteilung der Jungen Union gelesen. Sie kritisiert brav die Opposition, sie lobt brav die Koalition. Allerdings muss ich sagen: Beim Thema Textverständnis gibt es noch Luft nach oben. (Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie lobt nicht die Grünen!) – Inklusive der Grünen. Das hat mich am meisten schockiert; das ist nicht mehr meine Junge Union. (Beifall FDP, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und SSW) Das macht wenig Hoffnung, dass die Bildungspolitik der CDU absehbar besser wird. Wie schon im Jahr 2022 machen wir als Opposition gemeinsam verschiedene Vorschläge, um den Mathematikunterricht in Schleswig-Holstein zu stärken. Erstens die Einführung einer Fortbildungspflicht für Mathematiklehrkräfte, die keine Mathematik-Fachlehrkräfte sind; zweitens die probeweise Einführung von Assistenzkräften im Mathematikunterricht, um näher an den individuellen Lernpro- (Christopher Vogt) zess heranzukommen; drittens ein Recht auf Förderstunden, Trainingsstunden oder Sprechstunden für Schülerinnen und Schüler, die auf der Note 5 oder schlechter stehen – ich persönlich könnte mir auch eine verpflichtende schulische Nachhilfe, wie zum Beispiel in Hamburg, vorstellen –, (Beifall FDP, vereinzelt SPD und SSW) viertens die Aktualisierung des Masterplans Mathematik, die uns ebenfalls dringend geboten erscheint. Die Koalitionsfraktionen sehen diesen Bedarf in ihrem Alternativantrag offensichtlich auch. Ich schlage deshalb vor, dass man beide Anträge an den Bildungsausschuss überweist und dort vertiefend berät. Das Thema ist von großer Bedeutung für die Chancen unserer Kinder und Jugendlichen und die Zukunft unserer Gesellschaft. Ich sehe die Landesregierung hier bisher nicht auf einem guten Weg. Meine Sorge ist, dass sich die Situation weiter verschlechtern wird. Deshalb ist eine ernsthafte Diskussion über Lösungen dringend geboten. Ich wünsche mir, dass wir das gemeinsam im Ausschuss weiter beraten, und danke Ihnen ganz herzlich für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD und SSW)
