Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Schulen sind Experten in eigener Sache. Gerade weil die Unterschiede in Größe, Schwerpunkten und sozialer Herkunft der Schülerinnen und Schüler bereits in einer Stadt erheblich sein können, müssen die Schulen möglichst viel Freiraum haben, um optimale Ergebnisse erzielen zu können. Für mich als Pädagogin ist es ein Herzensthema, den Schulen Entscheidungsfreiheit zu gewähren. Zentralistische Vorgaben sollten nur dort zum Zuge kommen, wo es unbedingt nötig ist. Vor diesem Hintergrund ist die Öffnung durch eine sogenannte Experimentierklausel ausdrücklich zu begrüßen. Lehrkräfte können nach ihren Kompetenzen neue Wege einschlagen. Sie können sich ausprobieren, was natürlich auch bedeutet, dass Experimente einmal misslingen. Ich habe großes Vertrauen in die Kompetenzen gerade der jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die von den Hochschulen mit ganz neuen Lehrund Lernkonzepten kommen. Wie oft werden sie aber zurückgepfiffen, weil sich das Kollegium nicht traut oder scheut, eingetretene Pfade zu verlassen. Das Beharren auf Bewährtem führt oft zu Demotivation, das merken nicht nur die Lehrkräfte, sondern auch Schülerinnen, Schüler und Eltern. Die Experimentierklausel ist richtig, allerdings ist noch nicht einmal ein Jahr ins Land gegangen, und schon gieren die Regierungsfraktionen nach Erfolgen. Vorhaben, die die Schulen im Rahmen der Experimentierklausel durchführen möchten, mussten bis zum 29. Februar 2024 eingereicht werden. Bis dahin musste das Freitagsforum des IQSH im Rahmen einer Sprechstunde viele Fragen beantworten. Faktisch ist das Jahr noch gar nicht um und wenn, kann die Ministerin nur erste Berichte einiger Schulen geben. Das ist genau das, was man gemeinhin unter anekdotischer Evidenz versteht. Damit erweisen wir der guten Absicht der Experimentierklausel einen Bärendienst. Ich plädiere dafür, die Schulen erst einmal Erfahrungen machen zu lassen und diese dann einer systematischen wissenschaftlichen Auswertung zu unterwerfen. Wie viele Schulen hatten in den letzten Monaten überhaupt die Möglichkeit, Verfahren gemäß der Experimentierklausel zu beantragen, durchzuführen und auszuwerten? Darauf haben wir von der Ministerin heute mündlich eine Antwort bekommen, aber mich interessiert auch, wie die regionale Verteilung aussieht: Konzentriert sich das wieder nur auf einige Schulen, die sowieso schon ressourcenstark sind und die sich dafür die Zeit genommen haben? Ich gehe davon aus, dass das nicht einmal eine Handvoll ist. Bei einer kleinen Zahl bringt ein ministeriumsinterner Bericht, zumal nur ein mündlicher Bericht, für uns keine soliden Erkenntnisse. Die Antragsteller setzen alles daran, superschnell Ergebnisse zu sehen; wir hätten diesen Antrag (Jette Waldinger-Thiering) schon im Septemberplenum diskutieren sollen; da wird man manchmal im Eifer des Gefechts selbst überholt. Das übereilte, gehetzte Vorgehen bestärkt mich in meinem Misstrauen. Die Schulen sollen wieder einmal nur eines tun: eine erfolgreiche Kultuspolitik belegen. Wer nämlich gleichzeitig überlegt, die Zahl der Verfügungsstunden zu senken und damit auch die Zahl der Schulentwicklungsberater und ‑berater zu senken, wie wir im Ausschuss hören mussten, leistet den Schulen einen Bärendienst. Meine Kollegen Christopher Vogt und Martin Habersaat haben es schon angesprochen: Wir geben den Schulen immer mehr Aufgaben, und wir nehmen immer mehr weg für die zusätzlichen Aufgaben, die super wichtig sind, damit wir ein gutes pädagogisches Konzept in den Schulen haben können. Weiterentwicklung kostet zusätzliche Ressourcen. Ressource ist an den Schulen aber Mangelware Nummer eins. Deshalb ist mein Hauptkritikpunkt am vorliegenden Antrag, dass die Schulen immer mehr Aufgaben erledigen sollen, ohne dass ihnen dafür verlässliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Damit muss endlich Schluss sein. Wir sprechen über PerspektivKitas, wir sprechen über PerspektivSchulen, die Ressourcen kriegen. Wir haben in Schleswig-Holstein aber so viele andere Schulen, die nicht PerspektivSchule sind, die keine zusätzlichen Ressourcen kriegen, obwohl sie sie dringend benötigen. Die werden sich niemals an diesen Prozessen beteiligen können, weil die Lehrkräfte genügend damit zu tun haben, den normalen Schulalltag zu bewerkstelligen. Insofern produzieren wir wieder ein anderes Schulsystem, in dem einige etwas kriegen und die meisten nicht. Das finde ich nicht in Ordnung, das haben unsere Kinder nicht verdient. (Beifall SSW, SPD und FDP)
