Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wenn wir uns den Antrag und den Bericht genau anschauen, wird deutlich, dass wir doch eigentlich alle das Gleiche wollen: Unter dem Strich sollen unsere Sechsjährigen einen guten Schulstart haben, die Chancengleichheit soll erhöht werden, und die Heterogenität der Fähigkeiten in der Schuleingangsphase soll verringert werden. Auch besteht ein Konsens darüber, dass Sprache der Schlüssel zur Bildung ist. Deshalb sehe ich flächendeckende und verpflichtende Sprachtests oder Entwicklungsscreenings mit viereinhalb Jahren als eine zielführende Maßnahme an. (Vereinzelter Beifall SPD, Beifall Christian Dirschauer [SSW], Martin Balasus [CDU] und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Es stellt sich nur die Frage, wie aussagekräftig ein einmaliger Test ist, der allein die Sprachfähigkeit eines viereinhalbjährigen Kindes abbildet. Ein viereinhalbjähriges Kind steckt mitten in einer rasanten Entwicklungsphase. Ärzte wie auch Pädagogen verweisen immer wieder auf die Individualität der Entwicklungsprozesse und die Unterschiedlichkeit des Entwicklungstempos bei Kindern. Deshalb ist es gefährlich, nur auf das Merkmal Sprache zu schauen. Die Begutachtung muss ganzheitlich angelegt sein, und die grundsätzlichen kognitiven Fähigkeiten des Kindes müssen erfasst werden – und das mit dem Blick auf eine positive Prognose in der weiteren Entwicklung, denn bei Kindern unter sechs Jahren kann sich in anderthalb Jahren noch ganz viel entwickeln und verwachsen. Was macht dann mit den Kindern, die nach so einer Begutachtung von einer frühzeitigen Förderung profitieren würden? Die Antwort im Bericht der Landesregierung zu dem Übergang Kita–Grundschule und der Kompetenzförderung sind unter anderem das Modellprojekt EVi zur Einschätzung sprachlicher Kompetenzen und die intensive Sprachförderung SPRINT. Hier frage ich mich allerdings, wie das in der Realität aussehen soll. Die intensive Sprachförderung wird teilweise an Schulen angeboten. Wie soll ich mir das logistisch vorstellen? Statt den Logopäden und Sprachheilpädagogen in der Kita sollen dann Lehrkräfte Sprachförderung machen? Nebenbei sollen auch Sozialraumangebote für Abhilfe schaffen. Bei den zehn Prozent der Kinder, die aus verschiedensten Gründen keine Kita besuchen, soll das Ju- (Jette Waldinger-Thiering) gendamt mit sozialpädagogischen Familienhelfern und Hilfe zur Erziehung nachbessern. Das finde ich sehr unrealistisch. Kurzum: Viele Ideen zum Ausprobieren, aber weder EVi noch SPRINT sind flächendeckend und kurzfristig greifende Maßnahmen. Wir wissen, dass Bildung ab Geburt beginnt und dass die frühkindliche Bildung höchste Priorität haben sollte. Trotzdem werden in Schleswig-Holstein Kitabildung und Schulbildung noch nicht gleichgesetzt. Viele unserer europäischen Nachbarn tun dies bereits traditionell. Hier sind die Übergänge fließend. Am Beispiel der nullten Klassen in Dänemark sieht man, wie Übergänge flexibel gestaltet und von der Krippe bis zur Uni funktionieren können. Die Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule ist eine immens wichtige Stellschraube. Bei uns in Schleswig-Holstein beschränkt sich diese Zusammenarbeit auf einen undefinierbaren Kooperationsvertrag. Auch wenn das Thema Kooperationsvertrag weiterentwickelt werden soll, reicht dieses Konstrukt nicht aus. Das zeigt auch meine Kleine Anfrage, die ich vor zwei Jahren dazu gestellt habe, und die Reden vom letzten Jahr dazu. Die Landesregierung beziehungsweise das Ministerium macht hier nur stichprobeartige Kontrollen, um zu gucken, ob tatsächlich Kooperationsverträge geschlossen worden sind. Man kann so viel darauf hin verweisen, aber wenn das nicht ausgeführt wird – wir wissen alle, wir haben immer noch eine freie Schulwahl –, (Beate Raudies [SPD]: Eine freie Kitawahl!) dann muss man das echt mal auf eine Schiene bringen, damit es verlässlich kontrolliert werden kann und die Kinder am Ende des Tages einen Nutzen davon haben. (Beifall SSW und SPD) Für fließende Übergänge im Bildungssystem benötigen wir klare Vorgaben und Verbindlichkeiten. Nur so kann es gelingen, die Kinder von Anfang an zu begleiten, zu beobachten, zu fördern und zu fordern. Es muss mehr Flexibilität entstehen und Konzepte aus dem Kitabereich in die Grundschule einfließen und umgekehrt, besonders im Hinblick auf knappe Kassen und den Fachkräftemangel. Denn es ist noch mal ganz wichtig zu betonen: Egal, wie viel Geld wir jetzt da reinstecken, uns fehlen am Ende des Tages die Fachkräfte, die das umsetzen könnten. Es gilt auch, Ressourcen zu bündeln, statt Parallelstrukturen aufzubauen. Vereinfacht gesagt: Wir müssen die Schuleingangsuntersuchung vorziehen und sie verbindlich machen. Meine Kleinen Anfragen zeigen auch, dass viele, viele Kinder gar keine Schuleingangsuntersuchung gehabt haben. Wenn sie dann stattgefunden hat, dann war das zum Teil erst in den Sommerferien, wenn sie danach zum Schuljahresbeginn in die 1. Klasse kommen. Wir müssen die Einschulungsuntersuchungen vorziehen und auf Viereinhalbjährige anpassen und dann Synergieeffekte nutzen, um alle Möglichkeiten aus Kita und Grundschule in der Vorschulphase zu bündeln und dabei auf eine realistische Umsetzung zu achten. Ich habe noch eine Verständnisfrage an die Ministerin: Sie haben gesagt, in Hamburg habe es 30 Jahre gedauert. Der Abgeordnete Balasus sprach davon, dass jetzt die Trendwende kommt. Dauert das bei uns jetzt auch 30 Jahre, bis wir flächendeckende Sprachtests in Schleswig-Holstein haben? Ich finde nichtsdestotrotz: Wenn andere Bundesländer – dann ist es egal, ob es Hamburg, Baden-Württemberg oder das Saarland sind – gute Dinge erprobt haben, dann müssen wir in Schleswig-Holstein diesen tiefen Teller nicht noch einmal erfinden, dann müssen wir die guten Resultate daraus nehmen und bei uns umsetzen. Insofern: verlässliche Schuleingangsuntersuchungen, verlässliche Kooperationsvereinbarungen zwischen Kita und Grundschule und – was mir auch wichtig ist – vernünftige Fortbildung für Lehrkräfte und Pädagogen, damit sie der Heterogenität der Kinder gewachsen sind, denn ohne gutes Fachpersonal wird es niemals etwas werden. (Beifall SSW und SPD)
