Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Vielen Dank, dass Sie mir das Wort erteilt haben. Auch ich freue mich, dass ich heute dazu reden darf. Das Beste an diesem Antrag ist, dass wir es wieder gemeinsam geschafft haben, etwas für die Frauen in Schleswig-Holstein zu tun. (Beifall) Das Zweitbeste an dem Antrag ist, dass wir schon etablierte Beratungsstrukturen haben. Nun geht es darum – das haben meine Vorrednerinnen bereits gesagt, und das steht auch im Antrag –, dass wir eine auskömmliche Finanzierung sichern. Alles andere an diesem Thema ist eher wenig erfreulich und wirft kein gutes Licht auf unsere Gesellschaft. Denn – seien wir ehrlich – eine Umstiegsberatung benötigen ja nicht nur diejenigen Sexarbeiterinnen, die diesem Beruf legal, aus freien Stücken und auf eigene Rechnung nachgehen, sondern diejenigen, die aus unterschiedlichen Notsituationen heraus in der Prostitution gelandet und dann hängen geblieben sind, aus Mangel an Alternativen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, aus Angst, weil sie in der Illegalität leben und fürchten, aus Deutschland ausgewiesen zu werden, oder aus Angst, ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten zu können, weil ihnen keine Sozialleistungen zustehen. Immerhin 80 Prozent aller Sexarbeiterinnen kommen aus dem Ausland, viele von ihnen aus Osteuropa. Ist die Arbeit weg, ist auch das Aufenthaltsrecht weg. Gerade darum ist es so wichtig, diesen Frauen ein niedrigschwelliges Angebot zu machen. Wichtig ist vor allem, dass die Frauen davon erfahren, dass es solche Angebote gibt. Nur mit einer auskömmlichen Finanzierung können die Beratungsangebote vor Ort präsent sein und ausreichend qualifizierte Beraterinnen, auch mit unterschiedlichen Muttersprachen, vorhalten. Es ist schade, dass der Abschlussbericht des aus Bundesmitteln finanzierten Projektes AQUA noch nicht vorliegt. Dieser hätte wertvolle Hinweise für die Arbeit der Beratungsstellen liefern können. Denn am Ende sind es leider nur recht wenige, die sich an eine Beratungsstelle wenden, weil sie aus der Prostitution aussteigen wollen. Gerade die Frauen aus Osteuropa, die – auch das gehört zur Wahrheit – längst nicht immer freiwillig bei uns sind, sind mit solchen Beratungsangeboten sicherlich schwer zu erreichen. Ebenso diejenigen, die ohnehin in der Illegalität leben und arbeiten. Gerade um auch diese Frauen erreichen zu können, braucht es neben der Beratung Schutzwohnungen. Denn nur wer sicher wohnen kann, ist auch frei in seinen Entscheidungen. Das fehlende Dach über dem Kopf, die Angst vor Ausweisung aus Deutschland darf die Frauen nicht dazu zwingen, weiter als Sexarbeiterinnen tätig zu sein. Wir dürfen nicht diejenigen bestrafen, die unter schwierigsten Bedingungen Hilfe suchen. Wir müssen diesen Frauen sichere Schutzräume bieten, in denen sie Zeit bekommen, ein neues Leben zu organisieren. Gerade hier konkurrieren die Frauen natürlich mit denjenigen, die ebenfalls Schutzwohnungen benötigen, weil sie von Gewalt betroffen sind, und mit denen, die Wohnraum benötigen, um Obdachlosigkeit zu verhindern oder zu beenden. Wir können (Jette Waldinger-Thiering) uns aber – auch bei knappen Kassen – nicht leisten, Menschen in Not gegeneinander auszuspielen. Noch immer leben wir in einem der reichsten Länder der Welt; da müssen wir den Schwächsten den Schutz bieten können, den sie brauchen. Alles andere ist unwürdig. Machen wir uns nichts vor: Die Sexarbeit ist ein gefährlicher Beruf, der oft eng mit kriminellen Milieus verknüpft ist, das Risiko von ansteckenden Krankheiten birgt und bei dem Gewalt leider kein Einzelfall ist. Das ist es, was uns gesellschaftlich nicht gut zu Gesicht steht, dass so viele Menschen es legitim finden, Sex zu kaufen, als wäre das ein Haarschnitt beim Friseur. Darum ist jede Frau, die aussteigt, ein Erfolg. Umso mehr freue ich mich, dass wir diesen Antrag gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Wir dürfen hier nicht nachlassen, auch wenn die Spielräume im Haushalt kleiner werden. Ich darf meine geschätzten frauenpolitischen Sprecherinnen und die Ministerin am 22. November 2024, dem Freitag während der Landtagstagung, um 8:30 Uhr einladen. Es stehen noch viele Themen auf unserer Agenda. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall)
