Christian Dirschauer
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Ausgangslage zu diesem Tagesordnungspunkt ist zwar allgemein bekannt, aber deswegen nicht weniger besorgniserregend. Die psychosozialen Belastungen bei den Schülerinnen und Schülern sind groß, und das Hilfesystem für sie ist längst überfordert. Leider gilt das sowohl für den therapeutischen Bereich als auch für die psychosoziale Jugendhilfe. Klimakrise, Pandemie und Kriege sorgen gerade bei den jungen Menschen für eine große Verunsicherung und für Angst, und spätestens seit Corona zeichnen immer mehr Studien zur Situation von Kindern und Jugendlichen ein durchaus düsteres Bild. Psychische Erkrankungen wie Angst und Anpassungsstörungen und sogar Suizidversuche haben in den Jahren der Pandemie signifikant zugenommen. Aber auch heute, im Jahr 2024, muss man leider feststellen, dass die Rückkehr zur Normalität für den Schulbetrieb als solches gilt, aber sich das Ausmaß der psychosozialen Belastungen bei den Schülerinnen und Schülern nicht auf einem Normalniveau oder auf einem akzeptablen Niveau bewegt. Allein die Tatsache, dass sich bereits vor der Coronapandemie jeder fünfte Jugendliche psychisch belastet gefühlt hat, ist alarmierend genug; mittlerweile ist es schon fast jeder dritte Jugendliche. Aus meiner Sicht müssen wir diese Zahlen viel ernster nehmen, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sich die Wartezeiten für ein Erstgespräch oder auf einen Therapieplatz im gleichen Zeitraum verdoppelt haben. Darüber hinaus kommt eine Unterversorgung in einem Flächenland wie SchleswigHolstein besonders schwer zum Tragen. Vor diesem Hintergrund kann ich nur begrüßen, dass die SPD die psychische Gesundheit an den Schulen und die psychosoziale Versorgung der Schülerinnen und Schüler hier und heute als Thema platziert. Es kann auch kaum überraschen, dass der SSW die im Antrag enthaltenen Forderungen der SPD teilt. (Beifall SSW und SPD) Machen wir uns einmal ehrlich und erkennen das Problem in seinem Ausmaß an. Der SPD-Antrag enthält eigentlich auch nur das absolute Minimum des Nötigen. Das muss man einfach sagen. Der Alternativantrag mit seinen Prüfaufträgen greift leider zu kurz. Diesem Antrag können wir ebenfalls zustimmen; er tut nicht weh. Wir brauchen hier aber viel mehr als die sprichwörtliche Feuerwehr. Wir müssen deutlich stärker auf Prävention setzen und die psychosoziale Versorgung so organisieren, dass sie die Kinder und Jugendlichen frühzeitig erreicht. Psychische Belastungen, die im Kindesund Jugendalter entstehen, wirken sich in nahezu allen Entwicklungsbereichen negativ aus. Unbehandelt führen sie zu weiteren psychischen Störungen, zu Problemen in der sozialen Teilhabe sowie zu schlechteren Schulleistungen und damit zu schlechteren Bildungsabschlüssen. Darüber hinaus wird das Störungsbild immer komplexer, je länger es besteht, und der Leidensdruck immer größer. Es ist längst erwiesen, dass zwei Drittel aller psychischen Erkrankungen bei Erwachsenen bereits im Kindesalter aufgetreten sind. Auch deshalb bedarf es einer Prävention, die langfristig Vorrang vor einer reinen Symptombekämpfung haben muss. In der letzten Debatte zu diesem Thema hat meine Kollegin Sybilla Nitsch darauf hingewiesen, dass Schulen mehr sind als Orte, an denen Kinder und Jugendliche fachliche Inhalte erlernen. Das ist und bleibt natürlich völlig richtig, weil Schulen den klaren Auftrag haben, den Schülerinnen und Schülern (Christian Dirschauer) den Ausbau ihrer sozialen und emotionalen Kompetenzen und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Daraus folgt, dass wir nicht nur das Hilfesystem außerhalb, sondern vor allem die entsprechenden Ressourcen in den Schulen stärken müssen. Daher ist es nur folgerichtig, dass wir neben der Schulpsychologie das gesamte multiprofessionelle Team in den Blick nehmen und an dieser Stelle alle Professionen stärken. Alle hier Tätigen leisten einen Beitrag zur Unterstützung psychosozial belasteter oder kranker Kinder und Jugendlicher. Nicht zuletzt haben sie oft eine wichtige Lotsenfunktion und können dafür sorgen, dass die Betroffenen schneller und niedrigschwelliger in eine psychotherapeutische Versorgung vermittelt werden. Das sollte in unser aller Interesse sein. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW und SPD)
