Lars Harms
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wer sich für Fußball begeistert und bei einem Spiel im Stadion live dabei ist, merkt schnell, wie aktive Fankultur die Stimmung im Stadion – auch im übertragenen Sinne des Wortes – anheizt. Große und beeindruckende Choreografien oder Bühnenbilder insbesondere der Heim‑, aber auch der Gästefans sind heute ein wichtiger Teil der Fankultur und aus den Stadien nicht mehr wegzudenken. Diese inszenierten Bilder, die sich zum Teil über den gesamten Fanblock erstrecken, sind durchaus beeindruckend, auch und gerade vor dem Hintergrund, dass sie auf freiwilliger Basis von den jeweiligen Fangruppen organisiert, finanziert und durchgestylt werden. Die Choreografien gehören zu den Fangruppen, so wie die Fans zu den Vereinen gehören. Von dieser gelebten Fankultur profitieren maßgeblich die Vereine. Eine gute Choreo ist begeisternd, und ein Stadionbesuch wird zu mehr als nur einem Fußballspiel. Zu dieser Fankultur gehört aber auch die sogenannte Pyrotechnik. Hier ist jedoch zu unterscheiden zwischen dem Abschießen von Feuerwerksraketen und dem Zünden von Böllern. Um die geht es hier nicht. Die bleiben weiter verboten. (Beifall SSW und FDP) Es geht um das Abbrennen von bengalischen Fackeln, den sogenannten Bengalos, oder von Rauchtöpfen; denn diese sind aus Sicht der Fangruppen auch Bestand vieler Choreografien. Damit sind wir beim vorliegenden Antrag. Jegliche Art von Pyrotechnik ist in deutschen Stadien verboten. Doch trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gelingt es den Fangruppen immer wieder, Pyrotechnik ins Stadion zu schmuggeln. Sie wird in den vollen Fan-Blocks unkontrolliert abgebrannt, oder das Stadion wird in Rauchschwaden eingenebelt. Die soge-4908 Schleswig-Holsteinischer (Lars Harms) nannten Bengalos werden beim Abbrennen bis zu 2.500 Grad Celsius heiß. Das bedeutet, wir haben es mit einer Hitze zu tun, die zu massiven Verbrennungen oder auch zu Sachbeschädigungen führen kann. Bengalos sind kein Spielzeug. Daher ist das Abrennen in den Stadien in mehrfacher Hinsicht ordnungsrechtlich oder sogar strafrechtlich relevant. Verstöße beispielsweise gegen das Sprengstoffgesetz, gegen das Vermummungsverbot oder gegen das Hausrecht halten die Fans nicht davon ab, Pyrotechnik in die Stadien zu schmuggeln und sie dort unkontrolliert zu entzünden. Das strikte Vorgehen von DFB und DFL mit Strafzahlungen gegen die jeweiligen Vereine erzielt keine Wirkung. Die jeweiligen Fans sind nicht dingfest zu machen, da sie in den meisten Fällen vermummt sind und in der Masse untergehen. Die Diskussion um das unerlaubte Abbrennen von Pyros wird bereits seit Jahren ohne zufriedenstellendes Ergebnis geführt. Seit Corona verzeichnen wir sogar eine Zunahme an Pyrotechnik in den Stadien. Mit der erlaubten Pyro-Show – auf einmal hat es einen Show-Effekt – beim Eröffnungsspiel zur EM 2024 wurde die Diskussion um Pyrotechnik im Stadion neu belebt. Wie kriegen wir also das Problem in den Griff? Die FDP in der Bremer Bürgerschaft hat einen Antrag eingereicht, den die Kollegin Krämer übernommen hat. Demnach soll der sogenannte Chemnitzer Weg als Pilotaktion im Holstein-Stadion in Kiel und an der Lohmühle in Lübeck ermöglicht werden. Unter entsprechenden Rahmenbedingungen und unter wissenschaftlicher Begleitung soll das Abbrennen von Bengalos und Rauchtöpfen in einem Pilotverfahren ermöglicht werden. Ähnliche Initiativen und Versuche hat es schon einmal 2020 beim HSV oder auch vor Kurzem beim dänischen Erstligisten Brøndby IF gegeben. Im zweiten Fall hat das dazu geführt, dass sogenannte kalte Pyrotechnik bei Brødby IF jetzt zugelassen ist. Ausgewiesene Plätze im Stadion, feste Zuweisung von Personen, Verantwortungsbereichen und Zeitpunkten sind die Kriterien, um die Nutzung bestimmter Pyrotechniken im Stadion zu ermöglichen. Da wir das Problem mit den bisherigen rechtlichen Verboten und Maßnahmen nicht in den Griff bekommen, sollten wir einen anderen Weg einschlagen, den alle mittragen können, (Beifall SSW und FDP) und zwar sowohl Fan-Gruppierungen, Vereine sowie andere beteiligte Akteure, also auch die des Rettungsdienstes und der Polizei. Aber genau das ist ja auch das Ziel dieser Pilotprojekte. Dass wir in Schleswig-Holstein oder in Deutschland nicht allein mit der Problematik von illegaler Pyrotechnik in den Stadien zu tun haben, wird deutlich, wenn wir Bilder aus anderen europäischen Stadien sehen. Auch dort gehören Bengalos und Rauchtöpfe zu den Choreos der Fan-Gruppen. Auch dort wird nach Wegen gesucht, das irgendwie hinzubekommen. Norwegen hat jüngst einen entsprechenden Ansatz gestartet. Auch dort soll das als Pilotverfahren unter strengen Auflagen für drei Jahre möglich sein. Das Ziel ist jeweils, die unerlaubte Nutzung von Pyrotechnik einzudämmen und Pyrotechnik aus dem Gefahrenbereich herauszuholen. Es geht also gerade auch um den Schutz vor Gefahren. Das sollte auch unser Bestreben sein. Mit einem Nein zum Pilotversuch verschließt man sich der Realität und zementiert das bisherige unerlaubte und gefährliche Vorgehen. Damit werden auch Stadionbesucher gefährdet. Damit ist niemandem geholfen. Deswegen finde ich es gut, dass der DFB nun diesen Weg gehen will. Es macht aber auch Sinn, dass wir als Land Schleswig-Holstein entsprechend vorangehen. Auch ich würde es befürworten, dass wir den Antrag in den Ausschuss überweisen; denn ich habe eine große Sorge. Der Kollege Balasus hat vorhin dargestellt, dass er eigentlich gar nichts weiß. (Beifall SSW, SPD und FDP) Bevor er in der nächsten Landtagssitzung womöglich den Antrag stellt, das olympische Feuer zu verbieten, möchte ich lieber, dass wir uns über Fakten unterhalten. (Beifall SSW, SPD und FDP)
