Christian Dirschauer
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Frau Ministerin, zunächst einmal herzlichen Dank für den umfassenden Bericht an Sie und Ihr Haus, an alle, die daran mitgearbeitet haben. Es wurde schon gesagt: Für viele von uns ist die Covid-19-Pandemie schon mehr oder weniger lange vorbei. Die allermeisten von uns sind zu einem ganz normalen Alltag übergegangen. Aber für manche Menschen – das haben wir eben auch schon gehört – hält die Pandemie noch an. Auch ich möchte das gern an einem Beispiel festmachen. Olga aus der dänischen Minderheit ist eine dieser Personen. Sie war 24 Jahre alt, als ihr Coronatest positiv war. Nach zwei Wochen war das Testergebnis wieder negativ, Olga fühlte sich jedoch nicht besser. Heute ist Olga 26 Jahre alt. Ein Umzug aus Berlin zurück ins eigene Elternhaus in der Nähe von Flensburg war unvermeidbar. Das Studium und der Job sind unterbrochen, und der Tag hat selten mehr als zwei Stunden. 22 Stunden am Tag verbringt Olga im Bett – im Erdgeschoss, weil das Treppensteigen in den ersten Stock des Elternhauses zu viel Kraft kostet. Zum Arzt wird Olga im Rollstuhl geschoben – wenn überhaupt, denn nur wenige Ärzte können Olga wirklich helfen. Es fehlt schlicht das Wissen über die Krankheit und deren Symptome. Die Erlebnisse mit einer Long-Covid-Erkrankung sorgen nicht nur bei Olga für Frustration und Wut. Im Verein NichtGenesen haben sich Post-Covid, ME/CFS- und Post-Vac-Erkrankte zusammengeschlossen, um sich für die Forschung, Anerkennung und die Versorgung ihrer Erkrankung einzusetzen. NichtGenesen gibt den Betroffenen Gesicht und Stimme. – Dafür ein herzliches Dankeschön. (Beifall ganzes Haus) Und auch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die wöchentlichen Meetings von NichtGenesen finden meistens digital statt und dauern selten länger als 15 Minuten. Die Kraft der Teilnehmenden reicht oftmals einfach nicht für mehr aus. Olga nennt die aktuelle Situation nicht nur eine medizinische Katastrophe, sondern auch eine menschliche und ethische. Als junge schwerstkranke Person fällt sie durch alle Raster. Es ist eine prekäre Lage, in der wir uns gerade befinden. Schaut man sich die Erfahrungsberichte von Erkrankten an, dann ist zu erkennen, dass die LongCovid-Erkrankungen nicht in das Regelmodell unserer Reha-Konzepte passen. Das haben wir schon gehört. Oftmals – so Betroffene – verschlimmert ein Reha-Aufenthalt die Leiden der Betroffenen, da es zu einer Überlastung kommt. Es gibt außerdem nach wie vor zu wenige Anlaufstellen und Orte, an denen sich Erkrankte konkrete Hilfe holen können. Gerade im nördlichen Landesteil müssen Menschen wie Olga lange Fahrzeiten in Kauf nehmen, um (Christian Dirschauer) Hilfe zu bekommen. Das ist tatsächlich eine riesige Hürde für die Betroffenen. Auch die Selbsthilfegruppen bekommen kaum Unterstützung. Sie erhalten zum Beispiel keine finanzielle Förderung, damit Betroffene sich über ihre Erkrankung austauschen und Erfahrungen teilen können. Aber gerade Selbsthilfegruppen können eine wichtige Lotsenfunktion – und zwar auf Augenhöhe – wahrnehmen. Niedrigschwellige Angebote sind hier total wichtig, weil viele Erkrankte nicht aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Sie verschwinden vom Radar. In diesem Zusammenhang noch mal ein ganz wichtiger Punkt: Die Situation ist ohnehin schon prekär, aber für Menschen mit Behinderung, die an LongCovid erkrankt sind, ist sie nahezu unaushaltbar. Wir reden hier von einer sehr vulnerablen Gruppe, die spezielle Ambulanzen und Anlaufstellen benötigt. Auch das muss von der Landesregierung mitgedacht werden. Über die Förderbescheide an das UKSH wurde schon berichtet. Ja, es ist dringend notwendig, dass die Long-Covid-Behandlung und Erforschung finanziell unterstützt wird. Was ich aber bedauerlich finde, ist, dass Betroffene wie zum Beispiel die Mitglieder von NichtGenesen weder darüber informiert noch eingeladen worden sind. Auch das hätte schon einmal ein Gesicht weitergeben können und ein Stück weit darauf aufmerksam machen können. Es besteht ohnehin schon eine Informationslücke. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir nicht über die Betroffenen sprechen, sondern mit ihnen. Zu guter Letzt will ich noch sagen: Bei dieser Gruppe von Erkrankten handelt es sich um Menschen, von denen sich viele nicht stundenlang vor unserem Landeshaus aufhalten und lautstark auf sich aufmerksam machen können. Deshalb ist es unsere Pflicht, dass wir als Politik auf sie aufmerksam machen und ihnen helfen, damit auch sie das Kapitel der Pandemie irgendwann abschließen können. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW, SPD, BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und FDP)
