Dr. Heiner Garg
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Wie gehen wir eigentlich als Gesellschaft mit einer Zeit um, die uns zwischen 2020 und Ende 2022 weltweit in einer Art und Weise in Atem gehalten hat, wie wir es vorher kaum miteinander erleben mussten? Da ist auf der einen Seite, wenn ich in die Bundesrepublik und auch in den Bundestag schaue, ein anhaltender Streit oder eine Auseinandersetzung darüber, wie man das Pandemiemanagement aufarbeitet. Das ist etwas, was ich bis heute nicht verstehe. Der Versuch, das objektiv aufzuarbeiten, kritisch zu hinterfragen, was in Deutschland besonders gut gelaufen ist, und es ist in Deutschland eine ganze Menge gut gelaufen, und was nicht so gut gelaufen ist, was sich nicht wiederholen darf, bewahrt uns im Zweifel nicht nur vor Fehlern, wenn ein solcher Fall wieder eintritt, sondern würde endlich wieder Vertrauen in der Bevölkerung schaffen. (Beifall FDP, SSW, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD) Ich habe das große Glück und das Privileg, dass ich das, was ich hier tue, schon beinahe 30 Jahre machen darf, und ich habe kaum etwas erlebt, was die Bevölkerung im Nachhinein dermaßen tief spaltet. Wir können im Übrigen auch die Verweigerung von vielen Menschen dessen, was wir da eigentlich wirklich erlebt haben, wahrnehmen. Ich will das noch einmal in Erinnerung rufen: Weltweit sind mehr als 7 Millionen Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus verstorben. In Deutschland waren es 182.981 Menschen. Nein, meine sehr geehrten Damen und Herren, eine Infektion mit dem SARS-Cov-2-Virus ist kein alberner Schnupfen gewesen, und ich finde, das muss man am Anfang einer solchen Debatte noch einmal sehr deutlich sagen, weil es nämlich inzwischen viel zu viele Idioten gibt, die versuchen, genau das immer wieder zu sagen. (Beifall FDP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, SSW und vereinzelt CDU) Unser Leben geht – Gott sei Dank – weiter, und wir können unser normales Leben mit Freunden und alldem, was wir vor der Pandemie gewohnt waren, nahezu wieder genauso erleben und leben, wie wir uns das vorstellen. Aber – das haben die Kolleginnen und Kollegen vor mir gesagt – es gibt Menschen, für die hat sich das Leben nach einer Infektion mit dem Coronavirus, nach einer durchgemachten Erkrankung fundamental geändert. Ich fand es interessant, die CDC-Annahmen – ich nehme an, das waren sie zum Teil – zu übertragen und zu trendextrapolieren. Dann kommt man auf rund 91.000 Menschen in Schleswig-Holstein. Ich sage Ihnen: Es darf überhaupt keine Rolle spielen, ob es 900, 9.000 oder 90.000 Menschen sind. Das darf keine Rolle spielen in einem zivilisierten Land, in einem zivilisierten Staat. (Beifall FDP, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Wir haben die große Chance – wenn wir eben nicht mit der Frage darangehen: „Wie viele sind das denn? Das sind doch gar nicht so viele!“ –, einen Fehler, der aus meiner Sicht weltweit während einer anderen Pandemie, die meistens verschwiegen wird, nämlich der HI- oder HIV-Pandemie, gerade in den 80er- und 90er-Jahren gemacht wurde, nicht zu machen. Da waren es nämlich nicht so viele weltweit, und es hat vermeintlich nur bestimmte Bevölkerungsgruppen betroffen. Deshalb hat man sich auch lange Zeit kaum um sie gekümmert und sich kaum um sie geschert. Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben die große Chance, etwas anders zu machen, und ich finde auch die Verpflichtung, das in diesem Punkt besser zu machen. Deshalb lassen Sie mich zusammenfassen. Der Leiter der Post-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Marburg-Gießen, der Kardiologe Bernhard Schieffer, fasst den Auftrag an die Politik aus meiner Sicht zutreffend zusammen: „Wir müssen verschiedenste Disziplinen zusammenbringen, die alle gebündelt schnellstmöglich dafür sorgen, dass die Patientinnen und Patienten versorgt werden.“ Das ist ein Auftrag an den Bund, das ist ein Auftrag an die Länder, denn es geht um Grundlagenforschung, und es geht um Versorgungsforschung, und es geht auch noch darum – genauso, wie Herr Kollege Balke es dargestellt hat –, den Betroffenen heute und jetzt schnell ein Angebot zu machen, sie zu sehen, sie wahrzunehmen und sie vor allem ernst zu nehmen. Denn nichts ist schlimmer – dafür stehen diese Beispiele wunderbar exemplarisch – für solche Menschen, deren Schicksal die Kollegin Pauls und der Kollege Balke dargestellt haben, wenn sie sich am Ende von niemandem ernst genommen fühlen. Auch das ist schon mehrfach gesagt worden, ich sage es trotzdem noch einmal; man fasst sich ja manchmal an den Kopf, dass man darüber noch ernsthaft debattieren muss: Der übliche Reha-An- (Dr. Heiner Garg) satz – ich nenne es einmal „Bewegung am Ostseestrand“ – passt für diese Menschen ganz und gar nicht. Vielmehr müssen wir genauso schnell entscheiden und kreativ sein, wie wir das während der Pandemie waren. Wissen Sie, wie schnell während der Pandemie der Off-Label-Use bestimmter Arzneimittel auf einmal möglich war? – Warum soll das denn jetzt nicht wieder möglich sein, um solchen Menschen schnell zu helfen? (Beifall FDP, SPD, SSW und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Letzter Satz, meine Damen und Herren – auch das hat der Kollege Balke wahrscheinlich schon viel schöner gesagt, als ich das könnte; ich möchte trotzdem noch einmal daran erinnern –, das ist auch nichts grundlegend Neues: Diese entzündlichen Prozesse, die zum Teil beschrieben worden sind, kann es beispielsweise auch nach einer Infektion mit dem echten Influenzavirus geben.
