Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über die Betroffenen von Post Covid, ME/CFS und auch Post Vac sprechen, dann ist vielen gar nicht bewusst, über was für eine große Gruppe an Menschen gesprochen wird. Wir reden allein in Deutschland über Millionen von Betroffenen, denn man muss tatsächlich sagen, dass circa zehn Prozent aller Covid‑19-Erkrankungen – bei den neuen Varianten Gott sei Dank weniger – chronifizieren und zu Long- oder Post-Covid-Syndromen führen. Das ist eine riesengroße Menge an Menschen, und wenn man dann noch bedenkt, dass dahinter nicht nur Millionen von individuellen Schicksalen, sondern auch die ihrer Angehörigen und vieler Menschen mehr stecken, dann muss man sich ein bisschen wundern, warum darüber nicht viel mehr auch in der breiten Öffentlichkeit gesprochen wird. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, CDU und SPD) Neben der aus meiner Sicht viel zu geringen gesellschaftlichen Sensibilisierung kommt leider hinzu, dass die Betroffenen noch zu häufig Stigmatisierung ausgesetzt sind. Sie werden mit ihren Anliegen nicht ernst genommen, manchmal wird sogar die Existenz der Erkrankungen per se abgestritten, und immer wieder kommt die Psychosomatik in der Debatte auf. Diese Komponente spielt zwar zweifellos – wie bei allen anderen Erkrankungen auch – eine Rolle, sie ist aber als einzige Ursache für den individuellen Zustand der Betroffenen einfach nicht zu benennen. Das würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Es liegen bereits zahlreiche diagnostische Verfahren über Blutparameter, Entzündungsmarker, Veränderungen an Nerven und Gefäßen und viele weitere vor, an denen man die Erkrankung, die eigentlich eine Multiorganerkrankung ist, klar festmachen kann. Auch gibt es mittlerweile gut gemachte Studien, die die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Symptomen und Krankheitsbil- (Jasper Balke) dern verdeutlichen. Circa 30 bis 50 Prozent aller Post-Covid-Betroffenen, die länger als sechs Monate erkrankt sind, haben ME/CFS, das Chronische Fatigue Syndrom, eine Erkrankung, die es schon seit vielen Jahren gibt und die erst über die PostCovid-Symptomatik mit Covid‑19 in Verbindung gebracht wurde. Deshalb gibt es zur Versorgung und Behandlung von ME/CFS schon seit vielen Jahren Therapieoptionen und mit dem Charité-Fatigue-Zentrum eine institutionalisierte Einrichtung zur Hilfestellung der Patientinnen und Patienten. Noch mehr Post-Covid-Betroffene leiden jedoch unter der sogenannten Post-Exertionellen Malaise, dem PEM-Syndrom, also einer Symptomverschlechterung durch schon sehr geringe körperliche und geistige Anstrengungen. Gerade Letzteres führt in den meisten Fällen zu einer sehr starken Einschränkung der Lebensqualität, weil schon einfache Alltagshandlungen zu erheblichen Verschlechterungen führen und somit unmöglich werden. Die Kollegin Pauls hat das Beispiel von Anna genannt. Bei ihr ist das so extrem, dass sogar die Wahrnehmung von Reizen wie Geräusche und Licht zu einer Verschlechterung von körperlichen Symptomen führen kann. Auch ist es das PEM-Syndrom, das die im Gesundheitswesen altbewährten Reha-Maßnahmen für den Großteil der Post-Covid-Betroffenen eigentlich ausschließt, denn diese funktionieren immer über Aktivierung von Muskeln oder Geist, und das ist ja genau das, was den Betroffenen eben nicht hilft, und das erschwert die Therapie enorm. Es braucht deshalb vom gesamten Gesundheitssystem eine große Kraftanstrengung, denn die kann man im wahrsten Sinne des Wortes nicht länger von den Betroffenen selbst erwarten. Es fordert mir deshalb den allergrößten Respekt ab, dass die Patienten- und Angehörigeninitiative NichtGenesen in ganz Deutschland und Schleswig-Holstein trotz der Widrigkeiten und Ungewissheiten allen Betroffenen ein Gesicht gibt und mit ihrer Arbeit einen unschätzbar wertvollen Beitrag leistet. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und Christian Dirschauer [SSW]) Doch es ist natürlich auch an Politik und Gesellschaft, ihren Beitrag zu leisten. Es stimmt, dass der Bundestag weit über 200 Millionen Euro an Forschungsmitteln freigemacht hat, und auch wir hier in Schleswig-Holstein haben unseren Beitrag zur Erforschung der Ursachen und Therapiemöglichkeiten freigemacht. Und ja, es ist auch richtig, dass wir nicht alle evidenzbasierten Praktiken überspringen und als Politik natürlich keinen Forschungserfolg bestellen können, auch wenn ich mir das manchmal wünschen würde. Aber es wäre eben genauso falsch zu sagen, dass man bei solch neuartigen Erkrankungen, die ja teilweise gar nicht neu sind, abwarten müsse und jetzt gerade noch nichts unternehmen könne. Mitnichten! Deshalb muss es auch unsere Aufgabe sein, unser Gesundheitssystem so zu wappnen und das medizinische Personal so zu schulen, dass die Betroffenen nicht länger schulterzuckend von der einen Warteliste zur anderen wandern müssen, nur um schließlich ganz weggeschickt zu werden. (Beifall BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU, SPD und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Wir müssen einen Weg finden, wie wir bestehende Therapiemöglichkeiten schneller als sonst an die Patienten bringen können, insbesondere auch, und das nenne ich an dieser Stelle ganz bewusst, die Off-Label Nutzung von bestimmten Medikamenten. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Vor allem müssen wir einen Weg finden, schnell die Refinanzierung über die Krankenkassen zu erreichen, denn momentan zahlen viele die für sie passende Therapie noch aus eigener Tasche, und das kann nicht sein. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, vereinzelt CDU und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Das passt einfach nicht in unser Solidarsystem, und deshalb sage ich abschließend: Es braucht noch mehr Kooperationen, mehr Aufklärung und vor allem mehr gesellschaftliche Sensibilisierung. Deshalb rate ich allen, auch den nicht Betroffenen, denn leider kann es ja wirklich jeden treffen, sich einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen, den Bericht der Landesregierung zu lesen und sich bei Betroffeneninitiativen wie NichtGenesen zu informieren, um die vielen Schicksale nicht noch unsichtbarer zu machen. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall ganzes Haus)
