Birte Pauls
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vielen Dank an das Ministerium für den umfangreichen Bericht. Die Mitglieder des Petitionsausschusses werden sich eventuell an folgende Situation erinnern: Anna hat sich während ihrer Ausbildung in der Pflege mit dem Coronavirus SARS-CoV 2 infiziert. Nach der überstandenen Infektion leidet sie an ME/CFS. Sie liegt zu Hause in einem abgedunkelten Zimmer. Sämtliche Geräusch- und Lichtreize überfluten ihren Körper. Nichts geht mehr. Kontakte zu Freunden sind nicht einmal mehr über das Handy möglich. Die pflegerische und medizinische Versorgung übernimmt ihr Mann. Er kümmert sich um die Bestellung von Medikamenten und Hilfsmitteln und muss zusätzlich oft mit Ärzten, Kassen und Behörden kämpfen. Die Familie ist mit den Kindern auf sich allein gestellt. In Deutschland nicht vorstellbar? – Doch, denn leider ist das Schicksal von Anna kein Einzelfall. Doch diese Menschen sind für die Gesellschaft kaum sichtbar. Corona spielt in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr, aber für einige Menschen ist Corona eben nicht vorbei. Sie leiden an Post Covid, an ME/CFS und auch an Post Vac, was der Bericht leider komplett ausblendet. Ein großer Anteil der Betroffenen kommt aus den Gesundheits- und Sozialberufen, die in der Pandemie an vorderster Front weitergearbeitet haben, und sind Frauen. Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Husten, Schmerzen, Muskelschwäche, Sprachstörungen und auch gewisse Blutwerte lassen eine eindeutige Diagnose oft nicht zu. Das macht die Diagnose so schwierig, zumal nur sehr wenige Ärzte auf Diagnose und Therapie geschult sind. Die Fortbildungsangebote sind besonders im hausärztlichen Bereich minimal. Ganz schnell landen besonders Frauen mit einer psychosomatischen Diagnose wieder zu Hause und werden alleingelassen. Als wir das Thema Frauengesundheit im Rahmen unserer Großen Anfrage hier beraten haben, habe ich mich gefragt, ob die erhöhten Zahlen der psychologischen Diagnosen damit irgendwie zusammenhängen. Diese Vermutung spiegelt sich tatsächlich auch im Bericht wider, denn trotz klarer Somatik werden im Bericht die psychiatrischen Zentren als Grundpfeiler für die wenigen Ambulanzen dargestellt. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat in seiner Sitzung am 21. Dezember 2023 die Richtlinie über eine berufsgruppenübergreifende koordinierte und strukturierte Versorgung für Versicherte mit Verdacht auf Long Covid und Erkrankungen, die eine ähnliche Ursache oder Krankheitsausprägung aufweisen, beschlossen. Es ist sehr gut, dass die lange (Birte Pauls) ignorierte Post-Vac-Symptomatik ebenfalls Zugang zur beschriebenen Patientengruppe gefunden hat. Es ist tatsächlich viel zu lange verschwiegen und ignoriert worden, dass es da Probleme gibt. Die SPD begrüßt ausdrücklich die Förderung der neu eingerichteten Ambulanzen am UKSH durch das Land. Wir wünschen den Medizinerinnen und Medizinern schnellen und vor allem guten Erfolg. Mir ist bewusst, dass die Forschung vor der Therapie stehen muss, aber die Betroffenen selber vermissen die Therapie. (Beifall SPD, FDP und SSW) Allein das Aufsuchen der Ambulanzen kostet die Betroffenen enorme Kraft. Es kommt, wie sie es selber ausdrücken, zum sogenannten Crash, einer Verschlechterung des Zustandes schon bei minimaler Belastung. Die Krankenhauszimmer sind für diese Patienten nicht ausgerichtet. Wer Krankenhäuser von innen kennt, weiß, dass sie kein Ort der Stille und der Dunkelheit sind. Ein weiteres Problem sind die im Bericht aufgeführten Reha-Maßnahmen. Die Erfahrungen zeigen, dass sich der Zustand der Betroffenen nach standardisierter Bewegungstherapie in Reha-Einrichtungen eher verschlechtert hat. Daher kommt der viel zitierte Satz: auf Krücken rein, im Rollstuhl raus. – Auch hier braucht es individuelle Lösungen. Von wie vielen Betroffenen wir überhaupt reden, bleibt fraglich, denn die Erhebungen fallen aufgrund der schwierigen Diagnostik und der häufigen Fehldiagnosen unterschiedlich aus. Wenn man einer Studie aus den USA folgt, wären in Schleswig-Holstein circa 91.000 Menschen betroffen. Das ist nicht gerade wenig. Der Patientenorganisation NichtGenesen, die diese Zahlen veröffentlicht hat, spreche ich an dieser Stelle ein großes Lob und einen Dank für ihr Engagement aus. (Beifall ganzes Haus) Sie kämpfen für Anerkennung, Behandlung und Forschung und machen Politik und Gesellschaft auf die Versorgungslücke in unserem System aufmerksam – und all das, obwohl die Kräfte oft nicht da sind und sie nach jeder Aktion einen Crash befürchten müssen. Wie sich das anfühlt, beschreibt der Betroffene Max Götz in seinem Buch „Gedichte mit Long Covid“: Ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin: „Voller Tatendrang erwacht, Schau wie heut‘ das Leben lacht! Aufgerichtet, ausgestiegen, Schmerz zurück, schnell wieder liegen.“ Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben den Menschen in der Pandemie sehr viel zugemutet. Die meisten sind mehr oder weniger unbeschadet aus dieser Zeit herausgekommen, obwohl ich gerade mit Blick auf unsere Kinder und Jugendlichen auch da manches Mal meine Zweifel habe. Diejenigen aber, die weiter leiden müssen, verdienen unseren Respekt, unsere Aufmerksamkeit und vor allen Dingen unsere volle Unterstützung. Ich bitte um Überweisung des Berichtes in den Sozialausschuss, damit wir uns ausführlich mit ihrer Situation beschäftigen können. – Ich danke Ihnen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und Christian Dirschauer [SSW])
