landtag.ltsh.de ↗

Christian Dirschauer

SSW 18.07.2024 Sitzungen 20/64

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der nicht aus dem Kreis Pinneberg, sondern aus dem schönen Flensburg kommt. (Vereinzelter Beifall) Da kann man klatschen. Das finde ich gut. Meine Damen und Herren, die meisten von uns kennen das Gefühl der Unsicherheit, wenn unmittelbar vor unseren Augen ein Notfall eintritt. Ob bei einem Verkehrsunfall oder einem Unfall beim Toben im Garten, es schießen einem Fragen durch den Kopf wie: Muss ich jetzt helfen? Kann ich helfen? Was soll ich tun? Dann gilt es, ruhig zu bleiben, den Überblick zu behalten und die richtigen und rettenden Handlungsschritte einzuleiten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, hierfür braucht man aber Handlungssicherheit. Es müssen Informationen im Gehirn gespeichert sein, die einen leiten. Viele Menschen haben die basalen Handlungen im Notfall in einem Erste-Hilfe-Kurs erlernt und wissen, wie man einen Notruf mit präzisen Angaben absetzt. (Christian Dirschauer) Wer aber erinnert sich noch an die stabile Seitenlage oder an die Wiederbelebungsübungen? Wie oft beatmen? Wie oft drücken und wo noch einmal? So oder so ähnlich geht es schon vielen Erwachsenen. Laut dem Institut für Rettungs- und Notfallmedizin wurde 2020 deutschlandweit bei knapp 40 Prozent der Notfälle mit Basismaßnahmen der Wiederbelebung vor Eintreffen der Rettungsdienste begonnen. Im Vergleich dazu liegt der europäische Durschnitt bei circa 50 Prozent, in Skandinavien sogar noch höher. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung berichtet unter anderem vom Beispiel Dänemark. Dort wurde 2005 der Wiederbelebungsunterricht in Schulen gesetzlich festgeschrieben. Seither hat sich dort die Laienreanimationsquote von 20 Prozent im Jahr 2000 auf 60 Prozent im Jahr 2020 erhöht. Die Überlebensrate der betroffenen Menschen hat sich dadurch verdreifacht. Es liegt also auf der Hand, dass eine frühe ErsteHilfe-Ausbildung zu mehr Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit führt. In unserem Antrag fordern wir deshalb nicht nur ein Erste-Hilfe-Training mit Reanimierungsmaßnahmen spätestens ab der 8. Klasse, (Beifall SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) sondern auch schon ein allgemeines, altersangepasstes Erste-Hilfe-Training ab der Grundschule. Ich finde, dafür kann man noch einmal klatschen. (Beifall SSW, vereinzelt SPD und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Im Institut für Sachunterricht an der Europa-Universität Flensburg wurde bereits fachdidaktisches Material zum Thema „Erste Hilfe in der Grundschule“ entwickelt. Die Gefühle von Unsicherheit und Unbehagen, wie wir sie als Erwachsene in Notfällen spüren, erleben Kinder als Angst und Hilflosigkeit. Angst, Hilflosigkeit und der Verlust der Selbstwirksamkeit können zudem zu Traumatisierung führen. Deshalb ist es uns wichtig, dass unsere Kinder früh lernen, was in Notfällen zu tun ist. In erster Linie soll es bei den Kindern darum gehen, einen Notfall zu erkennen und Hilfe zu holen. Ich als Vater bin doch froh, dass mein Kind, wenn es in Not gerät oder bei einem Notfall anwesend ist, über eine gute selbstwirksame Handlungskompetenz verfügt. Es stärkt und schützt ein Kind, wenn es weiß, was es bei einem Fahrradunfall auf dem Schulweg tun muss. Wenn Erste-Hilfe-Abläufe geübt werden, haben im Notfall alle einen Vorteil. (Beifall SSW, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Es gibt bereits geeignete Konzepte für das Vorschulalter, die mit Kindern in der Kindertagesstätte durchgeführt werden. Hier werden spielerisch Pflaster geklebt und Verbände angelegt. Nebenbei wird vorsichtig an das Thema Notfälle und Hilfsstrategien herangeführt. Es gibt ein großes Interesse der Hilfsorganisationen und Verbände, dass die KMK-Empfehlungen von 2014 zur Einführung des Wiederbelebungsunterrichts in Schulen im Umfang von zwei Unterrichtsstunden pro Jahr ab der 7. Klasse umgesetzt werden. Dies sollte in Schleswig-Holstein altersgerecht auf die jüngeren Klassen erweitert werden. Das meinen wir als SSW. Konzepte wie „Schüler retten Leben“ vom Institut für Rettungs- und Notfallmedizin des UKSH wurden bereits mit Projektgeldern an Schulen erprobt. Die Nachfrage von Schulen, die das Angebot freiwillig nutzen wollen, besteht weiterhin. Es ist an der Zeit, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, um die vorhandenen Ressourcen zu bündeln und Möglichkeiten zur Umsetzung der Unterrichtsverpflichtung zu erarbeiten. Denn Kinder müssen und wollen im Übrigen auch lernen, mit kritischen Situationen umzugehen. Ihnen diese Basisfähigkeit beizubringen, sehen wir als einen wichtigen Bildungsauftrag. Deswegen werbe ich noch einmal um Zustimmung für unseren Antrag. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW, vereinzelt SPD und FDP)

Alle Reden von Christian Dirschauer Protokoll ↗