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Christian Dirschauer

SSW 17.07.2024 Sitzungen 20/63

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Berichte in den Medien über Kinder- und Jugendgewalt in Schleswig-Holstein sind gefühlt häufiger und leider eben auch dramatischer geworden. Auch wenn anerkannte Studien keine signifikante Steigerung der Gewalt bei Jugendlichen und Kindern feststellen, so hat sich diese doch offensichtlich verändert. Verändert haben sich auch die Lebensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen. Viele Familien haben mit den unterschiedlichsten Herausforderungen im Alltag zu kämpfen. Bei einigen fehlt es nicht nur an Geld und Zeit, sondern auch an Kraft und Kapazitäten, um ihre Elternrolle ausreichend auszufüllen. Das bestätigen die gestiegenen Zahlen der Kindeswohlgefährdung und der Inobhutnahmen durch die Jugendämter. Viele Kinder sind in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung gefährdet. Gewalttätige, aggressive Kinder mit schwierigem Sozialverhalten sind aber keine Kinder, die man sanktionieren muss, sondern Kinder in höchster Not. Es sind Kinder, die nicht die Unterstützung und die sicheren Beziehungen erlebt haben, die es braucht, um ein gesundes Sozialverhalten und eine emotionale Regulation zu entwickeln. Die Diskussion über die Absenkung des Alters der Strafmündigkeit ist deshalb absolut nicht zielführend und würde nichts an dem eigentlichen Problem ändern, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall SSW und SPD) Wenn wir also effektive Lösungsansätze entwickeln wollen, müssen wir präventiv in den Familien ansetzen. Die Hilfestrukturen der Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und des Bildungssystems müssen vernetzt und verbunden werden. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern dahin schauen, wo es schon funktioniert und gute Konzepte heute durchaus greifen. (Christian Dirschauer) Auch wenn es Fälle gibt, in denen gefährdete Kinder bereits im Kindergarten oder in der Grundschule auf eine Bezugsperson treffen, die in einem stabilen Umfeld fehlende Begleitung der Eltern kompensieren kann, so ist das doch angesichts der angespannten Personallage in Kitas wie auch in Schulen leider nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Kinder und Jugendliche, die das Klassenund Schulgefüge belasten und nicht mehr als tragbar empfunden werden, sind schnell beurlaubt, der Schule verwiesen, oder es kommt zu Absentismus. Allerdings – das haben wir heute auch gehört – ist das Problem der Kinder- und Jugendgewalt kein alleiniges Schulproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Daher ist es auch die gemeinsame Aufgabe aller Gesellschaftsbereiche, dafür zu sorgen, dass unsere Kinder in Schleswig-Holstein unabhängig von ihrer Herkunft eine Chance auf eine gesunde Entwicklung bekommen. Deshalb freut es mich sehr, dass auch die neue Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes das Thema Chancengleichheit benannt und sich auf die Fahnen geschrieben hat. Liebe Kollegin Schiebe, auch von mir noch einmal herzlichen Glückwunsch zur Wahl. (Beifall) Die Chancengleichheit in Bezug auf eine gesunde frühkindliche Entwicklung, die wir als SSW schon lange fordern, ist die Basis für einen guten Start in das Bildungssystem. Wie im Antrag beschrieben, sind vor allem präventive Ansätze im Bereich der frühen Hilfen, der Elternarbeit und dem Kinderschutz zu fokussieren. Auch wenn alle 13 Punkte des Antrages gute und wichtige Aspekte beinhalten und alle in die richtige Richtung gehen, so müssen wir doch in der Summe aufpassen, dass wir unser Schulsystem nicht mit zu viel Papier und theoretischen Konzepten überfrachten. (Zuruf CDU: Sehr gut!) Wie bereits im PerspektivSchul-Programm erkannt wurde, müssen die Konzepte aus der Praxis entstehen und dann an den Ort und die örtliche Situation angepasst werden. Wir müssen unsere Ressourcen bündeln, um unseren Kindern Lebensräume zu schaffen, in denen sie stabile Beziehung erleben und ihre Resilienz gefördert wird. Bei unserer derzeitigen Haushaltslage stellt sich immer wieder die Frage der finanziellen Machbarkeit. Hierzu möchte ich sagen: Wir haben heute schon viele gute Ressourcen und Konzepte in unserem Bildungs- und Sozialsystem. Es geht aber darum, Sitzung (neu) – Mittwoch, 17. Juli 2024 4743 sie richtig einzusetzen. Generell ist es am Ende eben doch auch eine Frage der finanziellen Priorisierung, was wir mit dem Geld, das wir zur Verfügung haben, tun oder auch nicht tun. Kinder und Jugendliche sollten dabei aus Sicht des SSW die allerhöchste Priorität erhalten. – Ganz herzlichen Dank. (Beifall SSW, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD)

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