Christopher Vogt
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich bin ausgesprochen dankbar dafür, dass wir im Frühjahr hier im Landtag eine umfangreiche Anhörung von gleich drei Ausschüssen zum großem Problem der Kinder- und Jugendgewalt durchgeführt haben und dass es nun diesen wichtigen Antrag gibt, der entscheidende Erkenntnisse aus dieser Anhörung fraktionsübergreifend aufgreift. Danke vor allem den Kollegen Balasus und Malte Krüger für das Angebot und die Initiative. Die wachsende Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ist auch bei Weitem nicht nur – das klang eben schon an – ein Problem für die Betroffenen, für die Schulen, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt. Es ist aus meiner Sicht wirklich erschreckend, wie jung die Beteiligten mittlerweile zum Teil sind und dass immer öfter Mädchen daran beteiligt sind. Das ist zumindest in diesem Ausmaß eine neue Entwicklung, mit der wir es in den letzten Jahren zu tun haben. Das dürfen wir auf gar keinen Fall einfach so hinnehmen. Es fehlt einigen – ich betone: einigen – Kindern und Jugendlichen in einem mitunter erschreckenden Maße an Empathie und Respekt, übrigens nicht nur, was andere Kinder und Jugendliche betrifft, sondern auch mit Blick auf Erwachsene und insbesondere die Lehrkräfte. Es gehört in der Jugend na-Sitzung (neu) – Mittwoch, 17. Juli 2024 4741 türlich dazu, dass man Autoritäten auch mal infrage stellt – wer wüsste das besser als ich –, aber wenn teilweise schon Kinder mitunter keinerlei Respekt vor Autoritätspersonen zeigen, oftmals weil sie es von Zuhause gar nicht kennen, dann wird es wirklich problematisch. Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielschichtig. Die psychische Belastung hat in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft erheblich zugenommen. Die Pandemie und ihre Bekämpfung haben tiefe Spuren in vielen Familien hinterlassen, aber auch die Sorge vor Krieg und Inflation, also letztlich dem wirtschaftlichen Abstieg, treibt viele Familien sehr stark um, was sich oft im negativen Sinne auf die Kinder überträgt. Es gibt aber auch bei nicht wenigen Familien einfach einen zunehmenden Mangel an wechselseitigem Respekt, mitunter eine gewisse Verrohung und oft zu wenig feste Strukturen und Abläufe. Zu oft fehlt die benötigte Fürsorge und Geborgenheit für die Kinder, die wir eigentlich jedem Kind wünschen, aber es fehlt daran einfach in vielen Familien fraglos. Das ist das große Problem. Vielen Kindern und vor allem Jungen – das klang eben schon an – fehlt es an geeigneten männlichen Vorbildern in der Kita, in der Grundschule, weil oft gar keine männlichen Lehrkräfte da sind. Sie kennen es von zu Hause nicht oder aber wechselnde Partner, die dann vielleicht auch nicht gerade die größten Vorbilder sind. Dadurch fehlt oft die richtige Ansprache oder vielleicht auch Anleitung für viele Jungen. Aus meiner Sicht ist der nicht altersangemessene Medienkonsum in vielen Familien ein großes Problem. Mobbing und Gewalt belasten betroffene Kinder und Jugendliche massiv. Das hat in der Regel dramatische Folgen für ihre Entwicklung. Wir müssen sie bestmöglich davor schützen. Das ist einfach gesagt, aber sehr schwer getan. Viele Lehrkräfte sowie andere Beschäftigte in Schulen, zum Beispiel in den multifunktionellen Teams, sind Leittragende dieser Entwicklung. Auch hier haben wir aus meiner Sicht eine Fürsorgepflicht. Das fängt schon bei der Aus- und Fortbildung an, darf dort aber auch nicht enden. (Beifall FDP und Martin Balasus [CDU]) Wir erleben es doch alle auch in Gesprächen: Wo in vielen Klassen vor wenigen Jahren vielleicht einige wenige Kinder Auffälligkeiten im sozio-emotionalen Bereich gezeigt haben, sind es jetzt oft gleich mehrere – sieben, acht Kinder. Es wird natürlich (Christopher Vogt) schwer, sich auf den Unterricht und auf die anderen Kinder zu konzentrieren, weil oft nur eine Lehrkraft da ist, die das irgendwie handeln muss. Das überfordert viele Lehrkräfte nachvollziehbarerweise und sorgt für große Probleme in den Schulen. In unserem gemeinsamen Antrag stehen viele gute Punkte, auf die ich hier im Ganzen gar nicht eingehen kann und will; es wurden fast alle schon genannt. Mir sind folgende Punkte wichtig: Es braucht auch verstärkte Integrationsbemühungen und einen stärkeren Fokus auf die Schulen, die vor besonderen sozialen Herausforderungen stehen. Das Startchancen-Programm des Bundes ist dafür aus meiner Sicht ein sehr gutes Beispiel, aber da muss noch mehr kommen. (Beifall FDP, SPD und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) In der Tat muss es vor allem um Prävention gehen. Ich sage aber auch: Es braucht sinnvolle Sanktionen, eine geeignete Rückendeckung im Konfliktfall und vor allem ein verbessertes Frühwarnsystem, bei dem Lehrkräfte Eltern, Jugendhilfe, gegebenenfalls eben auch die Polizei frühzeitig eng zusammenarbeiten, wenn zum Beispiel Auseinandersetzungen zu eskalieren drohen. Das sogenannte Cybermobbing ist ein sehr großes Problem. Früher hatten Mobbingopfer am Nachmittag quasi eine Art Pause. Das ist heutzutage vorbei. Es geht oft den ganzen Tag über weiter, auch nach der Schule. Die Verrohung und zum Teil die politische Radikalisierung von einem Teil der Jugendlichen via TikTok und anderen Plattformen ist ein sehr ernstes Problem. Da brauchen wir andere Antworten im Bereich der Medienkompetenz. Ich finde, Handys sollten bis zu einer bestimmten Klassenstufe in den Schulen keine Rolle spielen. Das sage ich sehr deutlich. Daran müssen wir arbeiten. (Beifall FDP, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und SSW) Ja, ich weiß, es ist umstritten, aber in Grundschulen haben die aus meiner Sicht nichts zu suchen. Wir müssen uns um den Ganztag kümmern, die Kitaqualität verbessern, Familien bei Problemen frühzeitig unterstützen, die Sportvereine unterstützen. Wenn in Hamburg 3.000 Kinder keinen Platz im Sportverein finden, ist das dramatisch –also: verbesserte Freizeitangebote für die Jugendlichen. (Unruhe SPD) Ich sage sehr deutlich: Wir haben auch von der SPD gute Vorschläge vorgelegt bekommen. Die sollten (20. WP) – 63. Sitzung (neu) – Mittwoch, 17. Juli 2024 wir im Ausschuss weiter beraten. Es gibt gute Vorschläge. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir dieses Problem endlich stärker in den Griff bekommen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD, SSW, vereinzelt CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
