Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wenn ich ins Krankenhaus muss, weil es mir schlecht geht, wenn meine Enkelkinder, Familie oder Freunde ärztlich behandelt werden müssen, dann wünsche ich mir, einer Person gegenüberzustehen, die genau weiß, was sie tut. Als Patientin wünsche ich mir Sicherheit durch die hohe Fachkompetenz der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes. Deshalb ist ein Medizinstudium auch lang und intensiv. Besonders das Praktische Jahr am Ende des Studiums sollte den Studierenden ermöglichen, das Erlernte in die Praxis umzusetzen und durch den praktischen Alltag ihre Fachkompetenzen in den verschiedenen Disziplinen zu erweitern und zu festigen. In der Realität ermöglicht der Alltag im PJ dies anscheinend nur unzureichend. Eine Assistenzärztin berichtet, dass sie in einem PJ-Abschnitt an einer großen Klinik die eine Hälfte des Tages mit Blutabnahmen beschäftigt war und die andere Hälfte Arztbriefe getippt hat. Es gab weder eine Vergütung noch eine kostenlose Mahlzeit. Heute als Assistenzärztin passiert es ihr häufiger, dass sie in Situationen kommt, in denen sie aufgrund von Personalmangel Behandlungen durchführen muss, die sie noch nie vorher gemacht oder gesehen hat und nur aus der Theorie kennt. Das ist purer Stress. Sie hätte sich gewünscht, im PJ mehr Zeit gehabt zu haben, um den Ärzten über die Schulter zu schauen und die verschiedensten Behandlungsmethoden im sicheren Rahmen zu erlernen und auszuprobieren. Deshalb freut es mich besonders, dass es uns wieder gelungen ist, einen interfraktionellen Antrag zu machen. (Beifall SSW, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD) Damit wird das Praktische Jahr nämlich wieder zu einem entscheidenden Baustein der medizinischen Ausbildung. Das PJ muss angemessen vergütet werden; darüber sind wir uns alle einig. Der Vorschlag von Jasper Balke ist zu sagen: Vielleicht ist es ja eine Möglichkeit, das im Rahmen der Krankenhausstrukturreform mitzudenken. Es ist einfach ein wichtiger Baustein, damit wir gute Ärztinnen und Ärzte bekommen. (Beifall SSW und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es darf nicht noch ein Nebenjob belastend on top dazukommen beziehungsweise darf es nicht dazu kommen, dass sich nur extern finanzierte Studierende ein PJ leisten können. Eine vergünstigte Mahlzeit innerhalb der Klinik wäre immerhin eine kleine Wertschätzung der Leistung der Studierenden, aber das Wichtigste sollte die Zeit und die Bereitschaft des Fachpersonals sein, die Studierenden anzuleiten und zu betreuen – so wie es eigentlich in der Approbationsordnung vorgesehen ist. Auch die Regelung, dass die Krankentage nicht auf die Fehltage angerechnet werden, sollte selbstverständlich in einer neuen Verordnung festgesetzt werden. Die erlaubten Fehltage benötigen die Studierenden als Lernzeit, um den fachlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir haben einen deutlichen Fachkräftemangel in der Medizin, und wir müssen dafür sorgen, dass die, die sich für ein Medizinstudium entscheiden, Rahmenbedingungen vorfinden, in denen sie finanziell einigermaßen ab-4702 Schleswig-Holsteinischer (Jette Waldinger-Thiering) gesichert sind und fachlich gut auf die Herausforderungen im Klinikalltag vorbereitet werden. Dabei müssen wir auch auf Chancengleichheit und Gleichberechtigung schauen. Wenn Studium und Familiengründung in die gleiche Lebensphase fallen, wird es bestimmt für einige junge Familien eine große finanzielle und organisatorische Herausforderung, das PJ und die Familie unter einen Hut zu bekommen. Selbst Studierende, die das Studium abschließen und dann erst als Fachärzte in die Elternzeit gehen und dort auch länger bleiben, weil Beruf und Familie im Klinikalltag nur schwer vereinbar sind, stehen dem Gesundheitssystem nicht zur Verfügung. Die Kliniken müssen familienfreundliche Strukturen schaffen, um alle kompetenten Fachkräfte zu erhalten. Wie ich schon eingangs sagte, spätestens wenn meine Enkelkinder, ihre Eltern und unsere Freunde oder ich selbst in ärztliche Behandlung gehen, wünschen wir uns, dass der Arzt oder die Ärztin eine gute, fundierte Ausbildung erhalten hat und mit der erlernten fachlichen Kompetenz für unser körperliches Wohlergehen sorgt. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP])
