Christopher Vogt
Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Mit diesem Antrag wollen wir die berufliche Bildung und die Berufsorientierung in Schleswig-Holstein deutlich verbessern, weil dies aus unserer Sicht dringend notwendig ist. Die Schülerzahlen an den beruflichen Schulen sind in den letzten Jahren leider gesunken, teilweise sogar massiv. Dabei wird der Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile quasi von Tag zu Tag größer, und die allermeisten Fachkräfte werden in den nächsten Jahren in den Berufen gebraucht, für die man die klassische duale Ausbildung machen muss, also vor allem in den Berufen des Handwerks. Die gesunkenen Schülerzahlen und die weiter sinkenden Schülerzahlen haben in einigen Bereichen mit einem gewissen Strukturwandel zu tun, zum Beispiel mit Blick auf die Bankkaufleute im ländlichen Raum oder leider auch mit Blick auf den Bäckerberuf, wenn wir uns zum Beispiel die Westküste anschauen. Die gesunkenen Schülerzahlen entstehen aber in erheblichem Maße auch durch die anhaltende fatale gesellschaftliche Entwicklung, dass insgesamt zu wenig erkannt wird, welche großen Chancen die jungen Menschen in den Berufen der dualen Ausbildung – vor allem im Handwerk – haben. (Beifall FDP und vereinzelt CDU) Damit meine ich nicht nur die mittlerweile oft sehr guten Verdienstmöglichkeiten, sondern auch die (Christopher Vogt) großartige Möglichkeit, aus seinem Talent das Beste zu machen und sich selbst im Beruf zu verwirklichen. Es ist ein vielfach widerlegter Irrglaube, dass nur Abitur und Studium eine gute berufliche Laufbahn in unserem Land ermöglichen. Diese wichtige Erkenntnis muss den jungen Menschen und ihren Eltern viel stärker vermittelt werden. Das gilt für alle Gruppen. Zum Beispiel gerade für die ukrainischen Jugendlichen ist es wichtig, denn dort hat man ein anderes System. Auch für die Jugendlichen aus dem arabischen Raum ist dies wichtig. Diesen Gruppen sollte man das besonders vermitteln, aber auch denjenigen, die schon lange hier sind. Viele Länder auf der Welt beneiden uns um unser funktionierendes System der dualen Berufsausbildung und versuchen, es zu kopieren. Ehrlich gesagt, das gibt es nicht mehr in so vielen Bereichen. Es wird deshalb höchste Zeit, dass wir diesen hohen Wert selbst wieder stärker erkennen und entsprechend handeln. Die Landesregierung reagiert auf die sinkenden Schülerzahlen derzeit mit dem sogenannten Masterplan Berufliche Bildung. Was zunächst hochtrabend und hochinteressant klingt, beinhaltet vor allem eine nicht unerhebliche Ausdünnung des Unterrichtsangebots in unserem Land. Ich verstehe zwar, dass man auf sinkende Schülerzahlen angesichts der begrenzten personellen Ressourcen und der teils wirklich sehr klein gewordenen Klassen irgendwann mal reagieren muss; aber es besteht natürlich die reale Gefahr, dass man die Abwärtsspirale damit noch weiter verstärkt. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD) Wir wissen doch alle, dass längere Anfahrtswege zur beruflichen Schule die dort angebotenen Ausbildungsgänge für viele junge Menschen unattraktiver machen. Es muss endlich mehr dafür getan werden, dass die Nachfrage deutlich steigt. Wenn man sich im Land umschaut, findet man einige gute Beispiele, die zeigen, was helfen kann. Ein besonders gelungenes Beispiel ist aus unserer Sicht das Modell der „Werkstatttage“, das seit einigen Jahren im Lauenburgischen durchgeführt wird; aufgrund von Corona war das ein bisschen schwierig, aber das hat sich ja auch schon wieder geändert. Schülerinnen und Schüler von dreizehn allgemeinbildenden Schulen, wovon übrigens zehn Gemeinschaftsschulen sind, aus verschiedenen Orten in der Region gehen für eine gewisse Zeit an das Berufsbildungszentrum des Kreises, um dort verschiedene Berufe und Tätigkeiten praktisch kennenzulernen. Das bedeutet zweifelsohne einen gewissen organisatorischen Aufwand – das Land gewährt dafür einige zusätzliche Stellen –, und es müssen natürlich auch Dinge wie zum Beispiel die Schülerbeförderung organisiert werden. Aber die Rückmeldungen rechtfertigen diesen Aufwand aus unserer Sicht, denn sie sind äußerst positiv. Das kann in Wahrheit auch niemanden überraschen, denn die praktische Erfahrung beziehungsweise das eigene Erleben ist immer deutlich effektvoller als alles andere. (Beifall FDP und Peer Knöfler [CDU]) Wir schlagen Ihnen deshalb heute vor, dass dieses erfolgreiche Projekt zukünftig landesweit stattfindet. Dies würde die wichtige berufliche Orientierung, bei der es vielerorts noch sehr viel Luft nach oben gibt, deutlich stärken. Mit den Werkstatttagen ist es im Herzogtum Lauenburg gelungen, eine erstklassige Verzahnung von allgemeinbildenden Schulen und beruflichen Schulen bei der Berufsorientierung zu etablieren. Dies eröffnet den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern dort über zwei Wochen hinweg die Möglichkeit, sich an den Werkbänken und in den Laboren der beruflichen Schule auszuprobieren. So werden Schwellenängste genommen, von denen oft die Rede ist, und es werden Wege aufgezeigt. Die Schülerinnen und Schüler kommen bereits in der Orientierungsphase – Klassenstufe 8 – in Kleingruppen in sinnvoll gestalteten Modulen mit den einzelnen Berufsbildern in Kontakt und können anschließend deutlich besser einschätzen, welche Berufe etwas für sie sein könnten – oder eben auch nicht; auch das ist ja eine wichtige Erkenntnis. Wenn dies landesweit geschehen würde, könnten nicht nur mehr junge Menschen für die duale Ausbildung begeistert werden, sondern das könnte auch merklich dazu beitragen, dass die viel zu hohen Abbrecherquoten sinken. Ich bin mir sicher, dass viele allgemeinbildende Schulen für eine landesweite Ausweitung der Werkstatttage zu begeistern wären und sich dies auch in das Landeskonzept Berufsorientierung gut integrieren ließe. Den Alternativantrag der Koalitionsfraktionen habe ich gelesen. Er lässt mich, ehrlich gesagt, ein bisschen ratlos zurück. Es soll begrüßt werden, dass Gespräche mit allen möglichen Menschen geführt werden – es ist immer zu begrüßen, wenn Gespräche geführt werden –, und es soll bis zum nächsten Jahr evaluiert werden. (Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da fehlt noch was!) (Christopher Vogt) Ich schlage vor, dass wir die beiden Anträge im Bildungsausschuss mit den verschiedenen Akteuren weiter vertiefen; denn es geht um ein wirklich elementar wichtiges Thema, das man nicht einfach abbügeln sollte. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP)
