Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte ein bisschen anders anfangen und mich bei meinen Vorredner_innen für die vielen Punkte bedanken, die sie angesprochen haben. Die Kollegin Birte Pauls hat auf das Thema der psychischen Erkrankungen hingewiesen und den Bereich der Psychosomatik angesprochen. Das ist in der Tat ein sehr großes Problem, das wir aktuell haben. Da sind wir tatsächlich noch nicht weit genug. Wir erleben auch in anderen Bereichen, dass wir teilweise bei dem Thema Gleichstellung zwischen Männern und Frauen im Bereich der Gesundheitsversorgung wirklich noch ganz am Anfang stehen. Der Kollege Hauke Hansen hat gerade das Beispiel der Herzinfarktsymptomatik angesprochen. Das ist, wie ich finde, immer ein sehr plastisches Beispiel, das man nicht häufig genug nennen kann, denn hier bedarf es einer gesellschaftlichen Aufklärung und einer gesellschaftlichen Sensibilisierung für die Wichtigkeit des Themas. Wenn ich Sie jetzt oder Leute draußen dazu befragen würde, was die typische Herzinfarktsymptomatik ist, dann könnten Ihnen manche vielleicht sagen: Ja, das ist dieses Stechen in der Brust, vielleicht ein Engegefühl und so weiter. – Das kriegen vielleicht manche noch hin. Das ist auch zutreffend, allerdings nur für die eine Hälfte der Bevölkerung. Das ist nämlich die typische Herzinfarktsymptomatik bei Männern. Bei Frauen stellt sich das viel diverser dar. Da geht es mit Magenschmerzen im Oberbauch los, Rückenschmerzen, Ziehen im Arm, linksseitig oder auch rechtsseitig. Es ist also ein viel diverseres Bild. Das spreche ich an dieser Stelle an, weil wir leider tatsächlich noch heute Fälle erleben, in denen Frauen mit besagter Symptomatik zu Ärztinnen und Ärzten gehen und meinetwegen mit einem Schmerzmittel nach Hause geschickt werden, obwohl es eigentlich eine Herzinfarktsymptomatik war. Da fehlen einfach noch die Sensibilität und das Bewusstsein. Da ist gerade dieser Punkt, dass ein Zuwenig an der Forschung und an der Aufklärung zum Thema Frauengesundheit tatsächlich Leben kosten kann. Deswegen ist das so wichtig, dass wir heute über dieses Thema sprechen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD, FDP und SSW) Das bezieht sich nicht auf das Thema Herzinfarktsymptomatik. Es wurde auch schon von der Ministerin in ihrer Rede angesprochen: Die Wirkung von Arzneimitteln ist tatsächlich abhängig vom Geschlecht ganz unterschiedlich. Wir wissen, dass bestimmte Schmerzmittel bei Männern deutlich weniger wirken als bei Frauen. Deswegen ist die Tole- (Jasper Balke) ranz auch höher. Nichtsdestotrotz gibt es auch bei Schmerzmitteln immer nur eine Dosis, die genannt wird, also 400 Milligramm Ibuprofen zum Beispiel, obwohl ganz klar ist: Eigentlich bräuchte es zwei für die unterschiedlichen Geschlechter. Das ist bisher noch nicht angekommen. Da hoffe ich einfach, dass es in Zukunft besser wird. Es gibt auch Fortschritt in der Forschung. Wir haben mittlerweile den Punkt erreicht, dass immer mehr Frauen in Studien einbezogen werden. Das ist total toll, weil vielen ist gar nicht bewusst, dass in manchen Bereichen die Grundlagenforschung, die in den 80er- und 90er-Jahren gelegt wurde, die auch abgeschlossen wurde, teilweise auf Studien basiert, an denen keine einzige Frau beteiligt war. Deswegen basiert auch die Datengrundlage, die wir für manche auch noch heute erhältlichen Medikamente haben, rein auf dem, wie der männliche Körper aufgebaut ist. Das ist am Ende ein Gesundheitsrisiko für alle, die dieser Norm nicht entsprechen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Das wurde damals mit dem so spannenden schwankenden Hormonhaushalt bei Frauen argumentiert: Na ja, das ist alles so kompliziert, wenn wir die in Studien einbinden, dann haben wir gar keine Einheitlichkeit. – Es ist aber ein ganz schlechtes Argument, weil genau dieser Hormonhaushalt total spannend und für die medizinische Forschung enorm wichtig ist. Das hat auch Vorteile für andere Geschlechter, wenn wir uns das angucken. Da müssen wir tatsächlich besser werden. Ich möchte an dieser Stelle nur noch ein Beispiel nennen, weil ich das so schön finde, das plastisch zu machen. Sie alle haben in den letzten Wochen die Diskussion um die sogenannte Abnehmspritze mitbekommen. Der Wirkstoff heißt Semaglutid. Ich kann diese Spritze verabreicht bekommen beziehungsweise den Wirkstoff aufnehmen, und dadurch nehme ich ab. Ich bin letztens über eine Schlagzeile gestolpert, die mich ein bisschen verwundert hat: „Ungewollte Schwangerschaften infolge von Abnehmspritze“. Da habe ich gedacht: Das passt doch irgendwie gar nicht zusammen. – Aber es ist tatsächlich so, dass bei Frauen, die Verhütungsmittel oral nehmen, also beispielsweise die Minipille, die Wirkweise durch Semaglutid dazu führt, dass das orale Kontrazeptivum einfach nicht wirkt und dann der Schutz weg ist. Das wurde aber im Vorwege überhaupt nicht geprüft. Auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wussten darüber überhaupt nicht Bescheid. Das ist wieder ein ganz plastisches, konkretes Beispiel, dass wir zwar weiter sind, aber dass es noch heute Problematiken gibt. Deswegen kann ich mich nur wiederholen: Ich bin sehr dankbar für die Beantwortung der Großen Anfrage. Ich bin der SPD dankbar, dass sie das Thema setzt. Ich glaube, wir müssen viel mehr über diese Punkte der Gendermedizin und den Wissenstransfer in dem Bereich sprechen. In dem Zuge bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit und freue mich auf die weitere Beratung im Ausschuss. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD, FDP und SSW)
