Birte Pauls
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Im Namen der SPD-Fraktion bedanke ich mich ganz herzlich bei den Mitarbeitenden im Ministerium für die Beantwortung des umfangreichen Fragenkataloges. Vielen Dank natürlich auch an die Ministerin, und vielen Dank an alle Außenstehenden, die an dieser Stelle zugearbeitet haben: Die KVSH, die Kammern, die Kommunen, die Kassen haben Daten zugeliefert, denn die landesspezifische Datenlage ist überschaubar, da das Land keine eigenen Statistiken erhebt. Trotz Hilfe anderer Stellen fehlen leider Antworten auf viele Fragen, die die Daten und Kenntnisse bündeln könnten. Mir ist sehr bewusst – ein Gruß noch einmal an das Haus –, dass unsere Große Anfrage zu beantworten ein erheblicher Aufwand war und es zeitgleich zur Entwicklung der Krankenhausreform die gleiche Abteilung traf. Wir haben aber diese Anfrage gestellt, weil uns in Gesprächen immer wieder mitgeteilt wurde, dass sich viele Frauen in der medizinischen Versorgung oft nicht ernst genommen fühlen. Für uns war das Grund genug, hier jetzt genauer hinzuschauen. (Vereinzelter Beifall SPD – Serpil Midyatli [SPD]: Genau!) Entgegen der Zusammensetzung unseres Parlamentes leben in Schleswig-Holstein mehr Frauen als Männer, nämlich 51,13 Prozent. Das Durchschnittsalter beträgt 46,8 Jahre. Das ist höher als im Bundesdurchschnitt. Allerdings liegt im „Echten Norden“ die Lebenserwartung etwas niedriger als im Bundesdurchschnitt, nämlich bei 82,91 Jahren. Sie ist in den letzten Jahren sogar gesunken. Wie steht es denn nun um die Frauengesundheit in Schleswig-Holstein? – Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigsten Erkrankungen und mit 37 Prozent die häufigste Todesursache bei Frauen. 600.000 von den 1,5 Millionen Schleswig-Holsteinerinnen sind von diesen Erkrankungen betroffen, die bei Frauen jedoch immer noch unterschätzt werden. Zur Frage der Versorgung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen insbesondere für Frauen kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob es Unterschiede bei der kardiologischen Versorgung von Männern und Frauen gibt. Ganz anders äußert sich aber die Deutsche Herzstiftung dazu: Eine unterschiedliche Symptomatik führt oft zu Fehleinschätzungen und tatsächlich auch zu Fehldiagnosen. Das ist bekannt. Frauen zögern zudem mit lebensrettenden Notrufen. Prävention ist hier das Schlüsselwort. Die Landesregierung sieht aber sich selber nicht in der Pflicht. Die Förderung der LAG Herz- und Kreislauf in Schleswig-Holstein e. V. als Selbsthilfeorganisation wurde 2024 sogar eingestellt. Karl Lauterbach plant hingegen indes ein neues Gesundes-Herz-Gesetz, um Prävention und Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu stärken. Das ist auch gut so. (Vereinzelter Beifall SPD) Prävention ist auch wichtig, um Diabetes zu verhindern oder frühzeitig zu entdecken. 8,2 Prozent der Frauen in Schleswig-Holstein sind an Diabetes erkrankt. Die Zahlen werden immer noch weiter steigen, und zudem wird Typ-2-Diabetes bei Frauen meist später als bei Männern entdeckt. Nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Krebserkrankungen neben der Demenz die zweithäufigste Todesursache von Frauen. Jährlich erkranken mehr als 9.000 Frauen neu an Krebs. Die häufigsten Krebsarten sind Brustkrebs und Hautkrebs. 4.200 Schleswig-Holsteinerinnen sterben jährlich an Krebs, vor allem an Lungen- oder Brustkrebs. Das Screening-Angebot zur Mammografie ab 50 Jahren als Vorsorge wird zunehmend angenommen, allerdings hat sich die Teilnahme an der Krebsfrüherkennung während der Coronapandemie halbiert. Die Landesregierung bewertet die Mammografie-Angebote als ausreichend; Erfahrungen von Patientinnen sprechen eine andere Sprache. Für Frauen unter 50 Jahren zum Beispiel mit familiärer Vorbelastung ist es ganz schwer, einen Termin zur Mammografie zu erhalten. Bei den gynäkologischen Erkrankungen fällt weiterhin eine hohe Anzahl von von Endometriose betroffenen Frauen auf – Frau Ministerin, Sie haben es gesagt –: 115.000 Frauen leiden unter dieser Erkrankung. Ob und was die Landesregierung mit unserem einstimmig gefassten Beschluss zur schleswig-holsteinischen Strategieentwicklung zu dem Thema bislang gemacht hat, wird in der Antwortet auf die Große Anfrage leider nicht erwähnt. In der Darstellung der gynäkologischen Versorgung – aber nicht nur da – fällt auf, dass Frauen mit Behinderung immer noch benachteiligt sind. Frauen mit Behinderung haben aufgrund fehlender Barrierefreiheit Schwierigkeiten, Zugang zu gynäkologischen Untersuchungen zu erhalten. Es fehlt wei- (Birte Pauls) terhin ein flächendeckender barrierefreier Zugang zu den Praxen. Das betrifft nicht nur Frauen mit Behinderung, sondern auch ältere Frauen mit eingeschränkter Mobilität. Die derzeitige Situation führt zwangsläufig dazu, dass Frauen mit Behinderung auf notwendige medizinische Untersuchungen verzichten. Hier besteht Handlungsbedarf für die Landesregierung, der auch mit dem Fonds für Barrierefreiheit und einem MVZ nicht ausreichend beantwortet ist. Die gynäkologische Versorgung ist nach den vorgelegten Zahlen sichergestellt. Für die Zukunftssicherung ist die Nachbesetzung der Praxen allerdings relevant. Zudem ist es wichtig und richtig, dass der Bund jetzt und zukünftig den Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe in den Kliniken stützt. Eine weitere Ausdünnung der Angebote in der Fläche ist für uns nicht hinnehmbar. (Beifall SPD) Leider sind im Bereich Geburtshilfe überhaupt keine Daten zur Hebammenversorgung enthalten. Es wird auf das neue Projekt zur Hebammenversorgung hingewiesen. Die Kaiserschnittrate ist weiter erschreckend hoch und liegt in den meisten Kliniken zwischen 30 und 40 Prozent. Das ist wirklich nicht gut, weder für das Kind noch für die Mutter, und zeugt von einem erheblichen Druck in den Kreißsälen. Die Zahl der Geburten ist im letzten Jahr mit 22.193 auf ein Zehnjahrestief gefallen. Laut IGESGutachten hat Schleswig-Holstein den drittniedrigsten Betreuungsschlüssel in Deutschland. Von der Umsetzung der empfohlenen S‑1-Richtlinie sind wir viel zu weit entfernt. Diese würde aber nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch die Arbeitszufriedenheit der Hebammen, die den Beruf zunehmend verlassen. Die Landesregierung sieht nach derzeitigem Stand die geburtshilfliche Versorgung im Land als gesichert an. Junge Familien berichten allerdings, dass sie zunehmend Schwierigkeiten haben, eine Hebamme für die Vor- und Nachsorge zu finden. Eine weitere Reduzierung der geburtshilflichen Abteilungen, wie wir sie in den letzten Jahren im Land beobachten mussten, lehnen wir ab. Die Landesregierung muss das Angebot sicherstellen. Krankenhausplanung ist und bleibt Ländersache. Im Bereich der Schwangerschaftsabbrüche fällt auf, dass die Anzahl der Angebote zwar gestiegen ist, aber in Dithmarschen und Plön keine Fälle abgerechnet worden sind. Ich möchte noch einen großen Bereich hervorheben – man kann hier jetzt leider nicht alle Bereiche der Antwort hervorheben –, nämlich die psychische Gesundheit von Frauen. Hier ist leider festzustellen, dass 28,6 Prozent aller Patientinnen im Jahr 2022 eine Diagnose im Bereich psychische Erkrankung hatten. Studien weisen darauf hin, dass Frauen aus verschiedenen Gründen häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind als Männer. Viele Frauen jonglieren zwischen beruflichen Verpflichtungen und familiären Aufgaben, was zu chronischem Stress und Burnout-Erkrankungen führen kann. Meine persönliche These lautet: Frauen geraten häufiger aufgrund von unspezifischen Symptomen, zum Beispiel bei Long Covid – dazu kommen wir Freitag –, in Diagnosesackgassen. Oft heißt es dann zum Schluss: Das wird die Psyche sein – obwohl eigentlich etwas ganz anderes dahintersteckt. Auffällig ist, dass sich die Zahlen der Erwerbminderungsrente mit psychischer Diagnose seit dem Jahr 2020 verdoppelt haben. Die psychotherapeutische Versorgungslage in Schleswig-Holstein ist entsprechend angespannt, und die Wartezeiten für Behandlungen liegen zwischen vier bis fünf Wochen und mehreren Jahren. Auch da haben wir keine Antwort, was die Landesregierung dagegen tun möchte. Beim Thema Essstörungen ist es nicht anders. Die Zahlen der von Essstörungen betroffenen Mädchen und Frauen steigen immer weiter an. Die Beratungsstelle Eß-o-Eß berichtete uns, dass es viel zu wenig Beratungskapazitäten mit viel zu langen Wartezeiten gibt. Die Landesregierung kann aber aufgrund fehlender Daten die Versorgungslage bei Essstörungen nicht beurteilen. Damit ist das Thema quasi abgehandelt. Unser Fazit: Die Antwort der Landesregierung auf unsere Große Anfrage war für uns einigermaßen ernüchternd. Trotz der vielen Zahlen und Informationen konnte das Ministerium unsere Fragen zur Frauengesundheit in Teilen nicht beantworten, weil schlichtweg Daten fehlen. Diese Informationslücke ist inakzeptabel. Mädchen und Frauen haben spezifische gesundheitliche Bedürfnisse und Risiken, die berücksichtigt werden müssen. Sonst kann keine angemessenen Präventions- und Behandlungsstrategie entwickelt werden. Für die Prävention fühlt sich die Landesregierung nicht zuständig, sondern verweist auf die Eigenverantwortung und auf die Kassen. Die Barrierefreiheit (Birte Pauls) ist weiterhin ein großes Problem. Außerdem liegen keine Daten zur Gesundheit von Frauen mit geringem Einkommen vor. Dabei sind vor allem sie oft einem höheren Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme ausgesetzt. Wir möchten, um endlich allen Frauen einen geschlechtergerechten Zugang zur Medizin zu ermöglichen, diese Große Anfrage in den Sozialausschuss überweisen, sie dort intensiv beraten und uns ausführlich der Gesundheitsversorgung von Mädchen und Frauen widmen. – Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD und vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
