landtag.ltsh.de ↗

Birte Pauls

SPD 23.05.2024 Sitzungen 20/58

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Auch ich bedanke mich ganz herzlich beim Ministerium für die Beantwortung (Birte Pauls) der Großen Anfrage und beim SSW für die Initiative. Das war sehr hilfreich. Vielen Dank dafür. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Vorbeugen ist besser als Heilen. Das hat nicht nur mein Opa gesagt, sondern das wusste auch der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts. 2015 allerdings erst wurde das Präventionsgesetz auf Bundesebene eingeführt. Ziel ist es, Krankheiten zu vermeiden, bevor sie entstehen. Gesundheitsförderung und ‑prävention sollen in den verschiedenen Lebenswelten greifen und sichtbar sein: genau dort, wo die Menschen leben, lernen und arbeiten. Das macht auch Sinn. Die Prävention ist in vielen Bereichen in unserer Gesellschaft immer wichtiger geworden. Grundlegend ist wohl tatsächlich das gesunde Aufwachsen. In vielen Familien wird nicht mehr richtig gekocht. Umso wichtiger ist es, dass Kinder in der Schule ein gesundes Essen angeboten bekommen und sie lernen, wie und warum es zubereitet wird. In den Schulen geht es natürlich nicht nur ums Essen, sondern auch um die psychische Gesundheit. Da haben mich die Zahlen aus dem Bericht erneut schockiert. Der Kollege Kalinka hat das eben schon gesagt: Jedes dritte Kind litt während der Pandemie an psychischen Belastungen. Vor der Pandemie war es jedes fünfte Kind. Das ist in meinen Augen tatsächlich auch schon zu viel. 24,1 Prozent der Kinder zeigten in der Pandemie Symptome einer generalisierten Angststörung. Vor der Pandemie waren es 14,9 Prozent. Auch das war schon zu viel. Laut Zahlen der DAK-Gesundheit für 2021 wurden im Vergleich zu 2019 fast zwei Drittel mehr Teenager aufgrund einer Angststörung oder einer depressiven Episode ärztlich behandelt. Und wie geht es den Kindern und Jugendlichen heute? – Ich hatte in der letzten Woche ein Gespräch mit der Landesschülervertretung der Gymnasien. Die jungen Menschen wollten mit mir über psychische Gesundheit und Belastungen an Schulen reden. Ich bin ja kein Bildungspolitiker, kam aber trotzdem einmal in den Genuss des Gespräches. Wir haben hier immer sehr viel über das Thema „Aufholen nach Corona“ gesprochen. Das bezieht sich aber oft und meistens auf das Leistungsniveau. Wenn die Schüler- und Elternvertretungen aller Schulen in einem Brief an das Bildungsministerium jetzt ein „Luftholen statt Aufholen“ fordern, dann sollte man das auch mit Blick auf die eben genannten Zahlen und erheblichen Wartelisten für die psychologische Versorgung sehr ernst nehmen. (Vereinzelter Beifall SPD und Beifall Christian Dirschauer [SSW]) Das Fachgespräch des Bildungsausschusses steht noch an und wird dazu wahrscheinlich viel beitragen. Die Krisenzeit für viele junge Menschen ist eben doch noch nicht vorbei. Sie zu stärken und gestärkt aus dieser Krise zu begleiten, muss auch eine politische Aufgabe sein, nachdem wir ihnen so viel zugemutet haben. Anstatt den jungen Menschen weitere Hilfsangebote zu geben, laufen die Befristungen für die 15 zusätzlichen Schulpsychologen aus, die wir im Sofortprogramm verankert hatten. Gesund aufwachsen ist eben weitaus mehr als der Apfel in der Schulmensa. Auch in anderen Bereichen sind die Menschen am Limit. Ein Punkt aus dem Handlungsfeld „Gesund arbeiten und leben“: Betrachte ich den Arbeitsmarkt im Hinblick auf die demografische Entwicklung, dann ist es außerordentlich wichtig, dass die Menschen so lange wie möglich in ihrem Job arbeiten können und das auch wollen. Leider sieht das besonders in einem Berufsfeld ganz schlecht aus. Die Techniker Krankenkasse hat in der vergangenen Woche alarmierende Zahlen veröffentlicht. Im Durchschnitt waren Pflegekräfte 29,8 Tage im Jahr 2023 krank. Pflegende Angehörige sind hier nicht eingerechnet, die können sich ja nicht krankmelden. In keinem anderen Berufsfeld ist der Krankenstand so hoch wie in der Pflege. Die enorme psychische und physische Belastung ist aufgrund schlechter Rahmenbedingungen so hoch, dass der Körper irgendwann streikt. Die Berufsflucht nimmt zu; in Vollzeit kann kaum noch jemand arbeiten. Mit Geld kann man nicht alles aufwerten. Unser aller Klatschen hat den Pflegekräften tatsächlich sehr wenig gebracht. Auch wenn sie gut gemeint sind und der Gesundheitserhaltung dienen sollen, helfen Sonderleistungen wie das kostenlose Fitnessstudio oder das Dienstfahrrad nicht weiter, wenn es doch eigentlich die Arbeitsbedingungen sind, die krank machen. Insgesamt stelle ich beim Lesen der Antwort auf die Große Anfrage fest, dass wir es mit einem Flickenteppich von guten Angeboten zu tun haben, die aber oft wenig strukturiert sind. Je nach Postleitzahl sind die Angebote sehr unterschiedlich vorhanden. Lustig oder – wie soll ich sagen? – eher erschütternd fand ich die Aussage des Ministeriums, dass man auf den Beschluss des Sozialausschusses war- (Birte Pauls) te, um eine Arbeitsgruppe zum Thema Prävention einzurichten. Da scheint mir die Kommunikation auf Koalitionsebene irgendwie noch nicht wirklich gut hinzuhauen. (Zuruf Dr. Heiner Garg [FDP]) Jedenfalls wird jetzt nach einer knapp vierjährigen, verständlichen Pause – das soll keine Kritik sein – wieder ein Strategieforum stattfinden. Wir sind gespannt auf das Ergebnis. Es ist wichtig, dass die Landesregierung Prävention als Querschnittsaufgabe für alle betrachtet. Vorbeugen ist besser als heilen, und günstiger ist es auch noch. – Vielen Dank. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW])

Alle Reden von Birte Pauls Protokoll ↗