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Jasper Balke

GRÜNE 23.05.2024 Sitzungen 20/58

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde es sehr spannend, wie unterschiedlich die Ansätze für die individuellen Reden zu bestimmten Tagesordnungspunkten sind. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Das glaubst du aber!) Ich habe es dem Kollegen Dirschauer auch schon gesagt: Ich werde mich in dieser Rede ein wenig allgemeiner halten, weil das Thema Prävention und Gesundheitsförderung ein Thema ist, das mich sehr beschäftigt. Es gibt relativ wenig Bewusstsein in der Gesamtbevölkerung dafür. Deshalb ist es mir wichtig, ein allgemeineres Bild zu zeichnen. Eine der größten Ungerechtigkeiten in Deutschland ist der eindeutige Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund und dem Bildungsstatus eines Menschen auf der einen und dem individuellen Gesundheitszustand und der Lebenserwartung auf der anderen Seite. Wenn wir von über 20 Prozent in Armut aufwachsenden Kindern sprechen, dann sind das genau die Menschen, die durch Mangelernährung und einen generell ungesünderen Lebensstil im Laufe ihres Lebens mit viel höherer Wahrscheinlichkeit und viel früher als andere erkranken. In Deutschland leben Menschen mit niedrigerem Bildungsstand durchschnittlich bis zu zehn Jahre weniger als Menschen aus besser gebildeten Umfeldern. (Dr. Bernd Buchholz [FDP]: Ja!) Eines der zentralen Probleme dabei ist die sogenannte Ernährungsarmut. Während wir mittlerweile den Zustand haben, dass die allermeisten Menschen genug Makronährstoffe – also, Fette, Proteine und Kohlenhydrate, quasi genug Kalorien – zum Überleben zu sich nehmen, führt deren finanzielle Armut allerdings sehr häufig dazu, dass sie einen Mangel an den sogenannten Mikronährstoffen, zum (Jasper Balke) Beispiel Eisen, Zink, Vitamine und andere Mineralstoffe, aufbauen. Diese sind aber in jungen Jahren in der Entwicklung des menschlichen Körpers – insbesondere des Gehirns – ganz besonders wichtig. Je früher im Leben ein solcher Mangel auftritt – bei manchen Kindern ist das leider schon pränatal der Fall, weil schon die Mutter nicht ausreichend Nährstoffe zu sich nimmt –, desto verheerender und irreversibler sind die Folgen. Eine ausgewogene Ernährung ist entscheidend für die gesunde Entwicklung von Kindern. Leider haben viele Kinder aus benachteiligten Familien keinen regelmäßigen Zugang zu gesunden Lebensmitteln, entweder, weil die Eltern es nicht besser wissen oder weil sie nicht ausreichend finanzielle Mittel dafür zur Verfügung haben. Die konsequente Bekämpfung von Kinderarmut ist deshalb eine der wichtigsten Maßnahmen für mehr Gesundheitsförderung. (Beifall ganzes Haus) Es geht dabei um nichts anderes als gesundheitliche Chancengerechtigkeit und das Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mir war es wichtig, ein wenig allgemeiner einzusteigen, um das klarzumachen. Wir leben, und das haben wir schon einige Male diskutiert, in einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Dass wir im Ländervergleich aber trotzdem keine spürbar steigende Lebenserwartung haben, liegt auch daran, dass Deutschland prozentual – gemessen an den Gesamtausgaben im Gesundheitswesen – deutlich weniger Geld für Prävention und Gesundheitsförderung ausgibt als andere Länder. Das ist deshalb so fatal, weil der Euro, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) den ich in ganz frühen Jahren eines Menschenlebens in gesundheitsfördernde Maßnahmen investiere, sich hinterher volkswirtschaftlich um den Faktor 100 rechnet. Hierfür gibt es sehr gut gemachte Studien aus den USA, die schon etwas älter sind. Ich empfehle allen, sich diese Studien anzuschauen. Keine Frage: Wir haben in Deutschland ein top Gesundheitssystem und sind sehr gut darin, Krankheiten mit sehr hoher Expertise und vielen Ressourcen zu therapieren; doch wir sind nicht gut darin, den Namen Gesundheitssystem ernst zu nehmen. Die Salutogenese – das Gesundhalten der Bevölkerung – ist deshalb gar nicht mehr möglich, weil so viele Ressourcen dorthin fließen, wo Erkrankungen schon längst entstanden sind. Studien der WHO, und das ist auch wissenschaftlich belegt, gehen davon aus – das ist nicht immer leicht zu beziffern –, dass circa 50 bis 60 Prozent der sogenannten Volkserkrankungen wie Krebs, Herzkreislauferkrankungen und die sie bedingenden Erkrankungen wie Adipositas oder Diabetes in Deutschland und der EU durch einen gesünderen Lebensstil hätten verhindert werden können. Verstehen Sie mich nicht falsch. Jeder Mensch hat selbstverständlich das Recht, so gesund oder auch ungesund zu leben, wie er oder sie es möchte. Das ist auch gut so. Ein Leben, das allein auf maximale Gesundheit und Verlängerung der Lebensspanne ausgerichtet ist, stelle ich mir auch nicht lebenswert vor. Der Kernpunkt ist aber, dass es viele Menschen gibt, die gar nicht das Privileg haben, komplett selbst zu entscheiden, ob sie gesund oder ungesund leben wollen. Das ist genau das große Problem, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP, SSW und vereinzelt CDU) Deshalb – ich komme zum Schluss – stört es mich auch so, dass zum Fleischkonsum oder anderem bei neuen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung direkt wieder kulturkämpferische, identitätspolitisch motivierte Verbotsdebatten geführt werden. Das trägt rein gar nichts zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit bei, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP, SSW und vereinzelt CDU) Jetzt komme ich zum Schluss: Ich möchte mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums ganz herzlich für die Beantwortung der Großen Anfrage bedanken. Das ist eine gute Grundlage für die weiteren Diskussionen im Ausschuss. Wir bekommen das in Schleswig-Holstein gut hin. Ich freue mich auf die weiteren Beratungen. – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP, SSW und vereinzelt SPD)

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