Dr. Heiner Garg
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bereits auf dem Weg zum Rednerpult erfahre ich als zugereister Schleswig-Holsteiner Ausgrenzung durch meine Lieblingskollegin. (Heiterkeit) Mein Fraktionsvorsitzender setzt sich weg, weil er fürchtet, ich halte diese Rede auf Alemannisch – was ich natürlich nicht tue. Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach den Vorrednerinnen und Vorrednern – wenn ich das richtig identifiziert habe, alles gebürtige Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner – (Christopher Vogt [FDP]: Dafür muss man sich nicht schämen!) – nein, überhaupt nicht –, ist es für einen Zugereisten in der Tat etwas schwieriger. Lassen Sie mich deshalb auch gar nicht erst versuchen, in diesen Chor mit einzustimmen, sondern von dieser etwas anderen Perspektive sprechen, wie ich groß geworden bin, und der Faszination, die bei Birte Pauls zum Schluss noch einmal deutlich geworden ist, was für einen unglaublichen Schatz und kulturellen Reichtum Europa damit hat. (Beifall FDP, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt CDU) Lassen Sie mich hier ganz kurz mit einem Ausflug dazu beginnen, wie ich groß geworden bin. Die meisten von Ihnen wissen, dass ich im deutschfranzösisch-schweizerischen Grenzland, also im Dreieck Freiburg, Mulhouse, Basel, großgeworden bin. Für uns Kinder war es völlig normal, Freundinnen und Freunde sowohl in Frankreich als auch in der Schweiz zu haben. Wir fanden es schon immer spannend, dass es in der Schweiz vier Landessprachen gibt. Die vierte Landessprache ist nun nicht unbedingt eine Sprache, die weltweit bekannt ist. Deutsch, Französisch und Italienisch – ja, das kennt man sogar in den USA –, aber das Rätoromanisch – was eigentlich, wie ich gelernt habe, eine ganze Sprachfamilie ist, deshalb ist es eigentlich (Dr. Heiner Garg) das Bündnerromanisch, das vierte Landessprache in der Schweiz ist –, wird immerhin von 30 Prozent der Menschen im Kanton Graubünden gesprochen. Für 15 Prozent ist es sogar die Hauptsprache. Von 0,7 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer wird es gesprochen und verstanden. Die spannende Frage wird vielleicht für Sie sein: Was hat das alles mit Schleswig-Holstein und dem Grenzland zu tun? (Dr. Bernd Buchholz [FDP]: Allerdings! – Weitere Zurufe – Heiterkeit) Ich möchte deshalb einmal – auf die Idee hat mich ehrlicherweise der Kollege Hölck bei der FördeRunde gebracht – (Marc Timmer [SPD]: Guter Mann!) einen Blick nach Europa, nämlich in das beliebte Urlaubsland Spanien zu Zeiten der Franco-Diktatur bis in die späten 70er-Jahre, empfehlen. In der Zeit wurde nämlich versucht, Castellano als Nationalsprache mit Brachialgewalt durchzusetzen und dabei gleichzeitig Sprachen wie Katalanisch, Aranesisch, Valencianisch, Baskisch, Galicisch verboten wurden. Es wurde nicht nur die Sprache verboten, sondern das Leben der eigenen Kultur verboten. Wenn man also gucken will, wie man es nicht macht, wenn man erklären will, warum bis heute in Katalonien diese extremen Konflikte mit der Zentralregierung bestehen, die weit über einen Sprachenkonflikt hinausgehen, dann muss man sich das dort anschauen. Übrigens hat Spanien bis heute keine Nationalsprache. Castellano oder Spanisch ist nicht die Nationalsprache, sondern eine von mehreren Amtssprachen – je nachdem, in welcher autonomen Region man sich bewegt. Wenn man aber gucken will, wie es funktioniert, schaut man hierher. Meine sehr verehrten Damen und Herren, das hat viel damit zu tun, dass man sich seiner Geschichte gestellt hat und dass Politik ab und zu – auch wenn es viele Vorurteile gibt – sehr weit nach vorn schaut. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 war ein weit nach vorn schauendes Meisterwerk, das im Übrigen, wenn ich die letzten Jahrzehnte schleswig-holsteinischer Geschichte – davon habe ich nur zweieinhalb Jahrzehnte miterlebt – rekapituliere, mitnichten nur eine Veranstaltung von Friede, Freude, Eierkuchen gewesen ist, sondern ein extrem schwieriger Lernprozess. Was hat das also mit Schleswig-Holstein zu tun? – Ja, meine Güte, eine EU-Institution zur Förderung der europäischen Sprachenvielfalt – wenn nicht in Schleswig-Holstein, meinetwegen in Flensburg, wo denn dann in Europa, meine sehr geehrten Damen und Herren! (Beifall FDP, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt CDU) Was hier in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, kann man mit Fug und Recht sagen, ist in keinem anderen europäischen Land gelungen. Deshalb gehört eine solche Institution hierher, und ich würde mich freuen, wenn das tatsächlich gelänge. Lassen Sie mich ganz kurz zur Europeada sagen: Das ist das Projekt, das auf Antrag der Sozialdemokraten im Europaausschuss vorgestellt worden ist. (Vereinzelter Beifall SPD) Mit wie viel Elan und Begeisterung diejenigen, die das organisieren, dieses Fußballturnier vorgestellt haben, war beeindruckend. Ich freue mich, dass es inzwischen – jedenfalls in dem Kreis – die Aufmerksamkeit erfährt, die es verdient. Ich wünsche mir, dass das öffentlich so bekannt gemacht wird, dass es ein riesengroßes Fußballfest wird, dass die Werte von wechselseitigem Respekt, von Miteinander auf Augenhöhe, nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch am Spielfeldrand und gemeinsam gelebt und erprobt werden. Aus diesem Grund, liebe Frau Kollegin, werden wir selbstverständlich auch diesen Antrag unterstützen. Wir wären sogar mit daraufgegangen, hätte uns jemand gefragt – egal in welcher Sprache; das hätten wir hingekriegt. Wir werden beiden Anträgen zustimmen. Zu dem Bericht schließe ich mich der Bitte um Ausschussempfehlung an. – Herzlichen Dank fürs Zuhören. (Beifall ganzes Haus)
