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Birte Pauls

SPD 21.03.2024 Sitzungen 20/55

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Wenn nicht hier, wo dann? – Natürlich macht es Sinn, eine EU-Institution, die die Förderung der Sprachenvielfalt zur Aufgabe hat, in SchleswigHolstein zu etablieren. Ich gehe tatsächlich noch ein Stück weiter: Ich würde den Standort Flensburg vorschlagen. (Beifall Uta Wentzel [CDU] und Christian Dirschauer [SSW]) – Ich wunderte mich, dass das nicht von dir kam. (Vereinzelte Heiterkeit – Zurufe) – Ich erkläre es auch. Ich bin ja noch ein paar Tage für Flensburg zuständig. Mit einem der drei Sekretariate des FUEN und dem European Centre for Minority Issues ist dort die geballte Kompetenz des Minderheitenwissens bereits vor Ort. Hinzu kommen die dänische Minderheit, die mit ihren Dachorganisationen ebenfalls in Flensburg heimisch ist, außerdem das Minderheitenkompetenznetzwerk, das in Sankelmark ansässig ist – all das ist beste Werbung für diesen Standort. Die Nähe und das selbstverständliche Miteinander von Dänen und Deutschen im Grenzland prägen zusätzlich das Bild von Offenheit und Toleranz. Warum sollte man dieses Vorbild für andere Regionen Europas nicht noch sichtbarer machen? (Beifall Uta Wentzel [CDU], Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Christian Dirschauer [SSW]) Eine weitere Möglichkeit, für unsere Grenzregion zu werben, ist die Europeada. Diese Fußballeuropameisterschaft der nationalen Minderheiten, die ansonsten immer so ein bisschen – da nimmt sich wahrscheinlich niemand von uns aus – untergeht, weil sie ja parallel zur Europameisterschaft stattfindet, wollen wir in der Grenzregion natürlich aus vollem Herzen unterstützen. (Beifall FDP, SSW, vereinzelt SPD und Uta Wentzel [CDU]) Auf Initiative der SPD ist die Europeada ja tatsächlich schon einmal im Europaausschuss vorgestellt worden. Das fand ich total spannend. Dort wurde auch gesagt, dass die Europeada noch ein bisschen mehr Werbung und Öffentlichkeitsarbeit braucht. Deswegen ist es auch gut, dass wir sie an dieser Stelle noch einmal thematisieren. Üblicherweise finden wir in solchen Sachen immer zu einem gemeinsamen Antrag. Ich fand es sehr bedauerlich, dass CDU und Grüne nur eine der Oppositionsparteien gefragt haben. Selbstverständlich unterstützen wir den Antrag aber. Ich kann bei der schwammigen Formulierung des Antrags allerdings nur hoffen, dass das Land die notwendigen Mittel wirklich zur Verfügung stellt. Der Bund hat zwischenzeitlich geliefert, und das ist, finde ich, eine gute Sache. (Beifall SPD, Dr. Heiner Garg [FDP] und Christian Dirschauer [SSW]) Deutschland hat die europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen ratifiziert. Die Vereinbarung kann als Meilenstein in Sachen Minderheitenpolitik angesehen werden und ist ein großer Erfolg für Schleswig-Holstein. Denn auch bei uns können etliche Verbesserungen der Förderung und Anwendung von Minderheitensprachen auf die Charta zurückgeführt werden. Mit Niederdeutsch, Dänisch, Friesisch und Romanes sind gleich vier Regional- und Minderheitensprachen bei uns beheimatet. Der damit verbundene kulturelle Reichtum hat bei uns Tradition. Es macht Schleswig-Holstein vielfältig und einzigartig, und darauf sind wir stolz. (Beifall Sandra Redmann [SPD] und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Das ist ein Vorbild für Europa, denn es gibt immer noch Länder, die die Existenz ihrer autochthonen Minderheiten nicht anerkennen, geschweige denn unterstützen und ihre Sprachen fördern, so wie wir es hier tun. Ein paar Zahlen machen immer wieder deutlich, wie viele Menschen eigentlich zu einer Minderheit gehören: Laut FUEN gibt es auf dem ganzen europäischen Kontinent mehr als 400 europäische Minderheiten. In Europa leben mehr als 100 Millionen (Birte Pauls) Menschen, die zu autochthonen Minderheiten gehören; in der EU selbst sind es mehr als 50 Millionen. Jeder siebte Europäer gehört also einer autochthonen Minderheit an oder spricht eine Regional- oder Minderheitensprache. Das ist nicht wenig. (Beifall CDU, SSW und Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Nach den offiziellen Zahlen der EU gibt es neben den 24 Amtssprachen der Europäischen Union mehr als 60 Regional- und Minderheitensprachen. Die Gesamtzahl der Sprechenden von Minderheitensprachen wird auf 40 Millionen EU-Bürger geschätzt. Immer wieder, wenn ich mich mit der Sprachenvielfalt Europas beschäftige, bin ich über diesen kulturellen Reichtum und das europäische Erbe mehr als erstaunt. Gleichzeitig mahnt mich das auch immer wieder, dass wir gut darauf aufpassen müssen – besonders politisch. Sprachen sind Identität. Sie verbinden. Sprachen geben das Wissen über die eigene Vergangenheit, ihre Gegenwart, aber auch die Zukunft wieder. Wenn Sprachen aussterben, geht auch dieses kulturelle Wissen verloren. (Beifall SPD, Dr. Heiner Garg [FDP] und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) So mahnt auch die UNESCO: Eine Sprache ist in Gefahr, wenn ihre Sprecherinnen und Sprecher sie nicht mehr nutzen, wenn sie sie in immer weniger Bereichen der Kommunikation benutzen und sie nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das heißt, dass es keine neuen Sprecherinnen und Sprecher mehr gibt – seien es Erwachsene, oder seien es Kinder. Es ist schade, dass die Landesregierung im Bereich der Fortbildung ihres Personals an dieser Stelle spart, anstatt hier mehr Geld zu investieren, um den Auftrag aus dem Landesverwaltungsgesetz zu erfüllen. Sie müsste eigentlich Geld in die Hand nehmen, um Werbung für die Minderheitensprachen in ihrer Verwaltung zu machen. Hier gibt es eindeutig Handlungsbedarf. Den Bericht über das Monitoringverfahren würden wir gern im Ausschuss ausführlich besprechen. Dafür sind die fünf Minuten heute hier nicht ausreichend. Die Sprache ist das Herz aller Minderheiten – ich wiederhole mich –, sie zu pflegen, ist Aufgabe der Minderheiten, sie zu fördern, ist unsere politische Aufgabe. Deshalb unterstützen wir als SPD alle Aktivitäten, die die Sprachenvielfalt in Europa fördern und sichern. Das ist bei uns gute Tradition. – Danke schön. (Beifall SPD, FDP, SSW und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

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