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Jette Waldinger-Thiering

SSW 21.03.2024 Sitzungen 20/55

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Bevor ich nun mit meiner Rede anfange, möchte ich mich einmal bei der Ministerin sowohl für ihren mündlichen als auch für den schriftlichen Bericht bedanken und auch der SPD vielen Dank sagen, dass sie diesen Bericht beantragt hat. Bevor ich näher auf den Bericht eingehe, halte ich fest, dass wir in der beruflichen Bildung einen guten Status quo haben, der Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine gute Perspektive als Fachkraft in der Berufswelt bietet. Deshalb müssen wir alles tun, um unsere berufsbildenden Institutionen zu fördern und auszubauen. Die wichtigste Grundvoraussetzung dafür ist eine ausreichende Anzahl an Lehrkräften. Allerdings wird im Bericht unter Punkt 3 zur aktuellen Situation der Lehrkräfteversorgung nicht nur deutlich, dass ein Drittel der Lehrkräfte – überwiegend Frauen – nur in Teilzeit beschäftigt sind, sondern dass in vielen Fächern der Nachwuchs an Lehrkräften fehlt. Über 75 Prozent der Lehrkräfte sind über 40 Jahre alt, 46 Prozent davon sind sogar über 50 Jahre alt. Davon arbeiten lange nicht alle bis zum Pensions- beziehungsweise Rentenalter, sondern gehen vorzeitig in den Ruhestand. Dagegen stehen die Prognosen der steigenden Schülerzahlen zum Ende der 2020er-Jahre. Hinzu kommt, dass die Schulen in den größeren und kreisfreien Städten deutlich höhere Bewerbungsquoten haben als die Schulen in den ländlichen Gebieten. Hier müssen Instrumentarien und Anreize für die gerechte und flächendeckende Verteilung der Referendare geschaffen werden. Unter dem Punkt der unbesetzten Stellen wird darauf hingewiesen, dass für die Ermittlung des Gesamtstellenbedarfs nicht mit Prognosen zur Schülerzahl gearbeitet wird, sondern budgetbezogen unter der Berücksichtigung der Schülerzahlen des vorherigen Jahres geplant wird. Das kann besonders für kleine Mangelfächer zum endgültigen Aus führen. Aber auch bei den Fächern, die einen guten Zulauf haben, aber nicht genügend Lehrkräfte, wie zum Beispiel die Sozialpädagogik, muss langfristig geplant werden und aufgrund steigenden Bedarfs an pädagogischen Fachkräften mit höheren Schülerzahlen gerechnet werden. Hier freut es mich besonders, unter dem Abschnitt zur Lehrkräftegewinnungsstrategie zu lesen, dass der Lehramtsstudiengang in der Sozialpädagogik an der CAU ausgebaut wird und wir nicht län- (Jette Waldinger-Thiering) ger auf die Absolventen aus Lüneburg oder anderen Bundesländer angewiesen sind, um unsere Stellen zu besetzen. Generell und im Hinblick auf den Masterplan mahne ich noch einmal an, dass es nicht zu aufwendig sein darf, eine fachliche Ausbildung an einer berufsbildenden Schule zu beginnen. Die Wege dorthin und die Aufnahmekriterien müssen für die jungen Menschen realisierbar sein. Das heißt: Wir müssen auch die ländlichen Schulen, die sogenannten Bündelschulen, stärken, und dürfen nicht alles auf die Städte wie Flensburg, Schleswig, Kiel und Lübeck konzentrieren. Es braucht zum Beispiel Spezialisierung an der Westküste. Wir müssen langfristig nachhaltig denken und in die Ausbildungsbereiche der grünen Energie investieren. Dank Northvolt und der Nordseeanbindung werden wir dies an den Westküstenstandorten benötigen. Aber auch Fachbereiche wie Metallbau, Sozialpädagogik und Touristik werden überall im Land benötigt und sollten auf keinen Fall zentriert werden. Wenn zum Beispiel ein 16-jähriger Schüler aus Eckernförde, Husum oder Rendsburg für eine Fachausbildung mit dem ÖPNV nach Lübeck pendeln muss, wird er diese kaum wählen. Um den hierfür benötigten Lehrkräftebedarf zu decken und eine hundertprozentige Unterrichtsversorgung zu erlangen, müssen die Kriterien für die Ausbildung und Einstellung der Lehrkräfte flexibel und pragmatisch gestaltet werden. Hierfür gibt es bereits gute Ansätze, die im Bericht genannt werden, unter anderem den dualen Master und das Satellitenmodell. Es müssen fließende Wechsel zwischen den Schulformen möglich sein. Vielleicht müssen wir dafür die Laufbahnverordnung für Lehrkräfte reformieren. Auf keinen Fall dürfen wir motivierte Fachlehrkräfte verlieren, sondern müssen sie unabhängig von der aktuellen Fachbedarfslage im Bildungssystem halten. Denn spätestens in fünf bis sechs Jahren werden wir laut Prognose die steigenden Schülerzahlen an den Schulen spüren. Genau dann werden viele von den heutigen Lehrkräften in den Ruhestand gehen, also müssen wir jetzt mit Weitblick handeln. Es wurde angesprochen, dass wir für das duale System werben müssen. Ja, das müssen wir, ganz massiv. Aber wir müssen auch dafür werben – deshalb bin ich auf den zweiten Entwurf des Masterplans gespannt –, die Bedingungen zu verbessern. Denn wenn junge Menschen eine Ausbildung anstreben und zum Beispiel 16 sind und dann zu wissen bekommen, dass sie von ihrem Wohnort nach Neumünster pendeln müssen – das geht vielleicht gerade noch, wenn man im Landkreis RendsburgEckernförde wohnt –, dann sind der mangelnde Ausbau des ÖPNV und seine fehlende Verlässlichkeit eine große Hürde für die jungen Menschen, Ja zu einem Ausbildungsplatz zu sagen. Deshalb bleiben viele länger im System und streben einen höheren Bildungsabschluss an. Ich muss sagen, dass ich da die Auffassung meines geschätzten Kollegen Christopher Vogt nicht teile, dass wir zu viele kleine Oberstufen haben. Nein! Wir müssen ein transparentes System haben, damit junge Menschen wissen, dass sie einen hohen Bildungsabschluss in ihrer Region machen können. Dazu gehören kleine Oberstufen an unseren Gemeinschaftsschulen genauso wie transparente Kooperationsvereinbarungen zwischen Gymnasien, berufsbildenden Schulen und Gemeinschaftsschulen ohne und mit Oberstufe. (Beifall SSW und SPD) Insofern: Ich bin gespannt. Lassen Sie uns gemeinsam einen ordentlichen Einsatz für die duale Bildung machen. Sie hat es verdient. – Vielen Dank. (Beifall SSW, SPD und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

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