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Christopher Vogt

FDP 21.03.2024 Sitzungen 20/55

Sehr geschätzte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Auch ich danke zunächst der Ministerin und dem Bildungsministerium für die Erstellung des Berichts und der SPDFraktion für diese Initiative. Es war hier bereits gestern ein wichtiges Thema, und es wird uns in der nächsten Debatte noch viel mehr bewegen: Die bevorstehende Pensionierungswelle wird unser Bundesland in den nächsten Jahren vor enorme Herausforderungen stellen, und das in verschiedenen Bereichen. (Beifall FDP und SPD) Die berufliche Bildung ist da leider keine Ausnahme, ganz im Gegenteil, wie der vorliegende Bericht sehr deutlich aufzeigt. Wenn fast 50 Prozent der Lehrkräfte in diesem Bereich schon über 50 Jahre alt sind und recht wenig nachkommt, dann ist das ein Problem. Ich möchte zu dem ganzen Thema zunächst folgende Anmerkungen machen. Die Ministerin hat in ähnlicher Form schon ausgeführt, aber ich denke, das ist wichtig: Das deutsche System der beruflichen Bildung, also die duale Ausbildung, ist ein internationales Vorzeigemodell, um das uns sehr viele andere Volkswirtschaften tatsächlich beneiden. (Beifall FDP, CDU, vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und Beifall Martin Habersaat [SPD]) Das ist ja nicht mehr in so vielen Bereichen der Fall. Hier ist es tatsächlich der Fall, aber das spiegelt sich nach meiner Wahrnehmung überhaupt in Deutschland und in Schleswig-Holstein nicht ausreichend wider. (Beifall FDP) Dieses Erfolgsmodell gerät seit Jahren immer mehr unter Druck, was man vor allem an den sinkenden Schülerzahlen ablesen kann, obwohl der Bedarf an Fachkräften gleichzeitig bereits riesig ist. Mit stark steigender Tendenz wird das Problem noch größer. Es wurden eben die absehbaren 180.000 Jobs angesprochen, bei denen es die Fachkräftelücke gibt, gerade im Bereich der dualen Ausbildung. Ich würde sogar behaupten, dass diese Lücke in Wahrheit noch viel größer ist, als es angezeigt wird. Die Lehrkräfte haben in diesem Bereich ein zu hohes Durchschnittsalter erreicht, und es kommen aktuell schlichtweg zu wenige Nachwuchskräfte nach, um den Bedarf in den kommenden Jahren in allen Bereichen adäquat abdecken zu können. Was sollte die Landesregierung jetzt also tun? – Das System der beruflichen Bildung sollte generell gestärkt werden, denn hier werden in den nächsten (Christopher Vogt) Jahren mit Abstand die meisten Fachkräfte fehlen. Die Ministerin hat es angesprochen. Dieser Bereich hat aus meiner Sicht das größte Potenzial, um die vielen Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, in unseren Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft zu integrieren. Es hat eine sehr, sehr hohe gesellschaftliche Bedeutung, auch über dieses Thema hinaus. Trotzdem wird die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung zu wenig betont. Meine Damen und Herren, wir müssen den jungen Menschen noch mehr und frühzeitiger vermitteln, dass man, wenn man eine duale Ausbildung, gerade im Handwerk, macht, dann etwas Nützliches kann. Man wird damit eine Zukunft haben, gerade im Handwerk. Wir reden derzeit über viele Berufe, in denen die künstliche Intelligenz eine Rolle spielen wird. Im Handwerk wird die künstliche Intelligenz jedoch nicht so die große Rolle spielen. (Zuruf SPD) – Mit den „jungen Leuten“ meinte ich jetzt nicht den Kollegen Hölck, sondern halt junge Leute. Deswegen müssen wir dort stärker werden. (Beifall FDP) Wir warten ja generell auf weitere Maßnahmenpakete der Landesregierung zur Verbesserung der Lehrkräftegewinnung. Die bisherigen Maßnahmen sind aus unserer Sicht völlig unzureichend, da muss mehr kommen, auch mit Blick auf die berufliche Bildung, denn dieser Bereich – die Ministerin hat es gesagt – ist besonders geeignet, um Quer- und Seiteneinsteiger für den Lehrkräfteberuf zu gewinnen – gerade in Landkreisen, in denen es bereits einen Mangel gibt. Ich denke, Frau Ministerin, es ist nicht nur wichtig, das anzusprechen, sondern die Qualifizierungsmaßnahmen in diesem Bereich tatsächlich deutlich zu verbessern. Es gibt sicherlich Möglichkeiten, die gar nicht so aufwendig sind, um hier Fortschritte zu erzielen. Die Lage bei der regionalen Verteilung ist aktuell sehr unterschiedlich: So sehen wir beispielsweise in der Fachrichtung Elektrotechnik/Metalltechnik im Norden des Landes derzeit noch einen Überschuss und im Südosten des Landes, zum Beispiel im Herzogtum Lauenburg, bereits einen Mangel. Ähnliches gilt für die Sozialpädagogik, bei der es im Bereich Kiel einen Überschuss gibt, aber an der Westküste oder in Ostholstein einen Mangel. Noch etwas zeigt der Bericht: Die Erfassungsmethoden über die Schulleitungen sind nicht immer hinreichend genau, um die Fachkräftebedarfe in den einzelnen Bereichen und die Fächerkombinationen für das ganze Land verlässlich zu erfassen. Hier brauchen wir bessere Methoden, um die Lücken für das ganze Land früher zu erkennen, entsprechend gegensteuern zu können und somit eine bessere Verteilung zu erreichen. Aber auch die mangelnde Bereitschaft zu einem Ortswechsel ist ein Phänomen, was beispielsweise bei den Quereinsteigern im MINT-Bereich, bei denen an vielen Schulen derzeit noch ein Überschuss herrscht, zu beobachten ist. Hier fehlt es an Anreizen, die Bewerber an die richtigen Stellen zu kriegen, um das Gefälle auszugleichen. (Beifall FDP und vereinzelt SPD) Abseits dieser kleineren Stellschrauben müssen wir bei allen Maßnahmen besonders darauf achten, dass wir nicht eine gefährliche Abwärtsspirale, die es in Teilbereichen bereits gibt, noch verstärken. Ich glaube, Herr Kollege Krüger, es sind drei Themen, die bei den sinkenden Schülerzahlen eine Rolle spielen. (Malte Krüger [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Ich hatte auch drei!) – Dreieinhalb. Demografisch – okay. Ich finde, es gibt, ehrlich gesagt, in der Tat die kulturellen Gründe, dass die Anerkennung auch in den Familien nicht so hoch ist, dass viele sagen: Ach, Mensch, guck doch, dass du irgendwie studierst. – Wenn es eine gute Berufsorientierung gibt, wäre es für viele Menschen leichter, sich für eine duale Ausbildung zu entscheiden. Zweitens glaube ich aber auch, dass es in vielen Berufen einen Strukturwandel gibt. Es ist unglaublich, wie gerade bei den Bäckern an der Westküste die Zahlen eingebrochen sind. Das hat etwas mit dem Strukturwandel in dieser Branche zu tun. Auch bei Bankkaufleuten stellen wir das fest, weil es in den Kleinstädten nicht mehr von allen Banken eine Filiale gibt. Das sieht man jetzt schon sehr deutlich. Es gibt aber auch eine politische Ursache, das ist eine Folge von politischen Entscheidungen. Ich weiß, dass SPD, Grüne und SSW es vollkommen anders sehen, aber ich sehe es auch bei mir in der Region: Die Ausweisung vieler kleiner Oberstufen hat dazu geführt, dass die beruflichen Schulen Schülerzahlen verloren haben. Das muss man sehen und sich schon fragen, ob das der richtige Weg ist, den man weiter gehen sollte, oder man sollte an eini- (Christopher Vogt) gen Stellen sagen: Geht doch lieber aufs berufliche Gymnasium, das ist für euch der bessere Weg. (Beifall FDP und vereinzelt CDU) Meine Damen und Herren, wenn zu sinkenden Schülerzahlen fehlende Lehr- und Fachkräfte hinzukommen, dann entsteht schnell eine gefährliche Gemengelage, in der die berufliche Bildung unter die Räder kommen könnte. Zum Masterplan Berufliche Bildung: Ich verstehe ja, dass man auf sinkende Schülerzahlen reagieren muss. Wenn aber die Wege weiter werden, wenn Klassen zusammengelegt werden oder nicht mehr stattfinden, dann wird es dazu führen, dass das zunächst unattraktiver wird. Das gehört zur Ehrlichkeit auch dazu. Die Ministerin hat zu Recht die Erfolge der Jamaikakoalition und ihres Amtsvorgängers Dr. Bernd Buchholz dargestellt. Vielen Dank dafür. Das war angemessen. (Beifall FDP) Aber diese Landesregierung hat noch viele Aufgaben vor sich, Frau Ministerin. Das ist im Bereich der Qualifizierung der Fall. Der Wirtschaftsminister ist nicht da. Ich vermisse angesichts der Lage eine massive Kampagne der Landesregierung gemeinsam mit der schleswig-holsteinischen Wirtschaft zur Bewerbung der dualen Ausbildung. Wo ist die eigentlich? (Beifall FDP und Lars Harms [SSW]) Minister Madsen hat kürzlich bei der IHK Kiel leidenschaftlich für die duale Ausbildung geworben. Wir müssen aber nicht nur bei Veranstaltungen, wo eh alle wissen, dass das gut und wichtig ist, dafür werben, sondern wir müssen raus ins Land gehen, vielleicht noch einmal Werkstattwochen machen, wie beispielsweise im Herzogtum Lauenburg, wo das schon gemacht wird, wo Gemeinschaftsschüler an die Schulen kommen. Wir müssen mehr Werbung, mehr Berufsorientierung gemeinsam mit der Wirtschaft machen. Da ist die Landesregierung gefragt – nicht nur die Bildungsministerin, sondern auch der Wirtschaftsminister. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD)

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