Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wenn man den Bericht zugrunde legt, stellt man fest, dass wir in Schleswig-Holstein auf einem guten Weg zur inklusiven Beschulung sind. Die Frage ist aber, wie es tatsächlich im Schulalltag mit der Inklusion an Schulen aussieht. Die Zahlen zu den Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf sind nur begrenzt aussagekräftig, da die landesweiten Diagnostikverfahren nicht einheitlich sind. Das heißt, dass ein Kind in einem Kreisgebiet einen Förderbedarf diagnostiziert bekommt und somit in- (Jette Waldinger-Thiering) klusive Förderangebote erhält, während an einem anderen Ort kein Förderbedarf erkannt wird und die Beeinträchtigung ohne ergänzende Unterstützung durch das Kind und die Schule kompensiert werden muss. Es freut mich sehr, dass man hier auf landesweit geltende Diagnostikverfahren hinarbeitet. Dadurch, dass die Schuleingangsuntersuchungen teilweise erst fünf bis sechs Monate vor der Einschulung stattfinden, fällt die Vorbereitung auf eine gegebenenfalls inklusive Beschulung sehr knapp und oftmals nicht ausreichend aus. In gravierenden Fällen wird aufgrund fehlender inklusiver Angebote pragmatisch entschieden und direkt am Förderzentrum eingeschult. Das zeigt, wie wichtig es ist, bereits vorher, gern mit viereinhalb Jahren, nicht nur den Stand der Sprachentwicklung, sondern den ganzheitlichen Entwicklungsstand eines Kindes zu erheben. Auch dabei müssen einheitliche Untersuchungsverfahren gelten. Selbst wenn bereits lange vor der Einschulung ein konkreter und gut diagnostizierter Förderbedarf feststeht und ein Antrag auf zum Beispiel Schulbegleitung gestellt wurde, heißt das noch lange nicht, dass dann optimale Bedingungen an einer wohnortnahen Regelschule erfüllt werden können. Wenn Frau Prien bei Herrn Lanz behauptet, es gebe Klassen mit bis zu sechs Schulbegleitungen, so mögen dies glückliche Einzelfälle sein. Es gibt allerdings auch Schüler und Schülerinnen, die aufgrund fehlender Schulbegleitung nicht am Unterricht teilnehmen können. Dieses Faktum können wir nicht einfach wegdiskutieren, denn es ist, wie es ist. Das stellen wir fest, wenn wir uns mit den Schulen und vor allem den besorgten Eltern unterhalten, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken können. Obwohl im Bericht auf gute Weiterbildungs- und Beratungskonzepte wie das BIS hingewiesen wird, sind die Beratungsmöglichkeiten nicht überall bekannt. Somit führen selbst praktische Gründe wie fehlende Barrierefreiheit oder Sorge bei den Lehrkräften, dem besonderen Umgang mit einem Kind nicht gerecht zu werden, dazu, dass Kinder direkt am Förderzentrum beschult werden. In dieser Hinsicht ist noch viel zu tun, um hinter den positiven Zahlen der inklusiven Beschulungen positive Schullaufbahnen zu sichern. Die vorgestellten Konzepte zum Übergang von Schule in den Beruf wie ÜSB INKLUSIV oder STEP stimmen hoffnungsvoll. Die Wichtigkeit der Förderung der inklusiven Berufsausbildung wurde erkannt, und ich freue mich hier auf weitere positive Berichte. Um noch einmal auf das Thema Schulbegleitung einzugehen: Ich begrüße es außerordentlich, dass sich die Landesregierung zum Ziel gesetzt hat, in Abstimmung mit den Kreisen und kreisfreien Städten perspektivisch Schulassistenz und Schulbegleitung in Poollösungen zusammenzuführen. Denken Sie hierbei bitte auch endlich daran, eine praktikable Lösung für die Schulen in freier Trägerschaft zu erarbeiten, (Beifall SSW, Martin Habersaat [SPD] und Beate Raudies [SPD]) damit auch an unseren dänischen Schulen der Bedarf an Unterstützung analog zu den öffentlichen Schulen gedeckt werden kann. Bitte seien Sie bei dieser Zielerreichung nicht zu zaghaft! Die Erprobung in den Kreisen hat doch gezeigt, dass die Poollösung anzustreben ist. Es ist ein wichtiger Schritt zu einer inklusiven Schulstruktur, die auf den Ganztagsbereich erweitert werden muss. Da ich in der glücklichen Lage bin, dass die Ministerin uns vorhin mit ihrem Bericht ein paar Minuten geschenkt hat, kann ich noch auf die letzten Punkte eingehen. Ich fange gerne bei dem Abgeordneten Patrick Pender an. Ich wäre so gern zu dem Runden Tisch zur Inklusion gekommen. Der erste Termin für das Jahr 2024 ist am 29. Mai 2024. In meinem Kalender steht da: Fraktionsreisen. Ich weiß nicht, was in den anderen Kalendern steht. (Serpil Midyatli [SPD]: Das Gleiche!) – Da müsste das Gleiche stehen. Das heißt, ich werde seitens des SSW leider nicht teilnehmen können, weil wir auf Fraktionsreise sind. Der nächste Termin kollidiert wieder mit einem Landtagstermin. Wenn wir das Instrument des Runden Tisches wirklich ernst nehmen wollen, müssen diese Termine auch dazu passen, sodass man zumindest die Möglichkeit hat, daran teilzunehmen. (Beifall SSW und SPD) Es wurde viel über Kinder gesprochen, die inklusiv beschult werden sollen, über Kinder in Förderzentren, über Kinder mit geistigen Defiziten. Wir haben heute aber noch gar nicht über Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen, wir haben noch nicht über Kinder mit Hochbegabung gesprochen. Die haben genauso einen großen Förderbedarf wie die anderen Kinder. Wir dürfen in der Diskussion, die wir heute Vormittag führen, nicht (Jette Waldinger-Thiering) vergessen, dass jedes Kind seine eigene Herausforderung hat, und deshalb muss das Schulsystem inklusiv sein. (Vereinzelter Beifall SSW und SPD) Mir hat in der Debatte Folgendes gefehlt: Wir sprechen über das Wichtigste, das wir haben, das sind unsere Kinder. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie die beste Zukunft kriegen, die in Deutschland und in Schleswig-Holstein möglich ist. Wir sind verpflichtet, ihnen so viel Hilfe zu geben, dass sie eine gute Schullaufbahn hinter sich bringen können. Der größte Punkt sind natürlich die Lehrkräfte vor Ort, die multiprofessionellen Teams, die wir in der Küstenkoalition eingeführt haben. Aber die Hilfesysteme in den Schulen sind einfach nicht ausreichend. Nach dem Bericht zur Unterrichtssituation 2022 fällt die Doppelsteckung weg, wenn eine Lehrkraft krank ist; an dem Tag scheitert dann die Inklusion. Wir müssen uns wirklich ehrlich machen: Wir stellen fest, aus den Schulen kommen Hilferufe, sie brechen unter der Last, unter den Aufgaben zusammen. Das finde ich sehr bedauerlich. Vorhin kam die Zwischenbemerkung, wir könnten uns die Menschen nicht schnitzen – nein, aber wir wissen alle, dass wir viele Ressourcen im System haben. Wenn wir für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, haben Lehrkräfte wieder Lust, mehr zu arbeiten, also zum Beispiel von einer halben Stelle auf eine Dreiviertelstelle oder eine ganze Stelle zu gehen. Wir haben kein Erkenntnisdefizit, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wir sind es unseren Kindern und allen, die an der Schule beschäftigt sind, schuldig, dass wir das endlich umsetzen. Ich komme zu Ihnen, Malte Krüger. Ja, ich habe in meiner Rede die Punkte abgearbeitet, die im Antrag von Schwarz-Grün stehen. Ich hoffe, dass der Bericht und beide Anträge an den Bildungsausschuss überwiesen werden, damit wir zu diesen Herausforderungen ein ordentliches Fachgespräch durchführen können, damit wir alle einen gleichen Stand haben, das Thema endlich ordentlich miteinander diskutieren und die Baustellen identifizieren können. (Beifall SSW und SPD)
