Dr. Bernd Buchholz
Herr Kollege Hein, sind Sie bereit anzuerkennen, dass die aktuellen Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt aussagen, dass der Anteil der Industrie in Schleswig-Holstein bei etwa 14,7 Prozent liegt und acht Prozent Bauwirtschaft dazukommen? Das ist das gesamte verarbeitende Gewerbe. (Zurufe Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und CDU) Die Bauwirtschaft ist das, was man unter Industrie insgesamt versteht. Der bundesweite Anteil liegt deutlich über 20 Prozent. Sich selbst als ein Industrieland zu bezeichnen, wenn man im Verhältnis zum Bundesdurchschnitt sechs Prozent unterhalb dieses Wertes liegt, (Tobias Koch [CDU]: Wir wollen es doch werden! – Zurufe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) wäre ja wohl nicht eines Industrielandes würdig. Deshalb ist meine Frage: Ist nach Ihrer Definition für Sie mit der Ansiedlung von Northvolt schon das Ziel Industrieland erreicht? – Keinesfalls, Herr Kollege Buchholz. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Andreas Hein) Soll ich Ihnen etwas erzählen? – Ich bin aufgeregt. Ich bin ja noch nicht so lange im Landtag, das wissen Sie. Aber seit ich hier bin, schreibe ich mir die Finger wund, versuche, dass wir das Wasserstoffthema richtig hochziehen – was sich jetzt endlich abzeichnet –, habe mich, wie Sie wissen, die letzten zweieinhalb Jahre intensiv um das Thema Northvolt gekümmert. Ich glaube, wenn wir vernünftig zusammenarbeiten und zusammenhalten, dass dieses Land mit der Ausbeutung sozusagen, (Heiterkeit) – Entschuldigung, mit dem Vorhandensein von erneuerbaren Energien zuhauf, (Thomas Losse-Müller [SPD]: Ach, daher weht der Wind!) in Hülle und Fülle, auf einem hervorragenden Weg ist. Das hat am Ende des Tages dazu beigetragen, das war der Schlüssel zum Erfolg, dass wir bei Northvolt als allererstes darauf geschaut haben, wo wir so viel erneuerbare Energien haben, um zu sagen: Wir können unsere Zellen mit erneuerbaren Energien herstellen. – Das war der Schlüssel zum Erfolg, und auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Wir möchten mehr Industrie in Schleswig-Holstein ansiedeln, das ist unser Ziel. Ob wir das ganz genau bis 2040 schaffen, Herr Dr. Buchholz, werden uns dann die Geschichtsbücher der Zukunft zeigen. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Thomas Losse-Müller [SPD] – Zuruf Dr. Bernd Buchholz [FDP]) Also, der Zubau von PV-Anlagen, unsere vorhandenen Biogasanlagen, der Anschluss von OffshoreWindparks et cetera pp., die Übertragungsnetze in Schleswig-Holstein und so weiter sorgen in Zukunft dafür, dass wir diesen erneuerbaren Strom nicht nur zur Verfügung haben, sondern auch der Industrie zur Verfügung stellen können. Im Strategiebericht wird die Produktion von über 120 Terrawattstunden Strom in den Jahren 2037 bis 2045 angegeben, die bei uns erzeugt oder angelandet werden. Nur 30 Terrawattstunden davon sollen dann in Schleswig-Holstein verbleiben, einschließlich der Kopplung von Wärme und Verkehr. Etwa 50 Terrawattstunden könnten dann exportiert werden, und etwa 40 Terrawattstunden verbleiben für die Produktion von grünem Wasserstoff. Dieser grüne Wasserstoff, meine Damen und Herren – ich habe es nicht oft genug gesagt –, ist der Schlüssel zur Dekarbonisierung der Industrie, und er ist der Schlüssel zur Energiewende. Die Wirtschaft in Schleswig-Holstein wird davon profitieren, und wir sind dann in Zukunft wesentlicher Produzent von grünem Wasserstoff in Deutschland und hoffentlich auch in Europa. Unsere Voraussetzungen dafür sind ideal. Für diese Transformation braucht es allerdings einen schnellen Ausbau unserer Strom- und Wasserstoffnetze, und zwar in ganz Deutschland. Wir brauchen ein Marktdesign, wir brauchen Preiszonen, wir brauchen das Thema „Umlagen im Energiesektor“, welches wir angehen müssen. Es liegt also erhebliches Potenzial in der Ansiedlung neuer Industrien. Wir wollen unsere Standortvorteile nutzen, und wir möchten von unserer Gunstregion profitieren. Durch den Ausbau der Netze werden wir diese individuelle Transformation in Schleswig-Holstein erreichen. Wir begleiten die Transformation intensiv und werden uns beim Bund für die Rahmenbedingungen – wie heute schon in den vorherigen Tagesordnungspunkten gesagt – einsetzen. Nur so bekommen wir es hin, dass wir Schleswig-Holstein bis 2040 klimaneutral machen. Was heißt das eigentlich konkret? Welche Maßnahmen werden ergriffen? – Auch der Klimabericht gibt dazu Auskunft: Schleswig-Holstein hat das Kompetenzzentrum für die klimaeffiziente Landwirtschaft eingerichtet, welches die Aufgaben in der Landwirtschaft im Klimaschutz, die Klimaanpassung, Energieerzeugung und den Umweltschutz, verbindet. (Oliver Kumbartzky [FDP]: Ja, das bringt uns voran!) Schleswig-Holstein hat die kommunale Wärmeplanung auf den Weg gebracht sowie Fördermaßnahmen und Bürgschaftsprogramme für Wärmenetze. Die Stärkung Schleswig-Holsteins als Forschungsund Entwicklungsstandort durch die Ansiedlung von Northvolt et cetera und die Weiterentwicklung innovativer Branchen werden kommen. (Zuruf Dr. Heiner Garg [FDP]) Die Fortschreibung der Weiterentwicklung der Wasserstoffstrategie kommt. Der Wasserstoff ist das verbindende Element zwischen unserem erneuerbaren Strom und den Sektoren Verkehr und Wärme. Für die Energiewende und für den Klimaschutz braucht es vor allem schlaue Köpfe, unternehmerisches Handeln, welches auch in der Zukunft, von den kommenden Generationen, ausgelebt wird, und (Andreas Hein) entsprechende Finanz- und Fördermittel, Fach- und Arbeitskräfte. Meine Damen und Herren! Wir haben schon viel geschafft, und wir sind Vorreiter bei der Energiewende. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern, mit der Wirtschaft, mit der Landwirtschaft und unseren Industrieunternehmen eine Energie- und Klimapolitik für kommende Generationen zu machen, die die derzeitige Generation nicht überfordert und den kommenden Generationen gerecht wird. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Bernd Buchholz [FDP]: Ich muss zugeben, dass diese Rede inhaltsreicher war als der Bericht der Landesregierung! – Andreas Hein [CDU]: Stellen Sie mich ein, Herr Dr. Buchholz! – Heiterkeit)
