Birte Pauls
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Vielen Dank an die Landesregierung und ganz besonders an die Abteilung für den umfangreichen Bericht. Wie verzweifelt, gekränkt, einsam, krank und perspektivlos muss sich ein Mensch fühlen, um den Tod als einzigen Ausweg für sich zu sehen? Oder wie traumatisiert, wie im Falle des dritten Opfers von Brokstedt, die Frau, die sich später das Leben genommen hat? Auch wenn die Sterberate durch Suizide seit 1998 rückläufig ist, ist jeder Suizid einer zu viel. Die Suizidrate in Schleswig-Holstein liegt bei 11,2 Suiziden, berechnet auf 100.000 Menschen. An dieser Stelle zeigt sich, dass statistische Zahlen schwierig sind, weil sich hinter jeder Zahl natürlich ein Mensch mit seinem Schicksal verbirgt. Die Fragen, die sich An- und Zugehörige oft stellen, sind: Was haben wir übersehen? Hätten wir das verhindern können? – Die Frage nach dem Warum lässt die Betroffenen oft mit zusätzlichen Schuldgefühlen zu ihrer Trauer zurück. Wenn sich Kinder und Jugendliche das Leben nehmen, sie keinen anderen Ausweg sehen, dann ist das ein kollektives Versagen des gesamten Systems, das sie eigentlich beschützen und ihnen den Weg in die Zukunft bahnen sollte. Kinder und Jugendliche müssen ein Grundvertrauen haben dürfen. Sie müssen sicher sein, dass es Menschen um sie herum gibt, die sie unterstützen und die ihnen in einer Krise helfen. Das fängt natürlich in der Familie an, geht über Kita, Schule bis hin zur Freizeit. Haben wir alle wirklich die Augen auf, wenn es um die psychische Gesundheit unserer Kinder geht? Ich denke an das Stichwort Mobbing. Vor allem: Grei- (Birte Pauls) fen die vorhandenen Angebote, wie zum Beispiel die Nummer gegen Kummer? Sind diese für Kinder in seelischer Not wirklich erkennbar? Nicht immer ist es das Zuhause, auf das sie sich verlassen können. Der Bericht zeigt auf, dass sich ein besonderer Handlungsbedarf gegenüber Mädchen und jungen Frauen ergibt. Je höher das Alter, desto höher die Zahlen, bei Männern noch höher als bei den Frauen. Im mittleren Alter können sich verändernde Lebensumstände zu einer Ausweglosigkeit und Depression führen: das Ende einer Beziehung, Schulden oder das Scheitern im Beruf – alles Situationen, mit denen wir mit einer gesunden Fehlerkultur eigentlich umgehen können müssten. Aber oft ist der eigene, aber besonders der gesellschaftliche Anspruch höher als der Pragmatismus, mit belastenden Situationen umzugehen. Depressionen sind immer noch ein Tabuthema – egal in welchem Alter – und besonders in gesellschaftlichen „Hochglanzschichten“. Da dürfen wir alle miteinander besser auf uns aufpassen und ein Stück weit toleranter sein. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Die höchste Suizidrate finden wir im Alter. Die oft genannte Begründung ist eigentlich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft: Angst vor Krankheitsverlauf, vor Schmerzen, vor Pflegebedürftigkeit, den Kindern nicht zur Last fallen wollen, Armut und Einsamkeit. Altersdepressionen werden oft nicht wahrgenommen beziehungsweise nicht behandelt. Schauen wir auf die Möglichkeiten der Hilfe. Das Angebot von Psychotherapeuten und ärztlichen Psychotherapeuten ist zwar gestiegen, bleibt aber hinter dem Bedarf zurück und ist im Verhältnis zur Bundesebene in Schleswig-Holstein dann doch zu gering. Besonders zwischen Privat- und Kassenpatienten klafft die Erreichbarkeit auseinander. Das steht zwar nicht in diesem Bericht, zeigen aber die Erfahrungswerte. Die durchschnittliche Wartezeit zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn – wir haben es gehört – beträgt 142,4 Tage, sechs Monate. Viel zu lange, wenn die gefühlte Ausweglosigkeit Raum greift. Wie lange man überhaupt auf ein Erstgespräch warten muss, ist dem Bericht nicht zu entnehmen. Wir wissen zwar, dass das durch die Reform jetzt schneller geht, aber wie lange es dauert, wissen wir statistisch gesehen nicht. Es braucht also niedrigschwellige Beratungsangebote und eine umfängliche soziale Infrastruktur. Wir brauchen dem fachlichen Bedarf angepasste Personalschlüssel in Kita, Schule und Freizeit, multiprofessionelle Teams in Schulen und Freizeitangeboten, um gut auf die Kinder aufzupassen. Wir brauchen eine Kultur des Umgangs, die Momentaufnahmen eines möglichen Scheiterns als Chance begreift, und eine größere Toleranz im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Wir brauchen eine zugehende, aufsuchende Sozialarbeit in den Quartieren durch zum Beispiel unser neues Modell der Gemeindeschwester. Die Palliativmedizin und die Hospizangebote können Menschen selbstbestimmt, schmerzfrei und würdevoll bis zum Lebensende begleiten. Diese Angebote müssen verstärkt und mehr bekannt gemacht werden. Einsamkeit ist eine schlimme Erfahrung, die sich durch alle Altersgruppen zieht. Das haben wir gerade letzte Woche im Corona-Symposium wieder gehört. Welche Konsequenzen zieht die Landesregierung aus dem vorliegenden Bericht und dem CoronaSymposium? Hält die Landesregierung die stationären und ambulanten Angebote für ausreichend? Sie haben einen neuen Bericht angekündigt. Das finde ich prima. Ihr Haushaltsentwurf zeigt an dieser Stelle keine Konsequenz aus dem vorliegenden Bericht. Wir begrüßen die Aufstockung des Ansatzes für den Verein Lichtblick in Flensburg. Wir müssen aber auch auf sämtliche anderen Fragen Antworten finden, um die Menschen in Krisensituationen nicht allein zu lassen. Ich bedanke mich ganz herzlich beim SSW für diesen Aufschlag und freue mich auf die weitere Beratung im Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)
