Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt Themen, über die es wirklich schwer ist zu sprechen, die eine besondere Aufmerksamkeit und Sensibilität erfordern. Doch nur, weil es manchmal schwer sein mag, darf daraus nicht resultieren, dass darüber gar nicht gesprochen wird. Denn das macht die betroffenen Menschen nur unsichtbar und ihre Lebensrealitäten weniger präsent. Es ist deshalb gut und richtig, dass wir heute hier auf Antrag des SSW einen sehr umfangreichen Bericht der Landesregierung diskutieren, der eigentlich gar nicht prominenter hätte platziert werden können. Suizid und Suizidalität kommen auch hier in Schleswig-Holstein – genauso wie in fast allen Gesellschaften der Welt – vor. Zwar ist die Zahl der Suizidversuche seit 2011 um 42 Prozent heruntergegangen, jedoch bleibt die Anzahl an vollendeten Suiziden bei uns in Schleswig-Holstein mit etwas über 400 Fällen pro Jahr konstant. Auffällig ist, dass über alle Altersstufen hinweg die Anzahl der vollendeten Suizide zu zwei Dritteln, 70 Prozent, von Männern, Suizidversuche hingegen häufiger von Frauen durchgeführt werden. Diese gruppenbezogenen Unterschiede sind wichtig, denn sie sind Merkmale, auf die gerade bei präventiven Angeboten reagiert werden muss. Jedoch lassen sich auch klare Gemeinsamkeiten bei Suiziden und Suizidalität über alle Gruppen hinweg erkennen. Die sogenannte große seelische innere Not, auf die Suizidalität hinweist, resultiert immer noch am häufigsten aus einer psychischen Erkrankung, insbesondere der schweren Depression, Dysthymie, der chronischen Depression, aber auch aus anderen Ursachen: der generalisierten Angststörung, PTSD, der Alkoholabhängigkeit. Auch einschneidende Lebensereignisse, Lebenskrisen oder körperliche Erkrankungen spielen eine Rolle. Als Indikator für diese Risikofaktoren ist insbesondere – darauf hat der Kollege Kalinka schon hingewiesen – die Einsamkeit zu nennen. Menschen, die allein leben, geschieden sind und keine Kinder haben, haben ein erhöhtes Suizidalitätsrisiko. Es ist deshalb eigentlich eindeutig, welches Signal von den Hilfestrukturen, aber auch von der Gesellschaft und der Politik klar ausgesendet werden muss, nämlich dass in diesem Land niemand mit seinen Problemen alleingelassen werden darf, und dass es sich lohnt, sich professionelle Hilfe zu holen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Dass dies leider nicht immer richtig funktioniert, wird deutlich, wenn wir uns beispielsweise die Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung – auch hierauf hat der Kollege Kalinka schon verwiesen – zur Wartezeit auf einen Platz in der Psychotherapie ansehen. Seit Jahren schon lassen wir zu, dass in manchen Fällen sechs Monate, 142 Tage, also ein halbes Jahr oder sogar noch länger, zwischen der Erstdiagnose und dem Beginn einer Psychotherapie vergehen. Dies ist also genau das Gegenteil von (Jasper Balke) dem so wichtigen Grundsatz: Niemand wird alleingelassen. Deshalb wird es wirklich Zeit, dass der Gemeinsame Bundesausschuss nachbessert und die psychotherapeutische Versorgung endlich an den steigenden Bedarf angepasst wird. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU und SPD) Denn die Verschleppung eines solchen Problems führt in den meisten Fällen dazu, dass sich die psychische Situation weiter verschlechtert. Doch auch dann stehen die sozialpsychiatrischen Dienste sowie Kriseninterventionsdienste zur Verfügung, die in akuten Situationen unterstützen können. Auch für die An- und Zugehörigen ist es sehr entscheidend, hier adäquate Hilfe zu erhalten. Denn auch sie dürfen in so schweren Situationen nicht alleingelassen werden. Als spezifisches Angebot für Betroffene in suizidalen Lebenskrisen möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich dem Verein Lichtblick Flensburg e. V. danken, der mit seinem kostenfreien Angebot einen wirklich unschätzbar wertvollen Beitrag leistet. Deshalb freue ich mich, dass sich dieses Angebot in diesem Jahr erweitern wird. Es ist deshalb auch absolut richtig, dass dies im Haushaltsentwurf mit zusätzlichen Geldern unterstützt wird. Doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, es muss mehr getan werden. Denn unabhängig davon, wie hoch die Zahlen genau sind: Wir müssen alle Maßnahmen ergreifen, um diese Menschen zu unterstützen und Risikofaktoren abzubauen. Das ist eine gesamtpolitische, aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. So braucht es mehr universelle Maßnahmen der sozialen Sicherung, Aufklärung zu spezifischen Beratungshilfen; und vor allem braucht es innerhalb der Gesellschaft eine höhere individuelle gesundheitliche Handlungskompetenz, um Warnsignale bei sich, aber auch bei anderen zu erkennen. Es muss daher unser aller Aufgabe sein, Themen wie psychische Erkrankungen, den eigenen Gemütszustand, die eigenen Emotionen, auch mit anderen anzusprechen, auch und gerade weil es eben nicht einfach ist, darüber zu sprechen. Deshalb ist es meiner Meinung nach Aufgabe der Politik, Tabus und Stigmata proaktiv abzubauen und neben dem Aufbau heterogener Hilfsstrukturen für Betroffene sowie An- und Zugehörige insbesondere dafür zu sorgen, dass Menschen mit ihren Lebensrealitäten gesehen und eben nicht alleingelassen werden. Ich freue mich auf die weiteren Beratungen im Ausschuss über dieses und weitere Aspekte.
