Christian Dirschauer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte eines hier direkt herausstellen: Suizidalität, Suizidversuche und Suizide sind äußerst sensible Themen, mit denen wir auch im politischen Raum sehr verantwortungsvoll umgehen müssen. Aber diese Tatsache ist vermutlich allen ebenso bewusst wie auch die konkreten Zahlen. Denn Suizide sind in unserer Gesellschaft kein Randphänomen. Laut Statistischem Bundesamt haben sich im Jahr 2022 deutschlandweit 10.119 Menschen das Leben genommen. Dies entspricht rund 28 Personen täglich. Auch in Schleswig-Holstein gibt es statistisch betrachtet jeden Tag mehr als einen Sterbefall nach einem Suizid. Spätestens wenn wir, wie vor einigen Tagen, von einem möglichen Femizid und anschließendem Suizid lesen müssen, werden aus statistischen Größen konkrete Schicksale. Diese Zahlen und Fakten fordern aus meiner Sicht dazu auf, dass wir uns näher mit der Thematik und der Situation bei uns im Land befassen. Mit unserem Antrag für diesen Bericht ist aber nicht nur das Ziel verbunden, möglichst genaue Angaben rund um das Thema Suizid zu bekommen. Uns ging und geht es vor allem um belastbare Aussagen zu den bestehenden Hilfestrukturen und Präventionsangeboten. Vor diesem Hintergrund möchte ich mich ausdrücklich für den vorliegenden Bericht bedanken. Herzlichen Dank dafür! (Beifall SSW, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und Serpil Midyatli [SPD]) Er ist nicht nur sehr gut erarbeitet und recherchiert, sondern auch mit Blick auf ebendiese Ziele, die wir als SSW formuliert haben, aussagekräftig. Vielen Dank dafür. Noch dazu ist es aus meiner Sicht gut und folgerichtig, dass auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, aktiv an der Prävention von Suiziden und Suizidalität zu arbeiten. Denn obwohl der grobe Trend zumindest bei den Suizidversuchen rückläufig ist, ist jeder Versuch und jeder vollendete Suizid einer zu viel. Deshalb sehen wir vom SSW einen wesentlichen Schwerpunkt in der Verbesserung von Hilfsund Präventionsangeboten in diesem Bereich. Zum Glück stehen wir mit dieser Einschätzung nicht allein da. Wer mit Fachleuten spricht, wird durchaus mit Defiziten in der Versorgung konfrontiert. Auch der Bericht erkennt diese an der einen oder anderen Stelle an. Gleichzeitig ist klar, dass Suizidprävention eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. Denn Ursachen und Risikofaktoren für Suizidalität sind vielschichtig. Aber eines müssen wir uns immer wieder bewusstmachen: Die absolute Zahl der Betroffenen bleibt seit Jahren nahezu konstant. Die Tatsache, dass die Suizidalität vor allem bei Mädchen und jungen Frauen besonders ausgeprägt ist, ist alarmierend. Die hohe Betroffenheit und große Sensibilität, die wir hier als Gesellschaft haben, sind wichtig. Ich erkenne ausdrücklich an, dass die Landesregierung der Bearbeitung des Themas einen hohen (Christian Dirschauer) Stellenwert beimisst. Aber auch die umfangreiche Beschreibung der vorhandenen Hilfsangebote darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir diese Strukturen stetig verbessern müssen. Für den Verein Lichtblick aus Flensburg, der insbesondere Menschen in suizidalen Krisen schnell und kostenfrei unterstützt, konnten wir vom SSW eine feste Förderung im Landeshaushalt verankern. Doch obwohl dieser Verein seine Angebote sukzessive ausweitet und neben Flensburg mittlerweile auch weitere Landkreise bedient und dort aktiv wird, bleibt die Arbeit bisher regional begrenzt. Ehrlich betrachtet stehen wir weiterhin vor einem Missverhältnis zwischen Angebot und Bedarf. Auch im Bericht werden nur sehr wenige Einrichtungen benannt, die aktiv dabei helfen, Suizidalität und Suizide zu verringern. Um die Suizidzahlen aber nachhaltig, wirklich nachhaltig, zu reduzieren, brauchen wir zum einen eine flächendeckende und spezialisierte Beratung für Betroffene in diesen akuten Krisensituationen, zum anderen eben auch entsprechende Angebote zur Suizidprävention. Das ist zweifellos ein weiter Weg; das ist noch einmal deutlich geworden. Aber ich halte es für notwendig, dass wir uns in der weiteren Beratung eben gemeinsam Gedanken darüber machen, wie wir uns diesem Ziel zumindest weiter annähern. Lassen Sie mich mit einem auf den ersten Blick vielleicht nicht angemessenen Vergleich abschließen. Wir hatten in Schleswig-Holstein im Jahr 2022 102 Verkehrstote. Wir hatten aber 429 Suizide. Im Bereich des Straßenverkehrs haben wir die Vision Zero. Ich würde mich freuen – dazu möchte ich Sie gern einladen –, wenn wir uns in der Ausschussberatung mit dem Thema nicht nur weiter beschäftigten, sondern vielleicht am Ende dieser Ausschussberatung auch im Bereich der Suizide eine Vision Zero für uns im Land Schleswig-Holstein formulierten. – Herzlichen Dank. (Beifall ganzes Haus)
