Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wieso hat mich das Ergebnis nicht überrascht? – Corona und Migration werden als verantwortliche Faktoren genannt. Damit haben alle OECD-Staaten zu kämpfen. Der Mittelwert sank um 17 Punkte. In Deutschland sind es allerdings 25 Punkte weniger. Bereits 2012 wurde von führenden Bildungswissenschaftlern empfohlen, mehr Förderung für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler vorzusehen. Wieso haben wir in den letzten Redebeiträgen – so viel zur Notwendigkeit der Aktuellen Stunde – so viel zu PISA gehört? Einmal wurde auch der IQBBildungstrend genannt. Ich möchte noch einmal – um ein bisschen Faktencheck hineinzubringen – feststellen: Die PISA-Studie zeigt uns, wie wir international abschneiden. Der IQB-Bildungstrend hat eine viel bessere Quelleninformation, weil er national ist. Wenn ich höre, wir sollten uns mit unseren Nachbarstaaten vergleichen, möchte ich nicht unbedingt nach China schauen, sondern mein Blick (Jette Waldinger-Thiering) geht natürlich nach Skandinavien und in die baltischen Länder. Es ist festzustellen, dass unsere Integrations- und Inklusionsansätze nicht ausreichen, um die soziale Herkunft auszugleichen. Wenn man sich den IQBBildungstrend und die PISA-Studie anschaut, ist es für uns in Deutschland immer noch verheerend, dass die soziale Herkunft für den Bildungserfolg bestimmend ist. (Beifall SSW, FDP und vereinzelt SPD) Deshalb haben wir am 30. November 2023 über meinen Gesetzentwurf zur Änderung des Schulgesetzes im Bildungsausschuss beraten, der leider von der Koalition abgelehnt wurde. Inhalt des Gesetzentwurfs war die Einführung der Lernmittelfreiheit. – Ich weiß sehr genau, weshalb er abgelehnt wurde. Ich weiß, dass die Koalition gesagt hat, es gebe keine neuen Argumente. Das kann ich verstehen. Aber wenn am nächsten Tag die PISA-Studie veröffentlicht wird und die Bildungsministerin von sozialer Bildungsgerechtigkeit redet, da denke ich doch – – Na ja, ich habe mir meins gedacht. (Serpil Midyatli [SPD]: Sag uns das mal! – Weitere Zurufe) – Das sage ich nachher. (Heiterkeit) Ich muss ganz ehrlich sagen, das Argument – – Es geht nicht um unsere Kinder, um die Kinder von Abgeordneten, die hier sitzen, es geht auch nicht um meine Enkelkinder, sondern es geht um die Menschen da draußen. Die PISA-Studie hat uns noch einmal ganz eindrücklich gezeigt: Das hier ist kein reines Problem von Kindern oder Jugendlichen, die eine PerspektivSchule besuchen. Das Problem besteht auch an den Gymnasien. Wir können den viel zitierten Professor Olaf Köller zitieren, der sagt, es sei desaströs, was dort an den Gymnasien an Bildungsergebnissen erzielt worden sei; das sei der Untergang der Gymnasien. – Ganz ehrlich: Da bin ich wieder bei meinem Blick nach Skandinavien und in die baltischen Länder, und ich bin bei meinem Blick auf Estland. Wieso schneidet man in Estland so gut ab? (Martin Habersaat [SPD]: Gemeinschaftsschule! – Beate Raudies [SPD]: Gemeinschaftsschule!) – Wir haben dort Gemeinschaftsschulen. (Beifall SSW und SPD) Bei allen Faktoren, die man sich anguckt, ist es das gemeinsame Lernen mit genügend Ressourcen. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Das ist der Punkt!) Ich höre immer wieder, Kinder müssten üben und seien nicht leistungsbereit, aber wenn ich mir die PISA-Studie richtig gut durchlese, dann steht auch darin, dass Kinder gern etwas leisten möchten, sie sich aber in der Schule zum Teil gemobbt und nicht gut aufgehoben fühlen. Die Kinder, die sich gut aufgehoben fühlen, sind auch leistungsbereit und leistungsstark. Faktencheck: Was machen wir da? – Da habe ich heute leider keine Antwort drauf gehört, überhaupt keine. (Martin Balasus [CDU]: Da hätten Sie zuhören müssen!) – Ich kann sehr gut zuhören. Ich kann auch Multitasking. Insofern sind wir wieder bei dem pädagogischen Grundprinzip der Wiederholung: Deshalb haben wir so häufig diese Bildungsdebatten, weil wir diese Punkte gar nicht so genau benennen, die wir machen müssen, damit wir unseren Kindern eine bessere Zukunft geben können. (Martin Balasus [CDU]: Wir machen genau das, was alle Experten sagen! – Zuruf FDP Nee! – Martin Balasus [CDU]: Doch!) Wir haben bei der frühkindlichen Bildung angefangen. Wir haben ganz häufig über Schuleingangsuntersuchungen und wo sie nicht stattgefunden haben, geredet. (Zuruf Martin Balasus [CDU] – Weitere Zurufe CDU) – Ich lasse mich auch nicht von denen unterbrechen, aber es könnte sein, dass sie noch etwas zu besprechen haben. (Zuruf CDU – Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Christopher hat doch angefangen!) Die frühkindliche Bildung, die Schuleingangsuntersuchung, das Screening mit viereinhalb Jahren sind Punkte, um aufzudecken, wo Kinder Hilfe haben müssen. Das sind nicht nur Kinder, die vielleicht aus einem Elternhaus mit Migrationshintergrund kommen, das können auch Kinder sein, wo Eltern studiert haben, aber im Alltag keine Zeit haben, weil sie Hausärzte, was auch immer oder eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater sind. Ich will damit sagen: Wir sollten endlich (Jette Waldinger-Thiering) aufhören, unsere Kinder in irgendwelche Schubladen zu packen. (Beifalls SSW, SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) Wir sollten anfangen, die Probleme zu erkennen und Lösungen für diese Probleme finden. Deshalb ist meine Fraktion der Meinung – und wir fordern das immer wieder gern –: Frühkindliche Bildung gehört ins Bildungsministerium! (Beifall SSW und SPD – Christopher Vogt [FDP]: Es kommt immer darauf an, Frau Kollegin!) – Vom Grundsatz her ja. Unser Schulsystem muss umstrukturiert werden. Wir müssen auch den Kindern in der Kita die Möglichkeit geben, dort ein Jahr länger zu verweilen, wenn es das ist, was sie brauchen, und sie müssen auch eine Ansage bekommen, dass dieser Platz tatsächlich sicher ist. Das haben wir auch noch nicht. Wir haben auch noch einmal gehört, dass es Haushalte oder Familien gibt, wo vielleicht nur 25 Bücher im Regal stehen. Es gibt auch E-Books. Ich bin wieder bei einem ganz anderen Punkt, nämlich der Gratis-Entleihe in den Bibliotheken. (Beifall SSW, Martin Habersaat [SPD] und Beate Raudies [SPD]) Wieso sage ich das? – Wenn man sich das einmal anschaut und wirklich meint, dass Kinder viel lesen sollen – was ich richtig gut finde, ich lese selber auch gern, auch mit meinen Enkelkindern, und auch mit meinen Kindern habe ich gern gelesen –, muss man sich ehrlich machen und fragen: Was kostet denn so ein Buch? Da ist es viel praktischer, wenn ich in die Bibliothek vor Ort gehen kann und dort sogar noch Unterstützung bei den Medien, die ich ausleihen will, bekomme. Insofern: Gratis-Entleihe in den Bibliotheken! (Beifall SSW und vereinzelt SPD) Dann der nächste Punkt: Wir sprechen hier nur über basale Fertigkeiten und Fähigkeiten. Mein Kollege Lasse Petersdotter hat es gerade angesprochen. Es gehört auch der Nachmittag dazu: Haben die Eltern noch Geld, um ihre Kinder in der Musikschule anzumelden? Ist Zeit dafür? Können sie noch zum Kunstkurs gehen oder zum Sport? Genau diese drei Sachen fördern nämlich auch die Motorik, das Wollen, wieder Leistung zu zeigen. Ich glaube, das ist unendlich wichtig, damit wir ganze Kinder kriegen und keine halben Kinder, die sich immer nur monoton auf das Lernen und Üben konzentrieren müssen, wo sie ohnehin nicht recht hinterherkommen, weil sie nicht genügend Hilfe in der Schule bekommen. Insofern – Zeit zum Vertiefen –: Die Nachwirkungen von Corona werden uns noch viele weitere Jahre begleiten. Es ist viel über das StartchancenProgramm „Aufholen nach Corona“ gesagt worden. Beim Ausbau des Ganztags habe ich eine ganz große Hoffnung, dass das, wenn es gut gelingt, tatsächlich auch ein weiterer Stein sein kann, um Bildungsungerechtigkeiten zu minimieren. Ganz wichtig ist: Wir müssen endlich einen Unterricht haben, der an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpft. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen Lehrkräften bedanken, die jeden Tag trotz IQB-Bildungstrend und PISA zur Arbeit gehen und ihr Bestes tun. Ganz herzlichen Dank von meiner Seite: Ihr seid gute Lehrkräfte, ihr macht einen guten Job! (Beifall SSW, SPD, FDP, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Rasmus Vöge [CDU])
