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Jette Waldinger-Thiering

SSW 24.11.2023 Sitzungen 20/44

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Nur durch eine echte Lernmittelfreiheit werden wir echte Bildungsgerechtigkeit erreichen. Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Bildungserfolg unserer Kinder nicht von der sozioökonomischen Situation der Herkunftsfamilie abhängen darf. Die Ansprüche an das Schulmaterial, das Eltern per Liste besorgen müssen, werden immer höher. Da reicht nicht mehr das Marmeladenglas fürs Tuschwasser, nein, es steht ein spezieller Kunststoffbehälter auf der Liste. Auch Essensgeld für die Mensa oder der Einkauf für die Brotdose müssen bezahlt werden. Deshalb frage ich wieder: Was ist, wenn die Verantwortung der Eltern aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen oder fehlender Einsicht nicht getragen wird, das Kind nicht zweckentsprechend für den Unterricht ausgestattet ist, vielleicht auch noch einen knurrenden Magen hat und somit nicht angemessen am Unterricht teilnehmen kann? Dann sind wir wieder bei den negativen Ergebnissen des IQB-Bildungstrends, bei den fehlenden basalen Fähigkeiten der Schüler, bei der fehlenden Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in der Schulbildung. Wie sollen Schüler gute Ergebnisse erzielen, wenn der Magen knurrt und es ihnen an Arbeitsmaterialien fehlt? Solange die Kosten für Lehrmittel von den Eltern getragen werden müssen, wird es Kinder geben, die nicht gut ausgestattet in der Schule erscheinen. Diese Kinder haben nicht die gleichen Bildungschancen wie Kinder, die gut ausgestattet und mit elterlicher Unterstützung in die Schule kommen. Genau das bestätigen die aktuellen Ergebnisse der Forsa-Befragung der Robert Bosch Stiftung. Diese Lücke muss endlich geschlossen werden. Es ist Fakt, dass in keinem anderen Industrieland der Bildungserfolg von Kindern so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland. Können wir uns das angesichts des Fachkräftemangels überhaupt noch leisten? Was nützen die zahlreichen Maßnahmen und Förderprogramme, wenn die Schüler nicht die nötigen Grundvoraussetzungen mitbringen? An manchen PerspektivSchulen wird deshalb eine Mahlzeit angeboten, und viele engagierte Lehrer haben einen privaten Reservevorrat an Material oder Snacks, um diesen Mangel auszugleichen. Schauen wir einmal auf unsere Nachbarländer, die schon vor Jahrzehnten erkannt haben, wie wichtig Bildungsinvestitionen für die Gesellschaft sind, und ihre Schulsysteme reformiert haben. Ich bleibe beim Beispiel Dänemark: Hier liegt ein Fokus auf „trivsel“, das heißt, auf dem Wohlbefinden der Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Denn wenn es mir gut geht, bin ich auch motiviert und lernfähig. In Skandinavien oder auch den Niederlanden erscheinen die Kinder quasi mit einem leeren Ranzen zur Einschulung, weil alle Materialien in der Schule ausgeteilt werden und dort auch bleiben können, da es prinzipiell keine Hausaufgaben in der Grundschulzeit gibt und jedes Kind ein eigenes Fach für die Unterrichtsmaterialien im Klassenraum hat. In den Schulen werden alle sozialen Gesellschaftsschichten zusammengeführt. Dadurch entsteht Bildungsungleichheit. (Beifall SSW und SPD) Die Schule sollte für die Kinder ein herkunftsunabhängiger Lernort sein. Ja, das kostet alles sehr viel Geld. Es braucht auch noch viel mehr Investitionen als die Lehrmittelfreiheit. Das heißt, wir müssen neue Prioritäten setzen, aber am Ende hätten wir doch alle einen Vorteil, wenn unsere Kinder erfolgreich die Schule durchlaufen und als gut ausgebil- (Jette Waldinger-Thiering) dete Arbeitskräfte dem Markt und der Gesellschaft zur Verfügung stehen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass Schwarz-Grün kein Interesse daran hat, das Gutachten von 2016 fortzuschreiben. Das zeigt auch mir – da muss ich meinem Kollegen Christopher Vogt recht geben –, dass Schwarz-Grün keine Lust hat zu gucken, wo wir Lücken haben, die wir so nötig schließen müssen. (Beifall SSW, SPD und Oliver Kumbartzky [FDP] – Unruhe)

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