landtag.ltsh.de ↗

Birte Pauls

SPD 22.11.2023 Sitzungen 20/42

Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! In einer immer älter werdenden Gesellschaft mit immer weniger Fach- und Arbeitskräften müssen wir die Gesundheitspolitik neu denken, und vor allen Dingen müssen wir alle Bereiche der Versorgung für alle Regionen unseres Landes mitdenken. Dazu gehören auch die Apotheken. Die Apotheken machen zurzeit mit regelmäßigen Protesttagen auf ihre Situation deutschlandweit aufmerksam. Genau wie in vielen Arztpraxen haben wir auch bei den Apotheken das Problem der Nachfolge. Es wird immer schwieriger, Apothekerinnen und Apotheker zu finden, die bereit sind, am Anfang oder in der Mitte ihrer beruflichen Laufbahn eine Apotheke (Birte Pauls) zu übernehmen und zu finanzieren. Ältere Apotheker, die schon viele Jahre dabei sind, sagen mir – man spricht ja immer mal, wenn man in der Stadt unterwegs ist, mit den Menschen –, dass sie ihre Übernahme oder Neugründung finanziell und fachlich nie bereut haben, aber das unter den heutigen Umständen nicht noch einmal tun würden. Preissteigerungen in allen Bereichen minimieren das Einkommen, was sich natürlich dann auch wieder auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auswirkt. Diese Aussage ist natürlich nicht sehr motivierend für potenzielle Apothekeninhaberinnen und -inhaber. Infolgedessen suchen immer mehr jüngere oder gerade Apothekerinnen und Apotheker, nachdem sie das vierjährige Studium der Pharmazie, die Famulatur, das einjährige Praktikum und die drei notwendigen Examen absolviert haben, dann doch lieber ein Angestelltenverhältnis. Dabei bieten sich nicht nur die Apotheken mit Wochenenddiensten und Bereitschaftsdiensten selber an, sondern auch die Wissenschaft, die Pharmaindustrie, die Versandapotheken, bei denen die Gehälter oft höher liegen. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Oder das Gesundheitsministerium!) – Oder das Gesundheitsministerium. Geht man durch die Städte, haben wir eine gefühlte gute Apothekendichte; aber das Gefühl trügt. Faktisch haben wir immer weniger Apotheken, was sich besonders im ländlichen Raum bemerkbar macht. Laut einer ABDA-Studie liegt Deutschland mit aktuell 18.066 Apotheken im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Das sind 22 Apotheken pro 100.000 Einwohner, in Dänemark sind es neun und in Griechenland sind es 97 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Der europäische Durchschnitt liegt bei 32 Apotheken pro 100.000 Einwohner, und in Schleswig-Holstein sind es laut Apothekerkammer aktuell 575 Apotheken mit sinkender Tendenz. – Herr Christiansen, herzlichen Dank auch noch mal für die guten Hintergrundgespräche und Informationen. Ich habe dabei viel gelernt. Vielen Dank. Der Apothekenalltag ist oft durch einen erheblichen Bürokratieaufwand belastet. Ein fehlerhaft ausgefülltes Rezept oder eine nicht lieferbare Verpackungsgröße, und schon gehen das Telefonieren und die Rücksprache mit der Arztpraxis los. Eine Refinanzierung dieser Arbeitszeit findet nicht statt. Auch das Retaxationsverfahren ist nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine erhebliche bürokratische Belastung. Zu den vorliegenden Anträgen: Wichtig ist unter anderem das Thema der Arzneimittelproduktion Sitzung (neu) – Mittwoch, 22. November 2023 3149 und der Beschaffung. Dazu ist alles gesagt worden. Auch andere Punkte aus dem FDP-Antrag finde ich gut und richtig. Wenn wir wirklich eine Versorgung in allen Regionen sicherstellen wollen – und das ist auch die Aufgabe von guter Gesundheitspolitik –, müssen wir fragen, ob die pauschale Erhöhung des Fixums, also des Aufschlags je Packung, den die Apotheken bei Abgabe eines Medikaments von den Kassen erhalten, den Apotheken im ländlichen Raum oder Stadtteilen mit wenig Einkommen weiterhilft. Klar, es würden alle Apotheken mehr Geld bekommen, was nach der letzten Erhöhung seit 2004 mehr als angebracht ist – dahinter stehen wir –, aber bei einer pauschalen Erhöhung würden die gutlaufenden Apotheken mit viel Kundschaft bessergestellt, während die Apotheken im ländlichen Raum mit weniger Kundschaft oder in wirtschaftlich schwachen Stadtteilen, auch mit weniger Kundschaft, die insgesamt weniger Packungen abgeben, nur ganz gering davon profitieren und weiterhin unterfinanziert bleiben. Das müssen wir noch mal miteinander diskutieren; es ist wichtig, dass wir das tun. Eine Einführung einer regelmäßigen Pauschale für die Betriebsstätten zum Beispiel wäre mit Blick auf die Standortsicherung vielleicht auch ein guter Ansatz. Das ist auch eine der Forderungen, die uns durch die Apotheker in diesen Gesprächen entsprechend dargestellt worden sind und die sie immer wieder formuliert haben. Zum Fixum: Die Erhöhung des Fixums würde – so die Schätzung – 2,7 Milliarden Euro betragen. Irgendjemand müsste den Bundesfinanzminister – Herr Garg, vielleicht über den kurzen Draht? – davon überzeugen, zumal seine Affinität zur Gesundheitspolitik generell nicht so ganz hoch zu sein scheint. (Zurufe Christopher Vogt [FDP] und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) – Oder so. Die Situation der Apotheken ist für die Gesundheitsversorgung in Schleswig-Holstein sehr wichtig, sie liegt uns am Herzen. Deshalb finde ich es gut und richtig, und ich freue mich auf die weitere Debatte im Ausschuss und auch gerne den Austausch mit den Experten in dieser Sache. – Danke schön. (Beifall SSW, SPD und FDP)

Alle Reden von Birte Pauls Protokoll ↗