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Jasper Balke

GRÜNE 22.11.2023 Sitzungen 20/42

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sprechen hier im Landtag häufig und richtigerweise über den stationären Bereich. Doch bei all den berechtigten Debatten um die Ausgestaltung und Auswirkungen der Krankenhausstrukturreform dürfen wir uns der Tatsache nicht verschließen, dass auch der ambulante Bereich unserer Gesundheitsversorgung vor erheblichen Herausforderungen steht. Denn auch dort müssen höhere Energiepreise gezahlt, richtige und wichtige Tariferhöhungen übernommen und durch den Wegfall von Versorgungsstrukturen mehr Leistungen von weniger Schultern getragen werden. Seit Jahren ist bekannt, dass ein Drittel der Hausärztinnen und Hausärzte in Schleswig-Holstein über 60 Jahre alt ist und in absehbarer Zeit in Rente geht und dass wir gerade in den ländlichen Regionen einen massiven Mangel an Fachärzten, gerade in der Kinder- und Jugend- oder der Augenmedizin, haben. Auch bröckelt vielerorts das Fundament an Apotheken weg, gerade in kleineren Ortschaften, sodass hier weitere Anlaufstellen im Gesundheitssektor wegfallen. Darüber sprechen wir heute Nachmittag. Das liegt auch daran, dass die Vergütungen, aber eben auch die Arbeitsbedingungen leider so sind, dass das Personal überwiegend in anderen Bereichen praktiziert. Viel zu oft bekommt das Personal in den Praxen oder Apotheken darüber hinaus die Unzufriedenheit der Bevölkerung über lange Wartezeiten oder fehlende Arzneimittel direkt zu spüren, und das, obwohl die Beschäftigten ja am allerwenigsten für die teilweise mangelhaften Zustände in unserem Gesundheitssystem verantwortlich sind. Ich finde, dass gerade die Menschen dieser Berufsgruppen im ambulanten Bereich zu Recht kritisie-Sitzung (neu) – Mittwoch, 22. November 2023 3131 ren, dass sie von den Verantwortlichen in der Politik zu wenig gesehen werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und SSW) Auch ich spreche im Wesentlichen von einem Ärztemangel. Dabei läuft keine einzige Hausarztpraxis oder kein einziges medizinisches Versorgungszentrum in Schleswig-Holstein ohne die wichtige Arbeit einer Medizinischen Fachangestellten. Keine Radiologiepraxis läuft ohne MTA, und ohne die Arbeit der Gesundheitsfachberufe blieben sämtliche medizinischen Erfolge ohne nachhaltige Wirkung. Es ist deshalb für die medizinische Versorgung in Schleswig-Holstein unerlässlich, auch diese Berufe attraktiver zu machen und vor allem die Vergütung zwischen ambulantem und stationärem Sektor zu harmonisieren. Die Grundlage dafür stellt die Entbudgetierung im niedergelassenen Bereich dar, weshalb wir die Änderungsvorschläge dazu gern in unseren Antrag aufgenommen haben. Auch die Einführung von neuen Berufsgruppen im ambulanten Bereich hilft enorm, denn gerade für junge Menschen ist ein vielfältiges Angebot mit Weiterbildungs- und Aufstiegschancen sehr attraktiv. Deswegen ist es gut, dass wir in Schleswig-Holstein in diesem Jahr die ersten Absolventinnen und Absolventen des neu geschaffenen Studiengangs „Physician Assistant“ begrüßen dürfen, auf die ein vielversprechendes Berufsleben warten kann. Um diesen aber nicht ausschließlich den stationären Sektor als Arbeitsort anbieten zu können, muss die Vergütung gerade für den ambulanten Bereich geregelt werden, und dies wollen wir mit unserem Antrag erreichen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und FDP) Der PA bietet ganz viele Einsatzmöglichkeiten: Vor einem Monat waren einige von uns bei den Herbstgesprächen der Landessuchtstellen. Dort gab es ein gutes Beispiel: Aktuell gibt es in der Substitutionsmedizin in Lübeck Schwierigkeiten, weil dort bislang nicht vorhandenes ärztliches Personal gebraucht wird. Dieses könnte in Zukunft durch PAs ersetzt werden. Die Einsatzmöglichkeiten und Handlungsfelder der PAs sind dabei wirklich vielfältig. Ich möchte allerdings noch etwas Allgemeineres dazu sagen: In unserem Gesundheitssystem gibt es viele Tätigkeiten, die aktuell approbierten Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind. Das ist in vielen Fällen genau richtig, denn gerade für komplexe (Jasper Balke) medizinische Diagnosen braucht es ohne Zweifel Erfahrung und ein hohes Verständnis von medizinischen Zusammenhängen, für das es eine langjährige Ausbildung braucht. Jedoch können Ihnen andere Berufsgruppen im Gesundheitssystem ein Lied davon singen, wie viele Tätigkeiten aktuell noch unter Arztvorbehalt stehen, obwohl es dafür eigentlich gar keine approbierten Ärzte bräuchte. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW – Zuruf Birte Pauls [SPD]) Dabei geht es beispielsweise um ganz bestimmte Vorgänge bei der Geburtshilfe – dazu haben wir im Mai hier einen Antrag beschlossen –, bei der Medikamentengabe, in der Pflege oder um erweiterte Diagnosemöglichkeiten im Heilerbringungsbereich – Stichwort: Öffnung der Primärversorgung. Die PAs können damit einen erheblichen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels auch im ärztlichen Bereich leisten. Politisch muss für vieles jedoch noch die rechtliche Grundlage geschaffen werden. Hier stehen wir noch ganz am Anfang und wären gut beraten, auf Bundesebene in einem ähnlichen Tempo voranzugehen, wie wir es in Schleswig-Holstein mit der Ausbildung der PAs tun. Wir müssen im politischen Handeln insgesamt den Grundsatz „digital vor ambulant vor stationär“ im Hinblick auf unser Gesundheitssystem stärker berücksichtigen. Ja, der Scheinwerfer liegt aktuell mit der Krankenhausstrukturreform auf dem stationären Bereich. Doch wir sollten immer im Hinterkopf behalten, dass auch die Strukturreform den stationären Bereich eigentlich nicht ausweiten, sondern auf die wesentlichen spezifischen und spitzenmedizinischen Eingriffe beschränken soll, also auf das, was wirklich nur stationär durchgeführt werden kann. Alles andere sollte in Zukunft entweder digital oder ambulant durchgeführt werden. Das spart nicht nur eine Menge Geld, sondern steigert auch die Qualität. Dies geht aber nur, wenn der ambulante Bereich und vor allem das Fachpersonal, das wie in anderen Ländern aus einem vielfältigen Strauß an Berufsfeldern bestehen muss, endlich die Wertschätzung erfährt, die es verdient.

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