Christopher Vogt
Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der vorgelegte Antrag trägt den sehr Habersaatschen Titel „Das dritte Paket zur Lehrkräftegewinnung darf nicht zu klein sein“. Meine Pressemitteilung vom 28. Juni 2023 hatte die Überschrift „Das dritte Maßnahmenpaket zur Lehrkräftegewinnung muss endlich der benötigte große Wurf werden“. Das verrät schon, dass es zumindest an dieser Stelle gewisse Überschneidungen zwischen der SPD- und der FDP-Fraktion gibt, was in der Bildungspolitik nicht der Regelfall ist. Auch das möchte ich heute noch einmal klarstellen. Wir haben nun einen gemeinsamen Antrag auch mit dem SSW. Ich möchte zwei Feststellungen treffen, die im Zusammenhang mit dieser Thematik wirklich sehr wichtig sind: Der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften ist neben einigen anderen Großbaustellen eine der größten bildungspolitischen Herausforderungen für unser Bundesland. Das wird uns in den nächsten 10 bis 20 Jahren massiv beschäftigen, und zwar deutlich mehr als jetzt schon. Vielleicht ist das sogar die größte Herausforderung. Insofern ist es mehr als überfällig, diesem Problem endlich mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen. Bei der Lehrkräftegewinnung geht es mittlerweile im Kern darum, ob die bisherige Unterrichtsqualität in den nächsten Jahren überhaupt flächendeckend beibehalten werden kann. Wir wollen alle Verbesserungen. Wenn die Entwicklung aber so weitergeht, wie sie nun einmal ist, drohen weitere Verschlechterungen. Ich glaube, das muss man an dieser Stelle auch einmal deutlich sagen. Es ist wirklich fünf nach zwölf. Wir müssen sehr viel tun. Das kann nicht der Zustand unserer Bildungslandschaft sein. (Beifall FDP und SSW) Das sogenannte Sommer-Paket der Ministerin enthält wie schon das sogenannte Februar-Paket zwar weitgehend sinnvolle Maßnahmen – das will ich ausdrücklich anerkennen –, aber es bringt kaum etwas, immer nur an sehr kleinen Stellschrauben zu drehen. Die bisher angekündigten Maßnahmen (Christopher Vogt) sind nicht ansatzweise dazu geeignet, um dem großen Problem angemessen begegnen zu können. Die Ministerin wagt sich vorerst nur an kleinere Maßnahmen, die die Frage aufwerfen, warum das nicht alles schon vor Jahren gemacht wurde. Auch diese Frage muss man sich leider stellen. Insofern finde ich, man muss jetzt deutlich mehr machen und deutlich stärker gegensteuern. Es wird wirklich höchste Zeit. Insofern setzen wir darauf, dass das angekündigte dritte Maßnahmenpaket – – Frau Ministerin, wir haben Sie immer so verstanden, dass es drei Pakete gibt. Da die ersten beiden Pakete klein waren, sind wir davon ausgegangen, dass das dritte Paket ein großes Paket wird. Jetzt habe ich den Eindruck, es sollen sehr viele Pakete folgen, die alle sehr klein werden. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz, sofern ich es richtig verstanden habe, was die Koalition hierzu erklärt hat. Meine Damen und Herren! Ich will auf einen weiteren Punkt hinweisen: Wie viele junge Menschen interessieren sich überhaupt für den Lehrerberuf? (Ministerin Karin Prien: Viele!) Die Gesamtzahl sieht gar nicht so schlecht aus, ist aber ein bisschen irreführend. Die Ministerin sprach davon, dass die Entwicklung recht erfreulich sei. Zwar haben zum Wintersemester 2022/2023 mehr junge Menschen als noch vor zehn Jahren mit einem Lehramtsstudium angefangen; trotzdem ist das der zweitniedrigste Wert der vergangenen sechs Jahre. Diese Feststellung gehört zur Wahrheit dazu, Frau Ministerin. Bei der dringend verbesserungswürdigen Lehrkräftegewinnung gibt es mehrere Herausforderungen und somit auch mehrere Stellschrauben, an denen man drehen muss. Es mangelt bisher an der notwendigen Flexibilität beim Schulartwechsel. Für Quer- und Seiteneinsteiger gibt es teilweise sogar noch kontraproduktive Regelungen. Ich glaube, das kann man so festhalten. Das muss sich dringend ändern. Das Referendariat ist vor allem mit Blick auf den Praxisbezug und die Betreuung der angehenden Lehrkräfte reformbedürftig. Und es gibt massive Probleme bei der regionalen Verteilung, da viele angehende Lehrkräfte gern in der Nähe ihres Studienortes – Kiel oder Flensburg – bleiben möchten. Das ist logisch, weil sie dort ihren Lebensmittelpunkt und ihren Partner haben. Es ist also ein Riesenproblem, dass gerade die Menschen, die in Flensburg ausgebildet werden, nicht an der Westküste ankommen – übrigens auch nicht im Hamburger Umland, weil wir dort sehr stark die Konkurrenzsituation mit Hamburg spüren. Es braucht also deutlich mehr Anreize. Meine Damen und Herren! Auch bei den Fächern haben wir riesige Probleme. Für das Fach Mathematik ist der zukünftige Bedarf, wenn ich es richtig sehe, nur zu rund 30 Prozent gedeckt; die Zahl der Menschen, die jetzt Mathematik studieren, ist ja bekannt. Für das Fach Geschichte sind es 350 Prozent! Wenn wir nicht zumindest versuchen, gegenzusteuern, werden wir in den nächsten Jahren sehr viele Geschichtslehrer haben, die Mathematik unterrichten. Ob das der richtige Weg ist? Immerhin sind es ausgebildete Lehrer. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Wir müssen auch bei den Fächern nachsteuern, damit der MINT-Bereich deutlich gestärkt wird. (Beifall FDP) Wir haben ein paar Vorschläge gemacht. So regen wir an, duale Lehramtsstudiengänge in Betracht zu ziehen. Baden-Württemberg macht das bereits beim Thema Informatik; auch bei Kunst, Musik und Sport könnte man sich das vorstellen. Das duale Studium – ich habe selbst eines absolviert; ich hoffe, das hält Sie nicht davon ab – ist ein gutes, erfolgreiches Konzept: große Praxisnähe, Vergütung während des Studiums, kürzere Ausbildungsdauer, wenige Abbrecher und neue Zielgruppen. Meine Damen und Herren! Wir müssen zudem die finanzielle Ausstattung der lehramtsbildenden Hochschulen Kiel und – vor allem– Flensburg deutlich stärken. Die lehramtsbildenden Hochschulen in anderen Bundesländern sind deutlich besser ausgestattet. Bei uns muss gerade Flensburg finanziell deutlich gestärkt werden. Meine Damen und Herren, wir haben viele Vorschläge auf den Tisch gelegt. Ich würde mich freuen, wenn wir in den nächsten Monaten sehr intensiv darüber reden könnten, was jetzt zügig an großen Paketen kommen muss, damit uns endlich der große Wurf gelingt. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD und SSW)
