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Christian Dirschauer

SSW 12.10.2023 Sitzungen 20/39

Meine Damen und Herren! Ich muss Sie vorab erst einmal enttäuschen. Diejenigen, die länger dabei sind, können sich erinnern: In der letzten Legislaturperiode hat mein Vorgänger Flemming Meyer hier bei einer Debatte zur Schweinehaltung gesungen. Das tue ich nicht, weil das saugefährlich wäre, und zwar für unser Trommelfell. (Heiterkeit Lars Harms [SSW] – Zurufe) Aber ich kann vorab sagen: Zustimmung zum heute vorliegenden Antrag auch vom SSW. (Beifall SSW, vereinzelt CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Denn die Krise, in der unsere Schweinehalter stecken, ist nicht neu, aber sie hat gerade in den letzten Jahren ganz immens an Fahrt aufgenommen. Seit vielen Jahren sehen wir das Sterben der Betriebe. Laut Statistikamt Nord ist die Zahl der schweinehaltenden Betriebe nur bei uns in Schleswig-Holstein in den letzten 20 Jahren von 2.540 auf 520 Betriebe gesunken. Das ist ein Rückgang von 80 Prozent. Der Bestand der Schweine ist in dem Zeitraum um rund 40 Prozent zurückgegangen. Das sind dramatische Zahlen. Wer heute in der Branche arbeitet, fragt sich, wie es morgen weitergehen soll. Hier schlägt wieder das alte Motto zu: Wer nicht wachsen will, der muss weichen! Das ist ein Irrweg, liebe Kolleginnen und Kollegen, der die Landwirtschaft viel zu lange diktiert hat. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Lars Harms [SSW]) Die Krisen der letzten Jahre haben die Situation weiter verschlechtert. Durch die Afrikanische Schweinepest ist die Nachfrage nach Schweinefleisch eingebrochen, große Absatzmärkte wie beispielsweise China sind ebenfalls weggebrochen. Durch den Corona-Lockdown in den Schlachtzentralen während der Pandemie hat sich sogar ein ganz neuer Begriff gebildet, der sogenannte Schweinestau. Die Energiekrise und der Krieg in der Ukraine haben wie auch in allen anderen Lebensmittelbereichen die Produktionskosten zudem explodieren lassen. Das ist die Situation, der sich die schweinehaltenden Betriebe betriebswirtschaftlich ausgesetzt sehen. Dazu kommt, dass die Nachfrage nach Fleisch im Allgemeinen in den letzten Jahren stetig zurückgegangen ist. Insbesondere beim Schweinefleisch ist der Rückgang am stärksten zu verzeichnen. Hier ist der Verzehr allein in den letzten zehn Jahren um rund 25 Prozent zurückgegangen. Die Gründe für den Rückgang sind also sehr unterschiedlich. Die Inflation und die gestiegenen Preise wirken sich entsprechend auf das Kaufverhalten aus. Wir verzeichnen auch eine Zunahme des Verzehrs pflanzlicher Produkte. Für die schweinehaltenden Betriebe und ihre Familien ist diese Entwicklung verheerend. Es geht um finanzielle Belastungen, Verlustängste und eine ungewisse Zukunft. Das sind keine Voraussetzungen, unter denen man einen Betrieb gern weiterführen möchte oder kann – schon gar nicht neu starten möchte. Zudem hat die Landwirtschaft mit einem Imageproblem zu kämpfen. Seit Jahren wächst der gesellschaftliche Druck, mehr für Tierwohl sowie Umwelt- und Klimaschutz zu tun. Diesen Forderungen versucht die Landwirtschaft seit Jahren nachzukommen. Aber dieser Transformationsprozess lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Ähnlich wie bei der Mobilitäts- oder Energiewende ist es ein Prozess, der langwierig und teuer ist. Aber diese Zeit und vor allem die nötigen Mittel können die Betriebe nicht ohne Weiteres überbrücken oder selbst zur Verfügung stellen. Die Umstellung zu mehr Tierwohl, vor allem also der Um- oder Neubau der Ställe, kostet einfach Geld. Mehr Platz heißt weniger Tiere, das wiederum bedeutet weniger Einnahmen. Wenn wir also Tierwohl stärker in der Produktion verankern wollen, dann müssen wir den Landwirten entsprechende Hilfen anbieten. Die bisher in den Raum gestellte Milliarde für mehr Tierwohl bei der Schweineproduktion darf kein einmaliger Scheck sein. Der Bedarf geht weit darüber hinaus. Wenn wir wollen, dass Tierwohl in unserer Landwirtschaft fest verankert ist, dann müssen wir den (Christian Dirschauer) Landwirten ein entsprechendes Angebot machen. Die Erhöhung der Standards für Umwelt- und Klimaschutz oder Tierwohl wirken sich entsprechend auf die Produktion aus. Wollen wir Qualität vor Quantität, dann müssen wir uns das etwas kosten lassen. Unsere Landwirte befinden sich gleichzeitig in einer wirtschaftlichen Konkurrenz mit anderen europäischen Produzenten. Das heißt, auch hierfür müssen wir Lösungen finden und Unterstützung anbieten. (Beifall Heiner Rickers [CDU]) – Danke. – Die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft, Lebensmittelhandel und Gastronomie ist ein Weg, der gemeinsam eingeschlagen wurde, um eine schrittweise Verbesserung in Richtung Tierwohl zu ermöglichen. Die Landwirte über einen Fonds für mehr Tierwohl zu entlohnen, sichert ihre Wettbewerbsfähigkeit. Auch wenn die Initiative Tierwohl bei Tierschutzorganisationen durchaus nicht unumstritten ist, so geht sie nach unserer Auffassung doch in die richtige Richtung. Sicherlich kann und muss mehr für Tierwohl getan werden, aber sie ist ein Anfang. Wie gesagt: heute Zustimmung vom SSW. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW, CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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