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Christopher Vogt

FDP 13.07.2023 Sitzungen 20/33

Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Unsere Grundschulen – diese Erkenntnis setzt sich zum Glück immer mehr durch – haben eine ganz zentrale Bedeutung für unsere Bildungslandschaft, weil sie eben für die weitere Entwicklung unserer Kinder und ihren Bildungserfolg sehr entscheidend sind. Das war nicht immer so anerkannt. Ich erinnere an die Diskussion zum Thema Besoldung A 13. Da haben auch Lehrkräfte von anderen Schulen gesagt, na ja, die Bedeutung der Grundschule ist ja gar nicht so groß, wie immer gesagt wird. Ich sehe das tatsächlich anders, und ich glaube, die Fachleute eigentlich alle auch. Aus diesem Grund hatten wir uns als FDP-Fraktion schon in der Jamaikakoalition erfolgreich dafür eingesetzt, dass an den Grundschulen in SchleswigHolstein mehr Unterrichtsstunden erteilt werden, weil es da im bundesweiten und auch internationalen Vergleich ganz einfach Luft nach oben gibt – immer noch, muss man sagen. Die Grundschulen stehen insgesamt vor gewaltigen Herausforderungen. Das unterstreichen alle relevanten Studien – wie der schon genannte IQBBildungstrend oder die IGLU-Studie – in geradezu dramatischer Form. Wenn jedes fünfte oder – wie beim Lesen, Stichwort: IGLU-Studie – sogar jedes vierte Grundschulkind erhebliche Lerndefizite aufweist, ist das mehr als nur erschreckend und alarmierend. Wenn es in der nachkommenden Generation solche Lerndefizite gibt, ist das nicht nur für die betroffenen Kinder und ihre Eltern schlimm, sondern es ist letztendlich auch ein großes Problem für unsere Volkswirtschaft und somit für unsere ganze Gesellschaft. Ich meine auch, die basalen Kompetenzen sind der entscheidende Schlüssel, um mehr Chancengerechtigkeit zu bekommen. Sie sind aber auch, wenn es nicht funktioniert, der entscheidende Punkt, dass wir weniger Chancengerechtigkeit haben. Deswegen hat es so eine elementare Bedeutung für unsere gesamte Gesellschaft. Es besteht also erheblicher Handlungsbedarf. Wenn man auf die Ursachen schaut, dann hat die Pandemie – das muss man nüchtern feststellen, und das ist auch wenig überraschend angesichts der Schulschließungen – natürlich ihre Spuren hinterlassen. Es gibt aber auch längerfristige gesellschaftliche Trends, die da eine Rolle spielen. Dass zum Beispiel die verstärkte Zuwanderung in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass der Anteil der Kinder, die mehr Sprachförderung benötigen, deutlich gestiegen ist, überrascht ja auch niemanden. Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass die Bildungschancen eines Kindes signifikant geringer sind, wenn es bei seiner Einschulung nennenswerte Sprachdefizite aufweist. Deshalb war es auch richtig, dass das Land beim Thema Sprach-Kitas eingesprungen ist. Das erkennen wir auch als Opposition ausdrücklich an. Aber die Fachleute, allen voran der renommierte Kieler Bildungsforscher Professor Olaf Köller, mahnen aus meiner Sicht völlig zu Recht an, dass deutlich mehr passieren muss, und zwar schnell. Wir haben aus meiner Sicht mittlerweile kein Erkenntnisdefizit mehr, sondern ein Umsetzungsdefizit. Wir schlagen Ihnen deshalb vor, für einen verbesserten Übergang von der Kita zur Grundschule zu sorgen, indem man zukünftig mit verpflichtenden Sprachtests für alle Kinder im Alter von viereinhalb Jahren arbeitet, die dann im Bedarfsfall geeignete Maßnahmen zur Sprachförderung nach sich ziehen müssen. Das scheint das richtige Alter zu sein. Die Kinder sind sprachlich schon so weit, dass man es erkennen kann, und es gibt noch Zeit, dass man bis zur Einschulung ein, zwei Jahre später entsprechend handeln kann. (Beifall FDP, SPD und SSW) Uns ist vollkommen klar, dass das natürlich leichter gesagt als getan ist, aber es ist nun einmal dringend notwendig, hier etwas zu tun. Leider – das gehört zur Wahrheit dazu – sind sich die Bildungsministerin und die Sozialministerin hier bisher uneinig, sodass in Schleswig-Holstein bisher nichts Sichtbares vorangekommen ist. Frau Prien hat heute die ausgesprochen gute Zusammenarbeit an der Stelle betont. Ich habe bisher leider keine Fortschritte gesehen, und ich habe, Frau Bildungsministerin, Interviews im Kompetenzbereich Ihrer Kollegin gesehen, die darauf nicht besonders, ich sage mal, begeistert reagiert hat. Insofern ist es schön, dass Sie sich hier im Landtag loben. Es wäre noch schöner, wenn es tatsächlich stimmen würde und Sie in Zukunft auch Fortschritte machen würden. (Beifall FDP und SPD) (Christopher Vogt) Die SPD-Fraktion macht mit den Vorstellungsgesprächen in der zuständigen Grundschule einen ganz ähnlichen Vorschlag. Es ist aus unserer Sicht auch richtig, so, wie Hamburg es vormacht, bessere Daten zu generieren, die dann zielgenauere Maßnahmen ermöglichen. Ich möchte vorschlagen, Herr Kollege Habersaat, dass man vielleicht die beiden Anträge zu den Sprachtests in den Bildungsausschuss überweist und dort zum Beispiel mit Professor Köller weiterdiskutiert, wie die Umsetzung am besten aussehen sollte. Ich wünsche mir ein klares Signal der Landesregierung und der Koalitionsfraktionen, dass es beim Thema Sprachtests für Viereinhalbjährige und Sprachförderung endlich vorangeht. Ich habe Ihren Alternativantrag heute Morgen gesehen, in der Tat: mal wieder ein Prüfauftrag. Das hat mich nicht so richtig überrascht. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) Ich werte es aber immerhin als sanftes Signal, dass nicht nur die CDU, sondern auch die Grünen mittlerweile der Meinung sind, dass das irgendwie kommen muss. Ich würde mir aber schon wünschen, dass es nicht so vage bleibt und es einen richtigen Zeitplan gibt, wann es kommen soll. Wir haben jetzt im Bildungsbereich mittlerweile so viele Prüfaufträge auch ohne Fristsetzung. Das macht das Ganze ja noch einfacher. Insofern sollte da schon ein konkreter Zeitplan sein. Ich würde mich freuen, wenn die Rednerinnen und Redner der Koalitionsfraktionen gleich noch einmal betonen könnten, dass das ernst gemeint ist und zügig kommen soll. (Beifall FDP und SPD) Der vor einigen Tagen vorgestellte Handlungsplan der Ministerin zur Stärkung der basalen Kompetenzen geht zwar in die richtige Richtung, er steht aber leider auch unter der Überschrift „zu spät und zu wenig“, denn die angekündigten Maßnahmen sind unzureichend. Schleswig-Holstein braucht aus unserer Sicht eine echte Grundschuloffensive, die wir mit unserem Antrag ebenfalls fordern. Es braucht in den Kernfächern mehr Unterricht, der dann aber auch stattfinden und von ausgebildeten Lehrkräften gegeben werden muss. Beides ist leider nicht selbstverständlich, auch daran muss weiter und intensiver gearbeitet werden – Stichwort: drittes Maßnahmenpaket zur Lehrkräftegewinnung. Das muss jetzt mal anders als die ersten beiden ein großer Wurf werden, denn ansonsten sehen wir bei den Altersabgängen und dem, was nachkommt, dass die Lücke immer größer wird. Bei Lerndefiziten sollte es aus unserer Sicht verpflichtende schulische Nachhilfe geben. Das mag vielleicht nicht besonders populär sein, es ist aber notwendig. Hamburg macht meines Erachtens vor, dass es auch erfolgreich ist. Ja, Frau Kollegin: Hamburg ist ein Stadtstaat, aber auch die Kinder in Hamburg unterscheiden sich nicht so stark von den Kindern in Schleswig-Holstein, als dass diese erfolgreiche Maßnahme aus Hamburg in Schleswig-Holstein nicht sinnvoll wäre. Insofern muss ich sagen: In Zeiten knapper Kassen ist das alles andere als einfach, aber Bildungspolitik Grundschule muss einen klaren Schwerpunkt beim Haushalt bilden. Die Lehrkräfte brauchen gerade in den Grundschulen mehr Unterstützung bei der Umsetzung der Inklusion, bei der Integration und müssen von unterrichtsfremden Aufgaben stärker entlastet werden, damit sie sich auf die Erteilung des Unterrichts und insbesondere auf die Kernfächer konzentrieren können. Meine Damen und Herren, ich will abschließend sagen: Auch der Ganztagsausbau ist nicht mehr so weit weg. Ab 2026 beginnt der Rechtsanspruch. Auch beim Ganztagsausbau muss die Landesregierung deutlich schneller und engagierter werden, denn das ist auch eine große Chance, gerade beim Thema Lesen, Schreiben und Rechnen für die Kinder. Das muss nicht nur als Last, sondern auch als Chance gesehen werden, um unsere Kinder zu stärken. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SSW und Sophia Schiebe [SPD])

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