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Jette Waldinger-Thiering

SSW 12.07.2023 Sitzungen 20/32

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich finde es wichtig, dass wir uns hier in der landespolitischen Öffentlichkeit zum Thema Endometriose austauschen. Das ist ein Thema, das meinem Empfinden nach in den letzten zehn Jahren deutlich an Aufmerksamkeit dazugewonnen hat und trotzdem noch ein Schattendasein in gesundheitspolitischen Debatten fristet. Zu oft wird auch heute noch die Frage gestellt: Endometriose, was ist das denn eigentlich? – Bei Erkrankungen an Endometriose wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle, so etwa an Eierstöcken, dem Darm oder dem Bauchfell. Es kann aber auch außerhalb des Bauchraums, zum Beispiel in der Lunge, zu Endometrioseherden kommen. Eine Endometriose beschert Betroffenen nicht nur extreme Krämpfe, Übelkeit oder Kreislaufschwäche, sondern teilweise sogar Unfruchtbarkeit. Die Forschung ist sich nicht abschließend einig, aber wir können wohl davon ausgehen, dass etwa 30 bis 50 Prozent der Frauen, die ungewollt kinder-2396 Schleswig-Holsteinischer (Jette Waldinger-Thiering) los bleiben, an Endometriose erkrankt sind. Warum wissen trotzdem so wenig Menschen etwas über die Endometriose? – Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass wir es gewissermaßen immer noch mit einem Tabuthema zu tun haben, wenn es um Zyklusbeschwerden oder die Periode an sich geht. Wenn man mal über bestimmte politische oder aktivistische Kreise hinwegguckt, sind wir noch lange nicht da, wo wir uns ungeniert über das Thema Periode unter medizinischen und gesellschaftlichen Aspekten unterhalten können. Stattdessen werden Köpfe rot, und es wird sich witzelnd, geradezu infantil und herablassend, darüber geäußert. Glauben Sie mir, ich kenne die Sprüche und Andeutungen, die über Frauen, die „wohl ihre Tage haben“ gemacht werden! Ich möchte dazu auf ein Projekt hinweisen, das im letzten Jahr in Form von Videos auf den sozialen Medien die Runde gemacht hat. Hierbei ging es um einen Periodensimulator, den Männer ausprobieren konnten, um die periodenbedingten Unterleibsschmerzen nachvollziehen zu können, die entstehen, wenn sich die Muskeln der Gebärmutter krampfhaft zusammenziehen. Das ist alles ganz lustig aufbereitet, und es wird auch gelacht, aber dann krümmen sich auch die Männer doch vor Schmerzen. Nur wenige halten bis zur höchsten Schmerzstufe durch. Und das – wie gesagt – sind nur die normalen Periodenschmerzen. Bei einer Endometriose sind die Schmerzen potenziert, und sie können sich durch den ganzen Körper ziehen. Nach einer repräsentativen Untersuchung von 2022 nehmen 39 Prozent der Menstruierenden während der Regelblutung Schmerzmittel ein, um ihren Alltag bewältigen zu können. Gleichzeitig ist es noch nicht lange her, da wurde in der Fernsehwerbung für Menstruationsartikel Periodenblut mit einer hellblauen Flüssigkeit dargestellt, die von Binden und Tampons aufgesogen wurde. Erst seit 2021 wurde den Zuschauerinnen und Zuschauern der Umgang mit einer roten Flüssigkeit zugetraut. Die Nichtthematisierung der Menstruation hat auch mit Blick auf Erkrankungen wie Endometriose zu mangelnder Aufklärung in der Gesellschaft und einer unterfinanzierten Forschung geführt. (Vereinzelter Beifall) Im Schnitt vergehen zehn Jahre bis zur sicheren Diagnose dieser Schmerzerkrankung, obwohl sie zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen zählt und Schätzungen zufolge fünf bis sechs Millionen Menschen in Deutschland daran erkrankt sind. Verwandt mit der Endometriose ist die Erkrankung Adenomyose, die zur Entfernung der Gebärmutter führen kann und daher ebenfalls in dem vorliegenden Antrag bedacht ist. Wir fordern die Landesregierung gemeinsam auf, eigene Strategievorschläge zur nationalen Strategie Endometriose zu erstellen und diese positiv zu begleiten. Dazu sollen eine Aufklärungskampagne und Mittel zur Erforschung von Ursachen, für Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten gehören. Übrigens macht es auch Sinn, hier die Schulen einzubeziehen, um bereits junge Menschen besser über geschlechtersensible Gesundheitsthemen zu informieren. (Beifall SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP und Cornelia Schmachtenberg [CDU]) Lassen Sie uns dazu beitragen, dass schambefreit und aufgeklärt über geschlechtsspezifische Gesundheitsthemen gesprochen wird und Erkrankungen besser begegnet werden können! Ich freue mich, dass wir einen interfraktionellen Antrag zu diesem Thema haben und das Thema es endlich einmal auf die Tagesordnung geschafft hat, hochplatziert am Mittwoch vor der Mittagspause. (Beifall ganzes Haus)

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