Birte Pauls
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Nun ist schon vieles gesagt worden. Auch ich freue mich sehr über die Einmütigkeit an dieser Stelle. Die Zitate sind auch schon gefallen: „Stell dich nicht so an!“, „Mach dir eine Wärmeflasche, leg dich hin!“, „Bei der einen ist es eben schlimmer als bei der anderen!“ – Das sind die typischen Kommentare, die Mädchen und Frauen hören, wenn sie unter starken Menstruationsblutungen und Schmerzen leiden. Ganz besonders die jungen Frauen leiden extrem, sind stark in der Schule, in der Freizeit, beim Sport und in der allgemeinen Lebensqualität beeinträchtigt, weil sie sich selbst isolieren, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie wissen oft nicht einmal, dass sie eine Erkrankung haben, denn die Endometriose wird oft erst sehr spät erkannt. Im Durchschnitt – das haben wir auch schon gehört – dauert es sechs bis zehn Jahre vom Auftreten der ersten Symptome bis zur richtigen Diagnosestellung. Ich glaube, das würde bei vielen Männerkrankheiten in dieser Form nicht passieren. Diese Jahre ohne Diagnose sind geprägt von starken Schmerzen, Blutungen, Erschöpfung und Unwohlsein. (Birte Pauls) Endometriose kann auch zyklusunabhängig Schmerzen im ganzen Körper verursachen, weshalb die Diagnose so schwer ist. Es können chronische Entzündungen, Vernarbungen und Verwachsungen, Blutungen aus Blase und Darm oder in die Bauchhöhle auftreten. Wie so oft bei Frauenerkrankungen kommt es häufig zu Fehldiagnosen: Entzündungen der Eierstöcke, Prämenstruelles Syndrom – und wenn gar nichts anderes mehr herhalten kann, ist es oft genug die psychogene Störung. Bei etwa 40 bis 60 Prozent der Frauen, die ungewollt kinderlos sind, ist die Endometriose der Grund – doppelt bestraft durch die Erkrankung. Der Hormonhaushalt und das Immunsystem sind ebenfalls von der Endometriose betroffen, was den Allgemeinzustand heftig beeinflusst. Dazu kommen die psychischen Auswirkungen: Erschöpfung, Schlafstörungen, Depressionen. Nach wie vor ist die Ursache der Erkrankung unbekannt, und die Therapien beschränken sich leider nur auf die Linderung der Symptome. Deshalb wird sie auch als eine systemische Erkrankung bezeichnet, die interdisziplinär behandelt werden sollte. Es gibt auch Frauen, bei denen die Endometriose keinerlei Beschwerden auslöst. Aber die meisten Frauen leiden sehr darunter. Aus den wissenschaftlichen Erfahrungen weiß man, dass Frauen, die in jungen Jahren unter starken Menstruationsbeschwerden leiden, später häufig eine Endometriose entwickeln. Deshalb muss man sie auch in jungen Jahren wirklich ernst nehmen. Natürlich hat es Auswirkungen auf die Partnerschaft und auf Freundschaften, wenn das Sexualleben beeinträchtigt ist oder ständig Verabredungen abgesagt werden müssen. Da braucht es vom Umfeld schon eine große Menge Toleranz und Zuwendung. Hinzu kommt ja auch, dass man so selten über das Thema spricht. Wenn man darüber spricht, hört man immer wieder: Ach, du auch? – In Deutschland leidet etwa jede neunte bis zehnte Frau an dieser chronischen und lebensbeeinträchtigenden Schmerzerkrankung. Das sind circa zwei Millionen Betroffene – das ist also das Gegenteil von einem Nischenthema. Deshalb ist es gut und richtig, dass sich die Endometriose-Vereinigung gemeinsam mit Medizinerinnen und Medizinern auf den Weg zur Politik gemacht hat. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat für das Jahr 2023 5 Millionen Euro für die Erforschung dieser Erkrankung bereitgestellt und damit eine Förderrichtlinie Frauengesundheit/Endometriose auf den Weg gebracht. Wir verstetigen diese Mittel für 2024. Das Land sollte jetzt gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Medizin eine Strategie zur Umsetzung erstellen. Die Endometriose-Vereinigung hat dafür Vorarbeit geleistet. Es gibt einen Forderungskatalog, an dem wir uns und Sie sich orientieren können. Frauengesundheit ist selbst im Jahr 2023 immer noch ein riesen Thema. In der medizinischen Forschung und Lehre wird immer noch vom männlichen Normkörper ausgegangen. Dabei stellt sich oft zum Beispiel der Herzinfarkt bei Frauen ganz anders dar als bei Männern. Auch da kommt es viel zu häufig zu Fehldiagnosen, und er wird als psychovegetative Störung abgetan. Das darf in einem Jahr 2023 nicht mehr passieren. (Vereinzelter Beifall) Deshalb muss sehr viel mehr in die Erforschung von Frauengesundheit gesteckt werden, so wie es jetzt mit dem neuen Bundesprogramm möglich wird. – Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche der Umsetzung des Programms einen richtig guten Erfolg! (Beifall ganzes Haus)
