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Jasper Balke

GRÜNE 12.07.2023 Sitzungen 20/32

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn man immer wieder äußert, dass man starke Schmerzen hat, diese aber abgetan werden, verliert man die Kraft. Man denkt irgendwann: Okay, vielleicht übertreibe ich, vielleicht bin ich einfach besonders schmerzempfindlich. Irgendwann gibt man einfach auf. Diese Worte stammen nicht von mir, sondern von Saskia, einer Frau aus Deutschland, die das erste Mal mit 12 Jahren ihre Periode bekommt. Schon damals leidet sie heftig an Unterleibsschmerzen, fehlt oft in der Schule. Immer wieder werden diese Schmerzen kleingeredet. Sie hört irgendwann auf, sich medizinisch beraten zu lassen, weil sie die Hoffnung verliert. Nur durch Zufall wird sie auf die Erkrankung Endometriose hingewiesen und erhält nach einer Bauchspiegelung unter Vollnarkose endlich die Diagnose – 16 Jahre nach ihrer ersten schmerzhaften Periode. Saskia steht zwar für einen ganz realen Fall, dabei aber auch sinnbildlich für knapp 190 Millionen Menschen auf der Welt, die laut Schätzung der WHO an Endometriose leiden. In Deutschland sind es mehr als 2 Millionen Betroffene, schätzungsweise 40.000 kommen jedes Jahr hinzu. Dies macht Endometriose zwar zu einer der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen, dennoch können mehrere Jahre bis zur eigentlichen Diagnose vergehen. Es handelt sich nämlich um eine hochkomplexe Erkrankung mit sehr breit gefächerten leidvollen und schmerzhaften, teilweise chronischen Begleitentscheidungen wie anhaltende Bauchschmerzen unabhängig von der Regelblutung, starke Rückenschmerzen, Ausstrahlen in die Beine, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Blut im Urin und/oder Darm, auffallende Müdigkeit und Erschöpfung, Übelkeit, Erbrechen, Komplikationen bis zum Kollabieren und bis hin zur Unfruchtbarkeit – die Kollegin Krämer hat das ausgeführt. Dies zeigt deutlich, dass es sich um eine wirklich schwere, ernst zu nehmende Erkrankung handelt, die für viele Betroffene lebenseinschränkende Folgen hat. Es lässt sich aber auch erahnen, wie schwierig die Differenzialdiagnostik, also die Unterscheidung beziehungsweise Abgrenzung von anderen möglichen Erkrankungen, sein kann. Viele Betroffene gehen deshalb zuerst in die Orthopädie oder Gastroenterologie, weil die Schmerzen und Symptome gynäkologisch nicht klar zugeordnet werden. Selbst wenn sie in der Gynäkologie ankommen, fehlt oft die Zeit für eine sehr ausführliche und lange Schmerzanamnese. 2394 Schleswig-Holsteinischer (Jasper Balke) Auch die gesellschaftliche Bagatellisierung und Stigmatisierung – Menstruationsschmerzen, egal wie stark sie sind, seien ganz normal – tragen bisher leider dazu bei, dass die Hürde zur korrekten medizinischen Versorgung sehr hoch ist. Fragen der Ursachen, der Abgrenzung zu Unterformen oder ähnlichen Erkrankungen wie Adenomyose, der einfacheren Diagnose- oder Therapieverfahren oder gar Prävention und endgültigen Behandlung der Endometriose sind in Teilen noch ungeklärt. Das liegt auch daran, dass die Erkrankung Endometriose in den letzten Jahrzehnten unterschätzt wurde. Lediglich 0,5 Millionen Euro sind in den letzten 20 Jahren in Deutschland in die Forschung zu Endometriose geflossen. Es ist deshalb absolut angebracht, dass der Bund über den Haushaltsausschuss nun nachgeschärft hat und 5 Millionen Euro für die Endometrioseforschung bereitstellt. Daran wollen wir anknüpfen. Wir setzen auf Aufklärung der allgemeinen Bevölkerung und Schulung des medizinischen Fachpersonals, auf bessere Information, zum Beispiel über bereits bestehende Angebote wie das Endometriosezentrum am UKSH, wollen Forschung in Schleswig-Holstein vorantreiben, und das alles mit dem klaren Ziel, dass Geschichten wie die von Saskia und anderen endlich der Vergangenheit angehören. (Beifall ganzes Haus) Dabei müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Denn neben Australien hat sich im letzten Jahr auch Frankreich auf den Weg gemacht und eine eigene nationale Endometriosestrategie erarbeitet. Bei der Ankündigung der Strategie wies der französische Präsident Emmanuel Macron darüber hinaus auf einen wichtigen Umstand hin; er sagte: Endometriose ist nicht nur ein Problem für die betroffenen Frauen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich finde, er hat absolut recht. Wir müssen begreifen, dass gruppenspezifische Erkrankungen nicht nur diejenigen angehen, die unmittelbar davon betroffen sind, sondern dass sie uns als gesamte Gesellschaft alle miteinander angehen. (Beifall ganzes Haus) Endometriose als gynäkologische Erkrankung ist quasi ein Paradebeispiel dafür, dass Frauengesundheit, gender- und geschlechterspezifische Medizin innerhalb der gesundheitlichen Versorgung und Forschung immer noch nicht ausreichend anerkannt oder gleichberechtigt ist. (Beifall ganzes Haus – Beate Raudies [SPD]: So ist es!) Es wird mittlerweile vieles getan, aber wir haben noch viel vor, um die Versäumnisse aus zu vielen Jahren einseitiger, auf den männlichen Körper fokussierter Forschung und die daraus resultierenden Nachteile bei Arzneimittelwirksamkeit und Versorgungslage anderer Geschlechter aufzuholen. Eine nationale Strategie, eine Aufklärungs- und Informationskampagne zu Endometriose setzt daher wichtige und richtige Zeichen und leistet ihren Beitrag zu mehr Gleichberechtigung und einer besseren Gesundheitsversorgung allgemein. Ich bedanke mich ausdrücklich für die Initiative bei der FDP-Fraktion und bei allen anderen Fraktionen in diesem Haus dafür, dass wir gemeinsam diesen interfraktionellen Antrag hinbekommen haben und heute beschließen werden. Das ist ein richtiges und wichtiges Zeichen. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall ganzes Haus)

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