Christopher Vogt
Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir bleiben beim wichtigen Thema Bildung. (Vereinzelte Heiterkeit) – Ich hatte eben den Eindruck! – Eine gute Bildung ist wohl das Beste, was wir als Gesellschaft den jungen Menschen für ein möglichst selbstbestimmtes Leben mitgeben können. Unsere Kinder und Jugendlichen sollen mündige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger und aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher werden. Deshalb wollen wir die politische und die wirtschaftliche Bildung in unseren Schulen deutlich stärken. (Beifall FDP und Sybilla Nitsch [SSW]) Darin geht es uns in unserem Antrag, denn wir sehen leider in beiden Bereichen noch viel Luft nach oben, was verschiedene Studien Jahr für Jahr immer wieder unterstreichen. Die politische und wirtschaftliche Bildung an unseren Schulen zu stärken ist mit Blick auf den Fachkräftemangel und andere Herausforderungen an unseren Schulen sicherlich leichter gesagt als getan, deshalb kann dies immer nur schrittweise erfolgen. Es geht uns aber darum, heute das Signal zu senden, dass dies tatsächlich gewollt ist und angepackt wird. Wir schlagen vor, das Fach WiPo in der Kontingenzstundentafel schrittweise auszuweiten, sodass es mittelfristig bereits ab der 5. Klassenstufe flächendeckend unterrichtet werden kann. Wir hätten auch große Sympathien für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft, wie es zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen eingeführt wurde, aber der von uns hier vorgeschlagene Weg wäre sicherlich mit Blick auf die genannten Herausforderungen im Lehrplan und die benötigten Fachkräfte einfacher umzusetzen. Es ist wichtig, dass die jungen Menschen verstehen, wie unsere soziale Marktwirtschaft funktioniert und dass sie erste sinnvolle Einblicke bekommen, wie das mit den Steuern, Versicherungen, Aktien oder auch Handy- und Mietverträgen läuft. Es gibt dafür auch in Schleswig-Holstein bereits einige gute (Christopher Vogt) Ansätze. Das ist so. Wir hatten in der Jamaikakoalition zum Bespiel gemeinsam das Landeskonzept Entrepreneurship Education auf den Weg gebracht, das eine wirklich gute Grundlage und zum Beispiel Planspiele beinhaltet. Angesichts der Pandemie ist das leider etwas in den Hintergrund getreten. So viel gehört zur Ehrlichkeit dazu. Es ist gut, dass die Bundesregierung mittlerweile gemeinsam mit der OECD daran arbeitet, die finanzielle Bildung in Deutschland zu stärken. Gerade mit Blick auf die Aktienkultur und andere Dinge gibt es dort großen Bedarf. Man könnte auch darüber diskutieren, ob WiPo nicht absehbar zum Pflichtfach in Schleswig-Holstein werden sollte, denn es kann zum Beispiel passieren, dass man in einer Gemeinschaftsschule bis zum mittleren Schulabschluss keine einzige Stunde Politikunterricht hatte. Das ist sicherlich alles andere als der Regelfall, aber es ist theoretisch möglich. Das finde ich schwierig. Es ist auch noch einmal deutlich hervorzuheben, dass unsere Jugend viel interessierter an politischen Themen ist, als es oftmals heißt. Das haben nicht nur Fridays for Future gezeigt. Bei Besuchen in Schulen sagen einem viele Schülerinnen und Schüler, dass sie sich deutlich mehr politische und wirtschaftliche Bildung wünschen und dass sie deutlich früher beginnen sollte. Das ist zuletzt wieder bei Jugend im Landtag durch gleich mehrere Beschlüsse mehr als deutlich geworden. WiPo-Lehrer berichten einem, dass auch in den Schulen in der Zeit der Pandemie Verschwörungstheorien Hochkonjunktur hatten. Deshalb muss klar sein: Nichts immunisiert so gut gegen Extremismen aller Art wie eine fundierte politische Bildung. (Beifall FDP) Wir sind auch erklärte Fans des Praxisbezugs. Deshalb wollen wir mehr sinnvolle Praktika in der Wirtschaft ermöglichen, aber auch den direkten Austausch der Schülerinnen und Schüler mit der Politik stärken. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, diesen Austausch weiter zu intensivieren und den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, politische Entscheidungen hautnah zu erleben, nicht nur kurz vor Wahlen, sondern gern auch dazwischen. Viele Schulen organisieren den Besuch in einem Parlament, wie zum Beispiel hier im Landtag, und viele Schulen organisieren Podiumsdiskussionen und Formate wie derzeit dialogP, woran wir ja wahrscheinlich alle teilnehmen. Aber die meisten weiterführenden Schulen in Schleswig-Holstein tun dies immer noch nicht. Das ist ein Problem. Ich halte es für sehr wichtig, dass alle jungen (20. WP) – 29. Sitzung (neu) – Mittwoch, 14. Juni 2023 Menschen nicht nur die Gelegenheit bekommen, einmal Unternehmerpersönlichkeiten oder andere interessante Menschen aus dem Berufsleben kennenzulernen und dadurch vielleicht auch ein Stück weit Vorbilder haben zu können, ich halte es auch für sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass die Abgeordneten oder eben auch die Spitzenpolitiker in Deutschland in der Regel aus ganz normalen Verhältnissen kommen und vielleicht ganz ähnliche Themen wie sie selbst hatten, die sie mal dazu motiviert haben, sich selbst politisch einzubringen. Auch das, so finde ich, ist ein ganz wichtiger Punkt. (Beifall FDP und Sybilla Nitsch [SSW]) Es wird leider nicht in allen Familien regelmäßig über Politik gesprochen, und wenn dies in der Schule auch nicht passiert, fehlt diesen jungen Menschen etwas ganz Wichtiges. Deshalb sollte die Landesregierung aus unserer Sicht darauf hinwirken, dass zukünftig an allen weiterführenden Schulen in Schleswig-Holstein zumindest vor den wichtigen Wahlen, zum Beispiel auch den Kommunalwahlen, entsprechende Veranstaltungen stattfinden und dies nicht sozusagen nach dem Zufallsprinzip funktioniert. (Beifall FDP, SPD, SSW und Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] Aus meiner Sicht ist das eine Frage der Chancengerechtigkeit. Die Demokratien sind weltweit durch systemische Rivalen herausgefordert, die ein autoritäres Regierungssystem haben und im Zweifel nicht davor zurückschrecken, die Populisten und Antidemokraten in den USA und Europa aktiv zu unterstützen. Das war seit Jahrzehnten nicht mehr so aktuell wie gerade jetzt. Auch deshalb gehören für uns zum Beispiel Diskussionen über Sicherheitspolitik und über die Rolle der Bundeswehr in die Schulen. Schleswig-Holstein ist dort besser als andere Bundesländer, aber man kann das gemeinsam mit der Bundeswehr noch ausweiten, dass sie auch personelle Ressourcen haben, damit es tatsächlich überall stattfindet. (Beifall FDP) Abschließend: Auch Vertreter von Feuerwehr und Polizei sollten über ihre Arbeit informieren. Das passiert vielerorts. Der Alternativantrag der Koalition ist nach dem Dreiklang von Schwarz-Grün in der Bildungspolitik „begrüßen – prüfen – Konzept erstellen“ konzipiert. Ich glaube, es gibt durchaus Gemeinsamkeiten, über die wir im Bildungsausschuss weiter diskutieren sollten. Das Thema ist (Christopher Vogt) wirklich wichtig. Deswegen sollten wir gemeinsam daran arbeiten, dass wir vorankommen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD, SSW, Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Nelly Waldeck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
