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Christopher Vogt

FDP 12.05.2023 Sitzungen 20/27

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Danke, Frau Ministerin, für den Bericht. Die Bertelsmann Studie hat uns kürzlich noch einmal vor Augen geführt, dass leider immer noch ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen in SchleswigHolstein Jahr für Jahr ohne Hauptschulabschluss, also ohne ESA, verlässt. Das hat natürlich gravierende Auswirkungen auf die Zukunftschancen dieser jungen Menschen und letztlich unserer Gesellschaft, denn wir leiden schon heute massiv unter dem Fachkräftemangel. Allein schon aus diesem Grund dürfen wir niemanden zurücklassen. In Schleswig-Holstein haben – Frau Ministerin, ich habe leicht andere Zahlen –, wenn ich das richtig gelesen habe, im Jahr 2021 7,4 Prozent der jungen Menschen die Schule verlassen, ohne einen Hauptschulabschluss oder einen ESA zu haben. Das sind jedes Jahr rund 2.000 junge Menschen, die damit einen mehr als schwierigen Start in das Berufsleben haben. Ein fehlender Schulabschluss ist für die Betroffenen eines der gravierendsten Hemmnisse, das spätere Berufsleben erfolgreich meistern zu können, denn 70 Prozent der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss finden im Anschluss keinen Ausbildungsplatz im dualen Berufsbildungssystem. Daran erkennt man: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Hauptschule ohne ESA verlassen, ist einfach viel zu hoch. (Beifall FDP) Meine beiden Vorrednerinnen haben vollkommen recht: Es gibt ein statistisches Problem. Es gibt auch ein kleines Problem mit der Vergleichbarkeit in der Bertelsmann Studie, weil die Regeln in den Bundesländern unterschiedlich sind. Wir sollten in dieser Debatte nicht nur auf das statistische Problem abstellen, auch wenn es eines ist. Es geht hauptsächlich darum: Auch wenn man den Förderschulabschluss anerkannt hat, hat man noch keine besseren Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Das ist das Problem in der Realität, dem man sich stärker stellen muss. Deshalb müssen wir deutlich mehr tun, damit die Quote der jungen Menschen, die keinen Schulabschluss haben, keinen ESA haben, kleiner wird. Ich schaue mit großem Unbehagen immer noch auf die jüngste IQB-Studie zu den Leistungen der Grundschülerinnen und Grundschüler, die ergeben hat, dass rund 20 Prozent der Kinder die Mindeststandards nicht mehr erfüllen. Das ist ein erschreckender Anstieg in den letzten Jahren. Es war lange so, dass ungefähr 7 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler die Mindeststandards nicht erfüllt haben. Das war – wahrscheinlich nicht ganz zufällig – die Quote der Jugendlichen, die später keinen Abschluss erlangt hat. Es wird nicht eins zu eins deckungsgleich sein, aber es ist auffällig, dass 2072 Schleswig-Holsteinischer (Christopher Vogt) es der gleiche Prozentsatz ist. Wenn wir sehen, dass der Anteil der Grundschülerinnen und Grundschüler jetzt bei 20 Prozent liegt, müssen die Alarmglocken noch lauter schrillen, als es bisher der Fall ist. Ansonsten wird das Problem eher größer und nicht kleiner. Schleswig-Holstein muss deshalb aus unserer Sicht vor allem seine Grundschulen erheblich stärken und dort mehr Unterricht erteilen, was andere Bundesländer längst tun. Wir haben das unter Jamaika schon angepackt und eine Schippe draufgelegt. Dieser Weg muss konsequent weitergegangen werden. Das ist auch in Zeiten des Fachkräftemangels ein ganz entscheidender Schlüssel, um das Problem zu bekämpfen. (Beifall FDP und SSW) Eine extrem wichtige Baustelle ist und bleibt aus meiner Sicht, dass sich die Lehrkräfte gerade in Grundschulen, aber auch in den Gemeinschaftsschulen viel stärker auf den Unterricht und vor allem auf die Kernfächer konzentrieren müssen. Ansonsten ist eine individuelle Förderung überhaupt nicht denkbar. Eine weitere Folge aus der IQB-Studie – das ist ein Thema, mit dem wir uns in den nächsten Monaten beschäftigen müssen; das haben uns die Wissenschaftler auch sehr deutlich gesagt, auch Herr Professor Köller aus Kiel –: Wir sollten einführen, dass alle Kinder – alle Kinder! – im Alter von viereinhalb Jahren einen Sprachtest machen müssen, sodass Defizite frühzeitig erkannt werden und rechtzeitig mit entsprechenden Maßnahmen gegengesteuert werden kann. Wir wissen doch: Wer schon mit Sprachdefiziten in die Schullaufbahn startet, wird im Zweifel ziemlich zuverlässig zu denjenigen gehören, die dann auch massive Probleme haben. Frau Ministerin, Sie haben recht, dass man gute Sprachkurse für diejenigen Schülerinnen und Schüler braucht, die während der Schullaufbahn zu uns nach Deutschland kommen. Es fällt auf, dass Jungen seit vielen Jahren besonders oft betroffen sind. Auch das ist ein Punkt, über den man sprechen muss. Oft fehlen Jungs heutzutage männliche Vorbilder, weil im Zweifel zu Hause keiner da ist, zumindest nicht ein Mann dauerhaft. Das ist einfach ein Problem. Auch in den Grundschulen sind Männer meistens nur mit dem Beruf des Hausmeisters vertreten. Insofern müssen wir dafür werben, dass sich mehr junge Männer für den Lehrerberuf an den Grundschulen interessieren. (Beifall FDP) Ich sehe erhebliche Defizite auch bei der Ausstattung der Gemeinschaftsschulen. Unsere Lehrkräfte brauchen einfach mehr Unterstützung und Entlastung beim Thema Inklusion und Integration. Es gibt in Schleswig-Holstein extrem viel Luft nach oben. Wir haben den Punkt noch einmal vertagt. Das Thema Schulsozialarbeit spielt da eine Riesenrolle. Frau Ministerin, über Startchancen wollen wir uns heute nicht streiten, aber ich will Folgendes sagen: Sie haben gesagt: „25.000 Euro pro Schule, das ist ja nichts“. Da wo Sie zuständig sind, müssen Sie sich an dieser Aussage messen lassen. Wenn ich richtig gerechnet habe, gibt das Land SchleswigHolstein 18 Millionen Euro für Schulsozialarbeit aus. Wir haben 800 Schulen. Das sind pro Schule 22.500 Euro. (Martin Habersaat [SPD]: Das ist ja nichts!) Das wäre nach Ihren Worten nichts. Ich glaube schon, dass das etwas ist. Das muss aber mehr werden. Die Probleme sind so, wie sie sind. Wenn man das also an einer Stelle so formuliert, sollte man selber mehr tun. Wir müssen uns auch stärker um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen kümmern, die keinen Schulabschluss haben, aber aus meiner Sicht trotzdem eine zweite Chance verdient haben. Sie haben es angesprochen: Die Bundesagentur für Arbeit ist massiv gefragt. Sie haben die berufsbildenden Schulen angesprochen. Ich will noch einen Punkt ansprechen. Die Produktionsschulen sind meiner Meinung nach ein extrem gutes Angebot, um jungen Erwachsenen eine zweite Chance zu geben, den Start ins Berufsleben hinzubekommen, Sozialkompetenz zu lernen, den ESA zu machen. Die Produktionsschlüssel sind ein wichtiger Schlüssel, um den jungen Menschen, die keinen Schulabschluss haben, relativ zügig eine zweite Chance zu geben und trotzdem in eine Berufskarriere starten zu können. Zu Recht haben Sie die Themen Medienkonsum und Cybermobbing angesprochen. Darüber haben wir in der vergangenen Bildungsausschusssitzung gesprochen. Wir müssen deutlich mehr machen, auch schon in den Grundschulen, um den Kindern in der heutigen Zeit mehr Medienkompetenz zu vermitteln, auch die Folgen von Medienkonsum, der überbordend ist. Auch das ist eine schlimme Folge der Coronazeit. Auch das Thema müssen wir in der Tat deutlich stärker anpacken. (Beifall FDP und Kristina Herbst [CDU]) (Christopher Vogt) – Vielen Dank. Das muntert mich auf. – Zum SSWAntrag und zum Antrag der Koalitionsfraktionen: Ich kann nachvollziehen, dass es hier ein statistisches Problem gibt. Das ist ein Punkt, über den man sprechen muss, Jette Waldinger-Thiering. Keine Frage. Da ist auch schon etwas auf dem Weg. Wir sollten an dieser Stelle aber nicht so tun, als sei es vor allem ein Statistikproblem; es ist nach wie vor ein Riesenproblem. (Jette Waldinger-Thiering [SSW]: Das habe ich nicht getan!) – Nein, aber ich will das sagen. – Wir unterstützen den Antrag, das zu tun. Man ist schon auf dem Weg. Das ist in Ordnung. Ich finde, wir sollten beide Anträge in den Bildungsausschuss geben, um die Maßnahmen, um die es teilweise im Koalitionsantrag geht, etwas ausführlicher zu besprechen. Das schadet nicht. Insofern freue ich mich auf die weitere Beratung im Ausschuss. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und denen, die kandidieren, viel Erfolg bei der Kommunalwahl. Jetzt freue ich mich auf die Jungfernrede des Kollegen Pender. Viel Erfolg. – Vielen Dank. (Beifall)

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