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Jette Waldinger-Thiering

SSW 12.05.2023 Sitzungen 20/27

Sehr geehrter Landtagspräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Bevor ich mit meiner Rede anfange, erst einmal: Vielen Dank für Ihren mündlichen Bericht, Frau Ministerin. Wir sind uns in ganz vielen Dingen einig. Deshalb bin ich froh, dass wir Freitagnachmittag kurz nach halb drei noch über ein so wichtiges Thema reden können. Die Art, wie wir mit unseren Schwächsten umgehen, sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Der Umgang mit den jungen Menschen, die ihre Schullaufbahn aus unterschiedlichen Gründen in einem Förderzentrum für geistige Entwicklung absolvieren, ist hier kein Ruhmesblatt. Diese jungen Menschen gehen neun oder auch zehn Jahre zur Schule und lernen und leisten dort, was im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt. Dann sagen wir: „Danke für die letzten zehn Jahre und viel Glück. Aber einen Schulabschluss, den bekommen Sie nicht. Für den ESA hat es nicht gereicht, tut uns leid“, und am Ende gehen diese jungen Menschen als Schulabbrecher in die Statistiken ein. Gerade diese jungen Menschen, die ohnehin schon ihr ganz persönliches Päckchen zu tragen haben, haben mehr als das verdient. Wir brauchen einen eigenständigen Förderschulabschluss, einen Abschluss, der zeigt, was die jungen Menschen in ihrer Schullaufbahn geleistet haben. Die Schülerinnen und Schüler haben eine angemessene Anerkennung für die schulische Leistung verdient, die sie erbracht haben. Ich freue mich sehr zu sehen, dass das nun auch die regierungstragenden Fraktionen sehen und dass sie die Bereitschaft zeigen, mit uns an einem Strang zu ziehen. (Beifall SSW, Patrick Pender [CDU], Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Wir brauchen außerdem eine differenzierte Statistik, die ausweist, dass es sich eben nicht um Schulabbrecher, sondern um Absolventen eines Förderzentrums handelt. Dass in Schleswig-Holstein mehr Kinder inklusiv an den Regelschulen beschult werden als in den meisten anderen Bundesländern, sehen wir als sehr positiv an. Die aktuellen Zahlen der Bertelsmann Stiftung zeigen deutlich, dass viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den Regelschulen erfolgreich einen Abschluss erwerben. Aber es braucht natürlich ausreichend pädagogische Fachkräfte, um die Kinder mit Herausforderungen angemessen bis zum Schulabschluss zu begleiten, damit sie nicht am Ende der Regelschule doch durch das System fallen. Auch die Lehrkräfte können das nur leisten, wenn die Klassen ausreichend klein sind und die Zahl der ausgebildeten Fachkräfte ausreichend groß ist. Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif. Auch das ist eine unserer großen Aufgaben: die Schulen personell so auszustatten, dass die Lehrkräfte ausreichend Zeit haben, sich um alle Kinder zu kümmern, damit am Ende keiner ohne Abschluss durch das System fällt. Die Zahlen zeigen deutlich: Es sind nicht nur die Förderschüler, denen der Abschluss fehlt. Es sind auch viele andere junge Menschen in Regelschulen, die diese ohne Abschluss verlassen, Menschen, die anschließend oft nicht den Weg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt finden, junge Leute, die der Gesellschaft dauerhaft verloren ge- (Jette Waldinger-Thiering) hen. Das können und dürfen wir uns nicht länger leisten. In einer schrumpfenden Gesellschaft mit zunehmendem Fachkräftemangel sind wir auf jeden Einzelnen angewiesen. Jeder Einzelne hat das Recht auf Teilhabe am Erwerbsleben. Schule ist der Ort, an dem die Weichen dafür gestellt werden müssen, dass die jungen Menschen dieses Recht auch wahrnehmen können. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das dann auch ermöglichen. Ein gutes Bildungssystem kostet Geld, ohne Frage, aber jedes Kind, jeder Jugendliche, der im System Schule hinten runterfällt, kostet die Gesellschaf noch viel mehr Geld. Darum müssen wir den Schülerinnen und Schülern das geben, was ihnen zusteht: eine Schulausbildung, die zum einzelnen Kind passt, und am Ende die Anerkennung, die jede Schülerin und jeder Schüler verdient hat. Frau Ministerin, Sie haben gerade davon gesprochen, dass Sie mit der Bundesagentur gesprochen haben: der neue Regionalleiter und ein Appell an unsere Unternehmen – kleine und mittlere Betriebe – in Schleswig-Holstein, den Kindern eine Chance zu geben. Ich sage immer: Das sind unsere Rohdiamanten. Wir müssen alles dafür tun, denn, wenn wir denen erst einmal etwas gegeben haben, bleiben sie bei uns, und wir können uns auf sie verlassen. Da müssen wir investieren. Wir dürfen keine Kinder oder jungen Menschen verlieren. Insofern finde ich es gut, dass die regierungstragenden Fraktionen meinen Antrag zum Anlass genommen haben, ihn noch auszubauen. Deswegen möchte ich meinen Antrag, Drucksache 20/826, in den Bildungsausschuss überwiesen haben. Dann würden wir dem CDU- und BÜNDNIS-90-Antrag zustimmen, denn wir sollten endlich zeigen, dass wir in Schleswig-Holstein handeln, noch bevor alle anderen Bundesländer auf die Idee kommen zu handeln. (Beifall SSW, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD)

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