landtag.ltsh.de ↗

Christopher Vogt

FDP 24.03.2023 Sitzungen 20/24

Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Intelligenz ist eine schöne Sache, vor allem für die von der natürlichen Intelligenz betroffenen Menschen. Das Thema künstliche Intelligenz, vor allem das maschinelle, aber auch das tiefe Lernen und deren Potenzial ist nun schon länger kein Nischenthema mehr, sondern dürfte mittlerweile fast jeder und jedem ein relativ klarer Begriff geworden sein. Es treibt nachvollziehbarerweise viele Menschen zunehmend um. Die relevanten Anwendungsbereiche werden immer vielfältiger, die Software immer schneller und besser. Diese Entwicklung bedeutet für immer mehr Lebensbereiche neue Chancen und wirft natürlich auch sehr grundlegende Fragen auf, zum Beispiel, was dies für unseren Arbeitsmarkt bedeutet. Auch bei der Verteidigung der Ukraine, also im militärischen Bereich, spielen KI-Anwendungen offenbar zunehmend eine entscheidende Rolle. Mit der Veröffentlichung von ChatGPT wird derzeit vor allem der Bildungs- und Wissenschaftsbereich umgekrempelt beziehungsweise in gewisser Weise revolutioniert, ob wir es wollen oder nicht. Dies geschieht in einer rasanten Geschwindigkeit, bei der wir aufpassen müssen, dass uns dies nicht überfordert. Die neueste Version, ChatGPT-4, schlägt mittlerweile zuverlässig den Menschen in StandardVergleichstests. Ich fand den Hinweis auf Juristen ein bisschen gemein, Herr Kollege, er war aber durchaus berechtigt. (Vereinzelte Heiterkeit) In naturwissenschaftlichen Tests schlug ChatGPT-3 rund 31 Prozent der menschlichen Teilnehmer. ChatGPT-4 liegt jetzt schon bei unglaublichen 99 Prozent. KI-basierte Software kann mittlerweile sogar auf sehr erstaunlichem Niveau in ganz bestimmten Stilrichtungen Bilder malen und Lieder komponieren, und zwar im Stil bestimmter Künstler. Wenn man sich all dies vor Augen führt, braucht man nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, zu welchen Leistungen KI-basierte Software bereits in wenigen Jahren in der Lage sein dürfte und was dies unter anderem und vor allem für unsere Schulen und Hochschulen bedeutet. Ich erkenne an, dass der Chef der Staatskanzlei, Dirk Schrödter, den ich ja seit vielen Jahren kritisch-konstruktiv begleite, (Lebhafter Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) – ich weiß jetzt nicht, wie der Kollege das meinte – bereits seit Jahren sehr engagiert auf die zunehmende Bedeutung von KI hinweist und immer wieder dafür geworben hat, viel Landesgeld in die entsprechende Forschung und Entwicklung zu investieren. Da ist in Schleswig-Holstein schon einiges Wertvolles entstanden. Das sollte man an dieser Stelle sagen, auch wenn die Musik international natürlich ganz woanders spielt. Es hat aber seinen Grund, warum es mit Doris Weßels eine Kieler Professorin war, die in der letzten Zeit in bundesweiten Medien als fachkundige Expertin die jüngsten KI-Entwicklungen der deutschen Öffentlichkeit erklärt hat. Sie war übrigens auch meine Professorin in Wirtschaftsinformatik, aber das nur am Rande. (Martin Habersaat [SPD]: Ein bisschen Sonne fällt gerade auf dich! – Vereinzelter Beifall) – Auf jeden Fall, Herr Kollege, habe ich Bildung genossen. Das wollte ich nur noch einmal sagen, falls Sie das bisher bezweifelt haben. Das ist ja auch wichtig. Die Jamaikaregierung hatte bereits im Juni 2019 eine Strategie zum Umgang mit KI beschlossen, den sogenannten KI-Handlungsrahmen. Die Antworten der Landesregierung auf meine Kleine Anfrage zu diesem Thema aus dem Februar 2023 mit Blick auf Schulen und Hochschulen zeugen von einer gewissen KI- Begeisterung. Die Landesregierung meint, KI sei eine bedeutende kulturelle Errungenschaft, die zunehmend die moderne Gesellschaft präge. Im Zentrum stehe für die Landesregierung der Nutzen für die Menschen, was aus unserer Sicht natürlich absolut das Ziel sein muss. Ich bin als Liberaler ein großer Freund des technischen Fortschritts und noch immer optimistisch. Ich finde aber auch, dass sich eine Landesregierung bei diesem entscheidenden Zukunftsthema nicht nur auf die Schultern klopfen und die Vorteile sehen sollte, sondern eben auch die nicht zu unterschätzenden Herausforderungen und Risiken und auf diese reagieren muss. (Beifall FDP und SSW) Einige Aussagen der Landesregierung auf meine Fragen muten nämlich auch etwas skurril an. So er-1812 Schleswig-Holsteinischer (Christopher Vogt) klärte mir die Landesregierung beispielsweise, dass die Nutzung von ChatGPT auch den Vorteil habe, dass sie bei jungen Menschen Schreibblockaden lösen könne. Das mag sicherlich sein, aber klar ist doch, dass sich unsere Schulen und Hochschulen sehr schnell umfassend darauf einstellen müssen, dass man an bestimmte Leistungen – wie zum Beispiel Hausaufgaben oder Referate, ein Stück weit auch Hausarbeiten in Hochschulen – in Zukunft anders herangehen muss. Besonders interessant fand ich die Aussage – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin: „Bereits in der Schule wird in allen Unterrichtsfächern … ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis von Informatik und KI geleistet und KI damit als bedeutendes Feld der Allgemeinbildung bearbeitet.“ Das ist sicherlich an dieser Stelle mal wieder etwas hoch ins Regal gegriffen. Wir fordern deshalb mit unserem Antrag die Landesregierung erneut dazu auf, den Schulen im Land schnellstmöglich geeignete Handlungsempfehlungen zum Umgang mit ChatGPT und vergleichbarer KI-Software zur Verfügung zu stellen, damit diese den damit verbundenen Chancen und Herausforderungen angemessen begegnen können. Es darf nicht sein, dass die Schulen mit dieser Entwicklung alleingelassen werden. Erfreulicherweise hat die Bildungsministerin in der vergangenen Woche bereits öffentlich erklärt, dass sie genau dies umsetzen wird. Die Koalition spricht nicht von Handlungsempfehlungen, sondern von einer Handreichung, aber ich gehe davon aus, Herr Kollege Koch, dass sie das Gleiche meinen, nur einen anderen Begriff nehmen wollten, damit es nicht so auffällt – alles gut. Die KI-Strategie des Landes muss sich insgesamt an die neue Entwicklung anpassen und deswegen überarbeitet werden. Herr Kollege Losse-Müller hat ja recht: Es geht nicht nur um die Wirtschaft, sondern auch um die Zukunft der Gesellschaft und unsere Demokratie. Darauf müssen wir uns vorbereiten. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD und SSW)

Alle Reden von Christopher Vogt Protokoll ↗