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Jette Waldinger-Thiering

SSW 22.02.2023 Sitzungen 20/19

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es sind lobenswerte Ziele, die die Koalitionsfraktionen hier anstreben, aber eigentlich geht es beim Thema der Experimentierklausel eher darum, den Schulen versteckt zu erklären: Bewältigt die aktuelle Krise des Lehrkräftemangels (Jette Waldinger-Thiering) möglichst intern, und seid dabei noch innovativ und experimentierfreudig! (Serpil Midyatli [SPD]: Und lasst uns in Ruhe!) Wir wollten damals in der Küstenkoalition die Experimentierklausel aus dem Schulgesetz anwenden, um kleine Schulstandorte auf dem Land zu stärken. Sie sollten in Zusammenarbeit mit anderen fachlichen Institutionen innovative und fächerübergreifende Konzepte für den Schulalltag entwickeln. Schulen mit begrenzten Lehrkräftestellen sollten so durch externe Ressourcen unterstützt werden. 2014 haben Eltern einer von der Schließung bedrohten Grundschule versucht, ein Konzept basierend auf der Experimentierklausel zu erarbeiten. Dieses wurde abgelehnt und die Schule geschlossen. Die Klausel ist noch nicht zu Ende gedacht oder fachlich ausformuliert. Genau an dieser Stelle kommen wir zu der wiederholten SSW-Forderung, die multiprofessionellen Teams an den Schulen aufzustocken, um den Lehrkräften zumindest die sozialpädagogische Arbeit in den Klassen abzunehmen und mehr Kräfte zu haben, die den Schulalltag mit organisieren und koordinieren können. An kleineren Schulstandorten könnte diese Unterstützung auch über die Zusammenarbeit mit anderen sozialen Institutionen oder Trägern erfolgen. Besonders mit Blick auf den Ganztagsbereich sollten wir die externen Träger dringend mit einbinden. Hierzu sollten wir die Experimentierklausel noch weiterentwickeln. Im vorliegenden Antrag finde ich keinen Hinweis auf die Einbeziehung externer Institutionen, Fachkräfte oder Ressourcen. Die beschriebenen Vorstellungen von der Umsetzung der Ideen hören sich großartig an, denn wir alle wollen, dass an Schulen Zukunftskompetenzen durch innovatives und individualisiertes Lernen erworben werden. Aber: Ist das jetzt der richtige Zeitpunkt, um von den Schulen zu fordern, sich auf Unterrichtsexperimente zu fokussieren? – Im Zuge einer laufenden schriftlichen Anhörung zu „Mathe stark machen“ im Bildungsausschuss beschreiben Lehrkräfte die hohe Diskrepanz zwischen den Lernständen der einzelnen Schüler und die zusätzlichen pädagogischen und organisatorischen Anforderungen durch Inklusion und Integration, die das qualitative und fachbezogene Lehren erschweren. Aufgrund der erhöhten Anforderungen müssen die Lehrkräfte an vielen Schulen jetzt schon jeden Tag in hohem Maße innovativ, kreativ und flexibel improvisieren, um Unterricht zu ermöglichen. (Beifall Martin Habersaat [SPD]) Unsere Schulen sind an der Belastungsgrenze: Es fehlen Lehrkräfte, und durch die Rückkehr zu G 9 kommt es auch noch zu Platznot an den Schulen. Können wir den Schulen in der aktuellen Lage wirklich abverlangen, dass sie experimentierfreudig Konzepte ausprobieren, von denen man am Ende nicht weiß, ob sie funktionieren oder vielleicht zusätzlich Kapazitäten binden? Das System Schule muss doch erst einmal wieder durchatmen können, um den Kopf für innovative Experimentierfreude frei zu kriegen. An dieser Stelle möchte ich mich gern wiederholen: Ich bitte Sie darum, dass wir uns jetzt schnell und vor allem zielgerichtet um die Lehrkräftebildung kümmern, mit den Ergebnissen der Allianz für Lehrkräftebildung arbeiten und zusätzlich im engen Austausch und im Dialog mit den Schulen und Lehrkräften nach zeitnahen Entlastungsmöglichkeiten suchen. Die Schülerinnen und Schüler sind jetzt im System und haben ein Recht auf fundierte und durchdachte Bildungskonzepte. Wir haben jetzt keine Zeit zum Experimentieren. (Beifall SSW, SPD und Oliver Kumbartzky [FDP])

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