Birte Pauls
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich bin dem Kollegen Dirschauer für den Aufschlag zu Dänemark sehr dankbar. Ich würde das gern mit einer persönlichen Geschichte unterstreichen. Meine Schwiegermutter ist kurz vor Weihnachten schwer gestürzt, aus der totalen Mobilität heraus von jetzt auf gleich quasi total immobil geworden und im Krankenhaus versorgt worden. Nach zehn Tagen konservativer Behandlung ist sie von einem Tag auf den anderen entlassen worden. Es wurde gesagt: Lisbeth, du kannst morgen nach Hause. – Dann rief die Kommune bei uns an: Wir möchten am nächsten Tag bitte um 9 Uhr in der Wohnung sein, damit ein Schlüsseldienst vorbeikommen kann. – Eine halbe Stunde später stand ein Wagen mit sämtlichen Hilfsmitteln vor der Tür, die Lisbeth eben braucht. Das hat die Fachschwester im Krankenhaus direkt bei der Kommune bestellt. Da war nicht noch ein Arzt dazwischen, der sowieso keine Ahnung von Pflegehilfsmitteln hat. (Zuruf CDU) Es war auch keine Krankenkasse dazwischen, die noch einmal prüft, ob man an der einen oder anderen Stelle sparen kann, sondern es wurde das geliefert, was nötig war. Dann kam die Fachkraft und sagte: Das ist alles da, jetzt kann Lisbeth aus dem Krankenhaus entlassen werden. – Zwei Stunden später war sie zu Hause. Ein Aufnahmegespräch hat stattgefunden, freundliches Lächeln in unsere Richtung. „Wir übernehmen jetzt!“, hieß es. Dann ist die Familie raus. (Birte Pauls) Das ist ein würdevoller Umgang mit Menschen, um im Quartier älter zu werden. Ich weiß, dass ich das alles nicht vergleichen kann, aber acht Hausbesuche am Tag verschaffen eine außerordentliche Sicherheit. Das geht, weil Pflege in Dänemark im Quartier organisiert wird. Im Quartier sind die Gesprächspartner, die versorgenden Pflegekräfte. Das macht eine enge Bindung und eine sichere Versorgung aus. Als wir damals in der Küstenkoalition den Demenzplan auf den Weg gebracht haben, habe ich mir das Ergebnis angeschaut, es eng begleitet und gesagt: Wenn wir das so umsetzen wollen, brauchen wir die – in Anführungsstrichen – gute alte Gemeindeschwester zurück. Damals wurde mir gesagt: Das geht nicht, weil es noch nicht so lange her ist, dass wir sie abgeschafft haben. – Ich glaube aber tatsächlich, dass es jetzt an der Zeit ist, genau das zu tun. Es ist egal, wie sie heißt, wir haben da noch ein Marketingproblem. (Heiterkeit Werner Kalinka [CDU]) Es ist aber wichtig, dass sie kommt und dass unterschieden wird zwischen den wirklich guten Einsätzen von ehrenamtlichen Kräften, die vor Ort tätig sind, Besuche machen und sich kümmern, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite den wichtigen hochprofessionellen Pflegekräften, die das Ganze unterstützen und die sozialpflegerisch tätig sein können. (Vereinzelter Beifall SPD und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Es geht nämlich auch um das Vernetzen, darum, Dinge miteinander zu organisieren, Gemeinschaft zu organisieren. Essen auf Rädern ist gut, aber viel besser ist es doch, auf Rädern zum Essen gebracht zu werden, damit die Leute rauskommen und Gemeinschaft erfahren können. Auch um durch diesen ganzen Dschungel von Bürokratie durchzukommen und durchzulotsen, ist es notwendig, eine hochprofessionelle Person zu haben und eben nicht nur die reine Kümmerin, so ehrenhaft es auch ist. Beides ergänzt sich angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft sehr gut. Ich freue mich auf die Diskussion im Ausschuss und hoffe inständig, dass wir an dieser Stelle wirklich etwas bewegen können. Der präventive Hausbesuch ist einmal abgelehnt worden, das tut mir sehr leid.
