Birte Pauls
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste aus dem schönsten Wahlkreis – herzlich willkommen! (Christopher Vogt [FDP]: Oh! Herzlich willkommen?) In den letzten Wochen erreichten uns erschütternde Briefe über den Sozialausschuss und über andere Kanäle – verzweifelte Menschen, die nach einer Covid-19-Infektion unter sogenannten Long-CovidSymptomen leiden. Kinder und Jugendliche, die bis zu ihrer Infektion vollkommen normal Schülerinnen und Schüler, kerngesund waren, sind jetzt quasi zum Pflegefall geworden, Männer und Frauen, die bis zu einer Coronainfektion mitten im Leben standen, kerngesund und ohne jegliche Einschränkungen ihrem Leben nachgekommen sind, Familien organisiert, sich in Gemeinden oder Organisationen engagiert haben und nach der Infektion nicht mehr in der Lage sind, 100 Meter zu gehen. Die Symptome sind sehr vielschichtig, weshalb die Diagnosestellung schwierig ist. Die Betroffenen leiden unter Muskelschmerzen und Schwäche, Herzrasen, Brain Fog, starker Müdigkeit, maximalen Erschöpfungszuständen, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisverlust, Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn. Aber sie alle eint eins: Sie fühlen sich nicht ernstgenommen, und sie fühlen sich nicht wahrgenommen. Viele Symptome gleichen denen des Chronischen Fatigue-Syndroms, einer schweren neuroimmunologischen Erkrankung. Und auch diese Betroffenen fühlen sich nicht ernstgenommen. Das Leben der Betroffenen ist oft bis zur Berufsunfähigkeit ohne Teilhabe, aber mit erheblichen Mehrkosten massiv eingeschränkt. Sie werden oft falsch beraten und therapiert und müssen ihre Therapien und Behandlungen zum Teil selber zahlen. Das Problem ist, dass man die Corona-Langzeitfolgen nicht eindeutig nachweisen kann. Es gibt keine speziellen Röntgenbilder, es gibt keine speziellen Laborwerte, mit denen man dann genau sagen kann: Das ist jetzt Long Covid, oder das ist jetzt eine Langzeitfolge davon. Deshalb benötigen wir an dieser Stelle natürlich mehr Forschung und vor allen Dingen Anlaufstellen, in denen das Wissen um Long und Post Covid gebündelt wird, die den Bedarfen der Erkrankten gerecht werden, Entwicklungen wissenschaftlich begleiten und zielführend Therapien entwickeln. Damit komme ich dann auch zum Antrag der Koalition. Der Antrag von CDU und Grünen folgt dem Muster der letzten Wochen: Eine bereits durchgeführte Maßnahme der Landesregierung wird anschließend hier im Parlament beantragt. Abgesehen davon finde ich tatsächlich den Zeitpunkt immer noch verkehrt. Da sind wir an dieser Stelle ganz uneinig, aber dafür gibt es dann auch verschiedene Gründe. In den letzten Tagen hatten wir im Durchschnitt 1.150 Neuinfektionen in Schleswig-Holstein. Wenn wir davon ausgehen, dass 15 Prozent der Menschen an Long Covid erkranken, so wie es auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin berechnet hat, dann fallen von von diesen 1.150 Menschen 172 Menschen langfristig in Beruf, Familie und Ehrenamt aus. Das darf man sich auch gern mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich frage mich angesichts dieser Zahlen, ob es nicht sinnvoller wäre, Infektionen immer noch zu vermeiden, als sie zusätzlich zu befeuern. Entgegen der (Birte Pauls) immer wieder selbst wiederholten und eigentlich richtigen Haltung, nämlich einen Flickenteppich bei der Umsetzung von Maßnahmen zu vermeiden, prescht die Landesregierung an allen anderen norddeutschen Ländern vorbei und verbrüdert sich dabei mit Bundesländern, deren Landesgrenzen nicht unsere sind. Das mag ein Politikum sein, (Zurufe CDU und SSW) es ist aber keine bürgerorientierte Politik, denn in unseren Nachbarländern mit hohen Pendlerströmen gilt die Isolationspflicht weiter; Niedersachsen hat sie sogar jetzt noch mal verlängert. (Zuruf CDU – Zuruf BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Und Dänemark?) – Ich möchte jetzt gar nicht darauf eingehen. Auf Dänemark komme ich noch. Dieser Flickenteppich macht wieder so eine Situation, wie wir sie am Anfang der Pandemie hatten, nämlich, dass man gewisse Joggerrunden gar nicht machen durfte, weil man dann Hamburger Gebiet betreten hatte; das ist quasi jetzt wieder das Gleiche. (Zurufe Lars Harms [SSW], Dr. Heiner Garg [FDP] und Cornelia Schmachtenberg [CDU]) Ich habe gedacht, wir hatten in den zwei oder drei Jahren dazugelernt. Jetzt können wir mit einem positiven Test zur Arbeit gehen. Wer krank ist, bleibt zu Hause, richtig. Aber wer keine Symptome hat, kann trotzdem die Kollegen anstecken. Ich war ein bisschen erschüttert, Herr Kollege Petersdotter, dass Sie gesagt haben: Die Arbeitgeber sind hier in der Verpflichtung, aber die Lehrkräfte, die dürfen positiv zur Arbeit gehen. – Das finde ich schon ein bisschen schräg. Vor allem müssen wir darauf achten und Acht geben, dass nicht alle Menschen auch im Homeoffice bleiben können. Es müsste doch stattdessen ein Recht auf Isolation geben. (Beifall SPD)
