Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! „Schwimmunterricht an Grundschulen in Schleswig-Holstein I & II“, „Flächendeckende Schwimmausbildung sicherstellen“, „Schwimmausbildung in Schleswig-Holstein fördern“, „Zugang zu Schwimmunterricht in Schleswig-Holstein stärken“, „Schwimmen auch in Corona-Zeiten“, „Jedes Kind muss schwimmen können“ oder „Schnellstmöglich mit der Schwimmausbildung beginnen“. Das sind nur einige der Berichte, Kleinen Anfragen, Anträge und Alternativanträge, die wir in der letzten Legislaturperiode neben entsprechenden Haushaltsanträge zum Thema Schwimmen diskutiert haben. Wir haben beratschlagt, wie wir die Träger der Schwimmbäder am besten unterstützen können, wie wir qualifizierte Schwimmlehrerinnen und Schwimmlehrer gewinnen, die Wasserrettung vor Ort sicherstellen, den Bustransport aus den Schulen organisieren, Schwimmbäder sanieren, und, und, und. Dabei haben jede Fraktion und jede Koalition ihre eigenen Initiativen eingebracht. Wir haben eigentlich bewiesen, dass in dieser Frage wirklich fraktionsübergreifend große Einigkeit herrscht. Klar ist: Die Kinder in Schleswig-Holstein müssen dringend schwimmen lernen. Klar ist auch: Das klappt nicht so, wie es klappen sollte. Wir hatten ohnehin schon lange Wartelisten für Schwimmkurse und müssen nun mit den Lücken umgehen, die uns Corona durch Zwangspausen in Schulen und Schwimmbädern beschert hat. Wir hatten im Laufe der Pandemie nach Schätzungen der DLRG in Schleswig-Holstein über 30.000 Kinder, die nicht schwimmen lernen konnten. Und jetzt ist der Betrieb in den Schwimmbädern durch die unsichere Gasversorgung gefährdet. DLRG und Bäderallianz verschicken bereits offene Briefe und fordern dazu auf, die Schwimmbäder nicht aufgrund ihrer Energieverbrauche per se zu schließen. Den kommenden Herbst und Winter im Blick habend finde ich die Ausgestaltung des ersten SchwimmAntrags dieser Saison daher etwas merkwürdig und beratungsbedürftig. Schwimmunterricht ist bereits fester Bestandteil des Sportunterrichts an den Grundschulen und im Lehrplan Sport festgeschrieben. Mehr verpflichtende Umsetzung geht nun einmal nicht. Ich zweifle außerdem noch an der Sinnhaftigkeit, die Schwimmfähigkeit im Übergangszeugnis zur weiterführenden Schule zu vermerken (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Peer Knöfler [CDU]) als eine Art Kästchen „hat Schwimmunterricht erhalten“ möglicherweise, als Note jedoch nicht. Schwimmen bleibt für uns ein Teil des Sportunterrichts. (Beifall SSW) Schwimmen als lebensrettende Fähigkeit – ja. Schwimmen im Rahmen der Gesundheitsförderung – ja. Aber Schwimmen als Maßnahme gegen Übergewicht? – Einfach nein! Das sogenannte Übergewicht referiert ja immer auf den Body-Mass-Index, BMI. Es lohnt sich, sich einmal mit der Geschichte des BMI auseinanderzusetzen. Unsere heutige Wahrnehmung von Übergewicht lässt sich auf eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation von 1997 zurückführen. Damals schuf die WHO eine weltweit einheitliche Definition für Gewichtskategorien und berief sich dabei auf den BMI. Definitionen für Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas wurden festgeschrieben und als allgemeingültig erklärt. Allerdings stammt der BMI nicht aus der Medizinforschung, sondern ist eine Erfindung des Sozialstatistikers Adolphe Quételet, der Ende des 19. Jahrhunderts den „Durchschnittsmenschen“ berechnen wollte und dabei auf unzureichende statistische Daten zurückgriff. Der BMI interessiert sich also weder für den individuellen Körperbau noch für Muskelmasse, Fettmasse, Alter, Geschlecht oder soziale Stellung. Ich bin absolut für gesunde Ernährung. Nicht ohne Grund war mir eine warme Mahlzeit für alle in den Schulen schon immer besonders wichtig. Ich finde, man sollte Kinder so früh wie möglich dazu befähigen, frisches und vollwertiges Essen zuzubereiten. Ich finde, dieses Thema passt wunderbar zu dem Thema, mit dem wir die heutige Sitzung angefangen haben. Wir sprechen immer wieder über Schwimmunterricht und über Geburtshilfe. Wir sprechen nie darüber, wie wir die Herausforderungen endlich strukturell anpacken können. Deshalb möchte ich gern, dass beide Anträge in den Ausschuss überwiesen werden. Wir sollten uns dazu (Jette Waldinger-Thiering) noch einmal hinsetzen und ein Fachgespräch zu diesem Thema ansetzen. Ziel muss es sein, dass jedes Kind in Schleswig-Holstein schwimmen lernt. Wir müssen dabei endlich auch Kinder mit Handicap mitnehmen. (Zuruf SSW: Sehr gut!) Wir als Parlament sollten uns auch den Schwimmstättenatlas angucken; dann werden wir sehen, dass er große Löcher aufweist. Das bekommen wir nur gemeinsam hin, insbesondere dadurch, dass wir unsere Kommunen unterstützen und ermutigen, neue Schwimmstätten zu bauen. (Beifall SSW, FDP und vereinzelt SPD)
