Uta Röpcke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich halte diese Rede in Stellvertre- (Uta Röpcke) tung für meinen Kollegen Jasper Balke. – Wenn ein Kind geboren wird, bleibt die Welt einen Moment stehen. Neues Leben, unfassbares Glück, Staunen, überwältigende Liebe. Das habe ich so erlebt und erleben ganz viele Eltern so; und das wünsche ich allen Eltern in unserem Land. Genau darum brauchen wir eine gute Geburtshilfe. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Wir brauchen motivierte, qualifizierte und gut bezahlte Hebammen, Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte. Und wir brauchen genug von ihnen. Das ist aktuell unsere größte Schwachstelle im System. Henstedt-Ulzburg hat seine Kinderklinik unter anderem deshalb geschlossen, weil das Personal fehlte. Das UKE hat den Kooperationsvertrag zwischen seiner Kinderklinik und der Geburtshilfe der Paracelsus-Klinik aus ganz ähnlichen Gründen gekündigt. Das führte dazu, dass die Geburtshilfe in Henstedt-Ulzburg geschlossen werden musste, obwohl dort mehr als 700 Geburten im Jahr stattfanden. Auch die Geburtshilfe in Preetz und Eckernförde hatten Probleme, die erforderlichen Personalstandards rund um die Uhr sicherzustellen. Hinzu kam, dass die Geburtenzahlen auf einem deutlich niedrigeren Level rangierten. Wer sehr wenige Geburten hat, kann in der Geburtshilfe nicht wirtschaftlich arbeiten. Eine Querfinanzierung aus anderen Abteilungen macht kein Träger auf Dauer mit. Auch aus diesem Grund schließen die kleinen Geburtshilfeabteilungen – leider. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) Wichtig ist, dass sich grundsätzlich etwas an der Krankenhausfinanzierung ändert. Und das kann nur im Bund geschehen. (Serpil Midyatli [SPD]: Ach ja!) Es braucht zusätzlich zu den DRGs Grundpauschalen, mit denen die Vorhaltekosten verlässlich abgebildet werden können, mindestens in der Geburtshilfe und Pädiatrie, am besten überall. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Überall!) Wichtig ist auch, innerhalb der Fallpauschalen das Gleichgewicht zwischen einer physiologischen, natürlichen Geburt und einem Kaiserschnitt herzustellen. Wenn der Kaiserschnitt als geplante Operation mehr als doppelt so gut vergütet wird und nur einen Bruchteil der Zeit in Anspruch nimmt, dann sind steigende Kaiserschnittzahlen und ein Anteil von 25 bis 30 Prozent kein Wunder. Das ist eine falsche Entwicklung; das muss sich ändern. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Lars Harms [SSW]) Wenn eine beliebte und bewährte Geburtshilfe schließen muss, ist das schlecht. Der Träger gibt seinen Versorgungsvertrag zurück. Die Eltern müssen dann weitere Wege zu anderen Kliniken in Kauf nehmen, die weitesten von den Inseln aufs Festland. Doch viele Eltern wählen schon jetzt das Perinatalzentrum Level 1 und den damit oftmals verbundenen weiteren Weg. Sie entscheiden sich für Safety First. Dem Mehrbedarf in dieser maximalen Versorgungsstufe werden wir durch einen Aufbau weiterer Kapazitäten und zusätzlicher Kreißsäle im UKSH an den Standorten in Kiel und Lübeck gerecht. Schlecht ist die Schließung von kleinen Geburtshilfen auch für das Personal. Es kann nicht einfach in anderen Abteilungen der Klinik zum Einsatz kommen. Hebammen können nicht Geriatrie und Gynäkologinnen und Gynäkologen nicht Gastroenterologie. Aber in den umgebenden Kliniken, die die wegfallenden Geburten kompensieren, werden händeringend Hebammen und Gynäkologinnen und Gynäkologen gesucht. Die benachbarten Geburtshilfen sind nicht unmittelbar auf den Zuwachs an Geburten vorbereitet. Aber das ist ein vorübergehender Engpass, der sich durch personelle und zum Teil auch räumliche Anpassungen lösen lässt. Der Trend in Schleswig-Holstein und bundesweit geht zu größeren Geburtshilfeabteilungen mit 500, 1.000 und mehr Geburten im Jahr. Hohe Fallzahlen können auch ein Garant für Qualität sein – eingespielte Abläufe, Routine und Sicherheit im positiven Sinne! Was wir verhindern müssen, sind Geburten in einer Fließbandatmosphäre, das Gefühl, eine Nummer zu sein. Das darf nicht sein in einem Moment, der intimer und einzigartiger nicht sein könnte! Um das sicherzustellen, brauchen wir kompetentes und gut ausgebildetes Personal, Hebammen und Ärztinnen und Ärzte, die angemessen bezahlt werden und sich in einer Eins-zu-eins-Betreuung ganz auf die Geburt konzentrieren können. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Dafür setzen wir uns im Bund ein und packen auch in Schleswig-Holstein an. Wir werden die Zahl der Studienplätze in den Hebammenwissenschaften bedarfsgerecht ausbauen. Die Landesregierung hat (Uta Röpcke) zeitnah den Qualitätszirkel Geburtshilfe ins Leben gerufen. Geburtshilfe ist nicht nur Klinik. Geburtshilfe ist auch Hausgeburt und ambulante Geburt in Praxen und Geburtshäusern. Geburtshilfe ist auch Vor- und Nachsorge und die Unterstützung von Hebammen. Die weitere Übernahme von Haftpflichtprämien sowie die Delegation ärztlicher Tätigkeiten sind dabei nur zwei Beispiele. Geburtshilfe muss einen Schwerpunkt auf die Stärkung der physiologischen Geburt legen und den Kaiserschnitt als das nutzen, was er ist: eine medizinisch indizierte Alternative. All diese Themen werden Platz finden im Qualitätszirkel und sind Voraussetzung für eine wohnortnahe und qualitativ hochwertige Geburtshilfe. Wir bohren ein dickes Brett, aber wir bleiben dran und stimmen der beantragten Ausschussüberweisung zu. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)
