Birte Pauls
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich begrüße auch die 1. Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein, Anke Bertram, auf der Tribüne. – Herzlich willkommen, Anke! (Beifall) Meine Damen und Herren! Seit Jahren debattieren wir hier im Landtag über die Situation der Geburtshilfe – und es ändert sich nichts. Im Gegenteil, die Situation verschlechtert sich weiter. Und die Landesregierung? – Schaut zu. Im Jahr 2021 sind in Schleswig-Holstein 21.428 Kinder geboren worden, also 580 mehr als im Vorjahr. Das ist klasse. Was aber passiert gegensätzlich zu diesem Trend? Die Kapazitäten in der Geburtshilfe werden abgebaut. Ich habe hier ganz viele Zahlen aufgelistet, wie viele Kinder in welchen Kliniken geboren worden sind. Diese können Sie aber in der Kleinen Anfrage nachlesen, die ab sofort veröffentlicht ist. Fakt ist, dass wir noch fünf Kliniken auf Level 1, also der bestmöglichen medizinischen Versorgung, haben. Auf Level 2 sind es drei Kliniken, auf Level 3 drei Kliniken und auf Level 4 sieben Kliniken. Dazu ist allerdings zu sagen, dass die Klinik in Preetz für Geburten abgemeldet wurde und die Klinik in Henstedt-Ulzburg angemeldet hat, sich abzumelden. Von den Kliniken haben aktuell vier geschlossen. Das bedeutet für die Frauen leider längere Wege, was auch insgesamt für die Familien nicht gut ist. Wenn man die Zahlen zusammen betrachtet und die Kliniken, die geschlossen haben, berücksichtigt, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass, bezogen auf die Geburtszahlen im vergangenen Jahr, 1.945 Geburten zusätzlich in anderen Kliniken stattfanden. Glaubt irgendjemand, dass diese Entwicklung mit einer Qualitätssteigerung, die angeblich angestrebt wird, einhergeht? Ich glaube, nicht. (Beifall SPD und SSW) Ganz im Gegenteil: In den umliegenden Geburtskliniken gab es schon im Vorfeld einen Mangel an Hebammen. Die notwendigen Kreißsäle fehlen. Die Annahme, dass die Hebammen automatisch in die nächstgelegene Klinik wechseln, hat sich überhaupt nicht bestätigt. Berichte aus dem UKSH und anderen Krankenhäusern konnten wir auch in den vergangenen Wochen wieder lesen. Von der Umsetzung der S-1-Richtlinie und einer Eins-zu-eins-Be- (Birte Pauls) treuung während der Geburt durch eine Hebamme sind wir an vielen, vielen Stellen weit entfernt. Und was macht das Kabinett Günther I und II? Es schaut seit Jahren zu und lässt einer kalten Strukturbereinigung einfach ihren Lauf. Geburtshilfe darf aber kein Markt der Möglichkeiten sein, sondern muss Teil der medizinischen Grundversorgung sein und vom Land aus koordiniert werden. Die Landesregierung nimmt diese Schließungen einfach zur Kenntnis und reagiert, wenn überhaupt, nur zögerlich und vor allen Dingen verspätet. Die Geburtshilfe in Eckernförde wurde Anfang des Jahres sogar mit tatkräftiger – auch finanzieller – Unterstützung der Landesregierung geschlossen, ohne rechtzeitig für weitere Plätze woanders zu sorgen. (Beifall SPD und SSW) In der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses hörten wir zwar, dass im neuen UKSH an beiden Standorten die Kreißsäle noch ausgebaut werden sollen. Es wurde ein neues Haus gebaut, und jetzt fängt man damit an, die Kreißsäle anzupassen. Das ist die verkehrte Reihenfolge. Ich kann doch nicht zunächst einmal etwas schließen, dann die Familien in der Luft hängen lassen und in ein paar Jahren wieder irgendetwas bauen. Das geht doch nicht! (Beifall SPD und SSW) Die Landesregierung hat die Versorgung der Mütter und Kinder sicherzustellen. Die Frauen müssen von einem positiven Schwangerschaftstest an gut betreut werden und wissen, wo ihr Weg zur Geburtshilfe ist. In den Kliniken muss eine gute Geburtsatmosphäre vorhanden sein. Es ist eine Katastrophe, dass so viele junge Familien wochenlang nach einer Hebamme für Vor- und Nachsorge suchen müssen und in den Kliniken eine stressige Situation vorfinden. Ich habe Ihnen die Kleine Anfrage auch deshalb empfohlen, weil es um alle Ihre Wahlkreise geht; darin finden Sie noch einmal alle Zahlen. Was mich an den Antworten am meisten erschüttert: Es zeigen sich maximales Desinteresse und Planlosigkeit der Landesregierung. Wir haben zwar genügend Bewerberinnen für die Studienplätze, aber leider viel zu wenig Kliniken für den praktischen Teil der Ausbildung, weshalb einige Studierende schon nach Mecklenburg-Vorpommern ausweichen müssen und Studienplätze nicht belegt werden können. Ob die Studienplätze ausgebaut werden, bleibt auch ohne Antwort. Einen aktuellen Überblick über die Anzahl der tätigen Hebammen hat man leider auch nicht. Die Sozialministerin verlässt bei dem Thema die Sozialausschusssitzung und ist – obwohl für Frauen, Kinder und Familien zuständig – an der Situation in der Geburtshilfe augenscheinlich auch überhaupt nicht interessiert. Ein weiterer Beweis dafür, dass es verkehrt war, Gesundheit aus dem Sozialministerium herauszutrennen, ist, dass die Geburtshilfe nicht nur ein medizinisches Thema, sondern auch ein familienpolitisches ist. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW])
