Christian Dirschauer
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die strengen Restriktionen, die eingeschränkten Reisemöglichkeiten und die generellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens während der Coronapandemie haben das Freizeitverhalten in weiten Teilen der Bevölkerung verändert. Das konnten wir in Schleswig-Holstein wie auch bundesweit merken. Zum einen war festzustellen, dass die eingeschränkte Mobilität – nicht zuletzt auch durch die verstärkte Nutzung des Homeoffice, sondern auch durch den drastischen Rückgang unter anderem des Luftverkehrs – dazu geführt hat, dass Treibhausgasemissionen in dieser Zeit rückläufig waren. Aber gerade durch die Einschränkungen hat sich auch das Freizeit- und Ferienverhalten dahin gehend verändert, dass Urlaub eben in Übersee oder am Mittelmeer nicht angetreten wurde. Stattdessen wurde Geld in Wohn- oder Campingwagen investiert, und es wurden verstärkt die heimischen Urlaubsdestinationen angefahren. Auch wenn wir in den Jahren zuvor bereits einen Zuwachs im Tourismusbereich verzeichnen konnten, wirkten die Restriktionen wie ein Booster für den Tourismus in die Natur. Es kam eine vorher nicht gekannte Größe auch an Tagestouristen und eben Ausflüglern hinzu, die es plötzlich in die Natur zog – raus aus den eigenen vier Wänden und ab in die Natur. Angesichts der Einschränkungen war es niemandem zu verdenken und aus unserer Sicht auch genau richtig so. Es zog die Menschen in die umliegenden Naturhotspots, in die Natur- und Landschaftsgebiete, an die Strände oder in die Wälder. Mit diesem neuen Freizeitverhalten entstand ein entsprechender Druck auf die Natur, denn vielen Leuten war nicht bewusst, wo sie entlanglaufen, was sie zertrampeln, welchen (Christian Dirschauer) Lärm sie verursachen oder dass sie schlicht durch ihre Anwesenheit Tiere in ihrem Lebensraum stören. Dieses Phänomen gab es nicht nur in SchleswigHolstein, es war bundesweit zu verzeichnen. Inwieweit dieser Druck auf die Natur in diesem Umfang weiter bestehen bleibt, wird sich jedoch erst zeigen. Gleichwohl konnten wir bei uns oben an der Geltinger Birk bereits vor Corona einen Zuwachs an Tagestouristen verzeichnen, der so kaum noch zu bewältigen ist. Der Nutzungsdruck ist in den Jahren immer weiter gestiegen, sodass Verantwortliche vor Ort vor dem Problem stehen, wie sie Herr der Lage bleiben sollen. Die verkehrliche Infrastruktur ist überlastet – es fehlt insbesondere an Parkraum in Strandnähe –, und die Toleranz bei den Anwohnern sinkt mit der Zunahme an Besuchern. Was einst ein idyllisches und seltenes Fleckchen für Ornithologen war, hat sich immer weiter zu einem dieser Naturhotspots entwickelt. Neben der schönen Natur lassen sich dort Robustrinder und Wildpferde bei der Landschaftspflege beobachten. Für viele Familien ist ein Ausflug in die Natur ein Ausflug mit Eventcharakter. Auch wildes Campen oder frei laufende Hunde haben sich dort zu einem Problem entwickelt. Für den SSW möchte ich ganz klar sagen: Wir begrüßen es, wenn Menschen die Natur bei uns genießen wollen, um dem Alltag zu entfliehen oder um zu entschleunigen. Die unterschiedlichen Naturräume sind ein Pfund für Schleswig-Holstein, und das wollen und dürfen wir ihnen nicht vorenthalten. Die Frage ist daher: Wie bekommen wir den gestiegenen Erholungsbedarf und Wunsch nach Natur mit seinen daraus resultierenden Herausforderungen unter einen Hut? Es wird keine gleichlautende Lösung für Schleswig-Holstein geben, das ist klar. So unterschiedlich, wie die Naturräume sind, ist auch der Andrang in eben diesen Gebieten. Das heißt, vieles zur Lösung der Probleme muss vor Ort geregelt werden. Ich glaube, darauf sind die Kommunen und Gemeinden auch eingestellt, denn sie kennen die Lage vor Ort am besten. Es muss ihre Entscheidung bleiben, wie sie sich den Herausforderungen stellen wollen. Aber angesichts der teilweise massiven Probleme mit dem Besucherandrang wünschen sich die Kommunen eine entsprechende Unterstützung und Beratung. Die Frage ist also, mit welchen Maßnahmen die Landesregierung den Kommunen oder den AktivRegionen unterstützend zur Seite stehen kann. Wie sieht eine moderne und effektive Besucherlenkung aus? Wie kann eine moderne Aufklärung und Wissensvermittlung aussehen, gerade dort, wo es sich um sensible und geschützte Naturlebensräume handelt? Oder wie lassen sich Naturschutzverbände in diese Arbeit einbinden? Wenn es um Lösungsansätze geht, muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Wie gesagt, bundesweit war dieses Phänomen in Coronazeiten zu verzeichnen. Das heißt, ein landes- oder eben gar bundesweiter Erfahrungsaustausch bei den Gemeinden, Städten und Regionen könnte ebenfalls durchaus hilfreich sein – auch für einen Minister im Blindflug, der eben keine Statistik führt. – Vielen Dank. (Beifall SSW, FDP und vereinzelt SPD)
