Dr. Heiner Garg
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte mich nach dem Beitrag des Kollegen Petersdotter noch einmal zu Wort melden. Herr Kollege, Ihr Beitrag folgte komplett der Logik des Pandemiemanagements, wir sind noch in der Pandemie, wie misst man das, wie viele Infektionen gibt es? Es ist möglicherweise eine der schwersten politischen Entscheidungen, und es ist und wird immer eine politische Entscheidung bleiben, wann wir in die Endemie übergehen. Die bemisst sich nicht nach der Anzahl der Infektionen oder der Zahl der Tests oder der Höhe der Positivrate, sondern in die Entscheidungsfindung wird einbezogen, auf was für eine Bevölkerung das Virus und zukünftige Varianten treffen, wie immunisiert die Bevölkerung ist. Inzwischen gehen wir davon aus, dass durch Infektion und Impfung rund 95 % der deutschen Bevölkerung immunisiert sind. Das heißt nicht, dass sie sich nicht wieder anstecken können. Ich habe in den letzten 30 Jahren, in denen ich Gesundheitspolitik machen durfte, nie eine Debatte darüber erlebt, was eine Influenza-Infektion bei Menschen über 80 Jahre verursacht. Ich habe erst durch die viel zitierte Anne Marcic gelernt, was eine Influenza-Infektion bei bestimmten Menschen (Dr. Heiner Garg) mit den Organen machen kann. Darüber wurde hier nie diskutiert. Darüber müssen wir auch gar nicht diskutieren, wenn wir akzeptieren, dass wir politisch einen Zeitpunkt definieren und entscheiden, ab dem wir das SARS-CoV-2-Virus wie jeden anderen ernst zu nehmenden Atemwegsinfekt behandeln. Darum geht es. Es hat zwar niemand direkt einen Vorwurf formuliert, aber ich möchte hier noch einmal sehr klar sagen: Sie haben von mir mit keinem Wort gehört, dass die Forderung nach Abschaffung der Isolationspflicht damit begründet wird, dass die Leute dann alle wieder arbeiten gehen können. Das würde ich nie tun, weil es unsinnig ist. Menschen, die krank sind, gehen nicht arbeiten. (Zuruf Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) – Ja, ich weiß aber, was da mitschwingt. Darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, ein Leben in Normalität zu führen mit einem Virus, das möglicherweise auch noch in 40 Jahren – dann in einer anderen Variante – vorhanden sein wird. Es geht darum, politisch den Mut zu haben, diesen Zeitpunkt zu bestimmen. Das wird uns niemand abnehmen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, deswegen rate ich sehr dazu, dass wir uns nicht in eine Situation manövrieren, in der wir uns in Europa isolieren. – Herzlichen Dank. (Beifall FDP und SSW)
